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Lucie Tana Hecht (geb. Kayser)

Stolpersteine in der Steinbockstraße 23. Foto: Ruben
VERLEGEORT
Steinbockstraße 23

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Neukölln
VERLEGEDATUM
10.12.2007

GEBOREN
16.06.1888 in Frankfurt/Main
DEPORTATION
am 28.03.1942 nach Piaski
ERMORDET

Lucie Kayser wurde am 16. Juni 1888 in Frankfurt/Main als Tochter des Juristen Max Michael Kayser und seiner Ehefrau Maria Cohen geboren. Der Vater war Richter, zum Zeitpunkt ihrer Geburt Amtsrichter, später Landgerichtsrat. Die Familie war jüdischer Herkunft, Lucie Kayser wurde evangelisch getauft. Sie wuchs im Westend der Stadt auf, in einem vom wohlhabenden Bürgertum bewohnten Stadtteil.
Wie es damals üblich war – und weil es nur wenige „standesgemäße“ Berufe für Mädchen und Frauen gab – war Lucie Kayser „ohne Beruf“ (so die Heiratsurkunde) und lebte bei den Eltern.
Am 15. April 1913 heiratete sie in Frankfurt/Main den 1883 in Kassel geborenen Gerichtsassessor Dr. Arthur Hecht, der ebenfalls noch bei den Eltern in seiner Geburtsstadt lebte. Auch er stammte aus einer jüdischen Familie, war selbst aber evangelisch getauft. Am 17. Januar 1914 kam ihre Tochter Gerda auf die Welt, sie blieb das einzige Kind des Ehepaars. Während des in demselben Jahr beginnenden Ersten Weltkriegs kämpfte der Ehemann von Lucie Hecht an der Front.
Nach dem Ende des Kriegs und auch des Kaiserreichs zog die Familie Hecht nach Berlin. Der Ehemann von Lucie Hecht arbeitete seit Mai 1920 beim Amtsgericht Berlin-Neukölln, im Juli 1921 wurde er dort Amtsgerichtsrat.
Beide im bürgerlichen Westen ihrer Geburtsstädte aufgewachsen, zogen Lucie und Arthur Hecht im Mai 1921 in die vom Magistrat Neukölln gebaute „Siedlung am Dammweg“ („Kleinhaussiedlung am Dammweg“). Die Siedlung war von Stadtbaurat Josef Zizler (1881–1955) nach einem Entwurf von Reinhold Kiehl (1874–1913, ebenfalls Stadtbaurat) gebaut worden. Hier lebten Facharbeiter und Handwerker, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Gewerkschaftsbeamte, auch Stadträte und andere Bezirks- und Parteipolitiker, darunter wohl viele Sozialdemokraten.
Hier sollte Lucie Hecht mit ihrem Ehemann bis zur Deportation leben, hier zog sie ihre Tochter Gerda groß. – Ein Tagebuch hätte von ihrem Leben in der Siedlung, von ihrer Arbeit berichten können. So bleibt das Leben der anderen: Die Tochter besuchte ein Gymnasium, absolvierte nach dem Abitur in Berlin eine Lehre als Buchhändlerin und arbeitete als Antiquarin. Sie lebte weiter bei Mutter und Vater. Zum 31. Dezember 1935 entlassen, konnte sie mit Hilfe der Eltern im Januar 1936 in die USA emigrieren.
Lucie Hechts Ehemann war zum April 1933 zwangsweise in den Ruhestand versetzt, dann aber bis zum 1. Januar 1936, da Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, weiterbeschäftigt worden. 1938 nahm Lucie Hecht den Zwangsvornamen „Tana“ an, ihr Ehemann den Zwangsvornamen „Denny“. (Dies war möglich, wenn man die Zusatzvornamen Israel und Sara vermeiden wollte.) Im Mai 1939 versuchte das Ehepaar nach Kuba und in die USA auszuwandern, scheiterte aber.
Am 28. März 1942 wurde Lucie Hecht mit ihrem Ehemann Arthur in das Ghetto Piaski im Landkreis Lublin, ein Durchgangslager in die nahen Vernichtungslager, deportiert. Fast 1000 Menschen gehörten zu diesem Transport. Einige wenige Männer blieben zur Zwangsarbeit in Lublin, darunter der Ehemann von Lucie Hecht. Er wurde noch im August 1943 lebend gesehen.
In Piaski begannen im Juni 1942 die Transporte in das Vernichtungslager Sobibor. Ab Februar 1943 wurde das Ghetto ganz aufgelöst, die noch Lebenden in ein Vernichtungslager gebracht. So wird Lucie Hecht vor ihrem Ehemann umgekommen sein. Aber auch er ist nicht wiedergekommen.

Die Tochter Gerda beendete ihre Berufsausbildung in den USA und heiratete 1942 den ebenfalls aus Deutschland stammenden Paul Schuyler (1905–2006). 1943 wurde sie US-amerikanische Staatsbürgerin. 2003 ist Gerda Hecht, verheiratete Schuyler, in New York gestorben.


Biografische Zusammenstellung

Dietlinde Peters

Weitere Quellen

Adressbuch von Frankfurt/Main
Hans Bergemann/Simone Ladwig-Winters, Richter und Staatsanwälte jüdischer Herkunft in Preußen im Nationalsozialismus, Köln 2004
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Museum Neukölln