Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Else Ury

Portrait von Else Ury © Marianne Brentzel
Stolperstein für Else Ury. Foto: OTFW.
Stolperstein für die Bewohner der Solinger Str. 10. Bildrechte OTFW
Stolperstein zum Schicksal der Bewohner Solinger Str. 10. Bildrechte: OTFW.
VERLEGEORT
Solinger Straße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
September 2003

GEBOREN
01.11.1877 in Berlin
DEPORTATION
am 12.01.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
13.01.1943 in Auschwitz

Else Ury war eine der bekanntesten Jugendbuchautorinnen der 1920er Jahre. Sie wurde am 1. November 1877 in Berlin-Mitte, nahe des Alexanderplatzes, in der Heiligegeiststraße geboren. Die Familie Ury war in der dritten Generation in Berlin ansässig. Der Vater, Emil Ury, war Tabakfabrikant, die Mutter Franziska, geb. Schlesinger, führte den Haushalt. Die Brüder, Ludwig (1870-1963) und Hans (1873-1937), wurden Rechtsanwalt und Arzt. Ihre Schwester Käthe (1881-1943) - das „Nesthäkchen“ der Familie Ury - machte eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin und heiratete den Baurat Hugo Heymann. Else Ury besuchte ein Mädchenlyzeum, die Luisenschule. Traditionsgemäß erwartete sie nach dem Schulabschluss die Ehe. Else Ury heiratete jedoch nicht – sie begann zu schreiben. 1905 erschien ihr erstes Buch „Was das Sonntagskind erlauscht“, im Stil moderner Märchen geschrieben, im Globusverlag. Im selben Jahr zog die Familie an den Savignyplatz. Um 1913 kamen die ersten beiden Bücher der Erfolgsserie „Nesthäkchen“ heraus. Im Ersten Weltkrieg schrieb Else Ury patriotisch gesinnte Romane, die sie als Fortsetzungsgeschichten in der Zeitschrift „Das Kränzchen“ veröffentlichte. In einigen späteren Romanen bekannte sie sich zu den Idealen der deutschen Frauenbewegung. Bis 1925 war die zehnbändige Geschichte des „Nesthäkchens“ Annemarie Braun fertig geschrieben und wurde eine der bekanntesten Kinderbuchserien des 20. Jahrhunderts. Die Geschichten wurden im Radio gelesen, der Kreis der Leserinnen wuchs ins Millionenfache. Auch als anerkannte Autorin lebte Else Ury weiterhin in ihrem Elternhaus und hatte keinen Kontakt zur literarischen Avantgarde Berlins. Sie leistete sich dagegen ein Ferienhaus als Rückzugsort in Krummhübel in Schlesien (heute Karpacz), das als „Haus Nesthäkchen“ bekannt wurde. Mit „Professors Zwillingen“ legte sie eine weitere Serie vor. 1933 veröffentlichte sie ihr letztes Buch: „Jugend voraus.“Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wuchsen auch für Else Ury die unsichtbaren Mauern der Verfolgung, die Familie wurde entrechtet und in ihrer Existenz bedroht. Der Bruder Hans wählte 1937 den Freitod, die Geschwister wurden nach dem Novemberpogrom 1938 von ihren Kindern ins Ausland geholt, Dr. Ludwig Ury nach London, Käthe Heimann mit Ehemann Hugo nach Amsterdam. Else Ury musste zwangsweise in ein „Judenhaus“ in der Solinger Straße ziehen. Sie pflegte hier ihre über 90-jährige Mutter, die 1940 starb. Am 6. Januar 1943 wurde Else Ury von der Gestapo in das Sammellager in der Großen Hamburger Str. 26 gebracht. Am 12. Januar wurde sie zusammen mit 1100 Berliner Juden im Viehwaggon, dem 26. „Osttransport“, nach Auschwitz deportiert und dort am 13. Januar 1943 in die Gaskammer getrieben. Ihre Schwester Käthe wurde mit Ehemann Hugo, Tochter, Schwiegersohn und einem Enkel aus Amsterdam deportiert und ermordet. Ihr in London lebender Neffe, konnte später ihr Erbe antreten und dafür sorgen, dass ihre Bücher wieder erscheinen. Else Ury schenkte mit ihren insgesamt 38 Büchern ungezählten Generationen lesebegeisterter Mädchen und Jungen Identifikationsfiguren, die die Kriegs- und Nachkriegszeit überdauerten und deren Faszination auf Leser bis heute ungebrochen ist. Ihr Werk richtete sich an alle Kinder, gleich welcher Konfession. Ihr Werk, insbesondere die Nesthäckchenserie, ist ein Teil unserer literarischen Kultur geworden.

-----

Marianne Brentzel