Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Max Woythaler

VERLEGEORT
Waldmannstraße 6

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Lankwitz
VERLEGEDATUM
16.06.2018

GEBOREN
11.02.1875 in Bromberg / Bydgoszcz
BERUF
Tabakfabrikant
FLUCHT
nach England
ÜBERLEBT

Max Woythaler wurde am 11. Februar 1875 in Bromberg (heute: Bydgoszcs / Polen) als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie geboren. Über seine Zeit in Bromberg gibt es leider keine konkreten Informationen. Am 6. Oktober 1907 heiratete er in Mönchengladbach Lydia Liebreich, die Tochter des ursprünglich aus Bocholt stammenden Textilfabrikanten Belmont Liebreich. Am 11. November 1908 kam der Sohn Erwin Belmont, am 25. Juni 1910 die Tochter Ilse in Bromberg zur Welt.
Die von seinem Verwandten David Woythaler in Bromberg im Jahre 1871 gegründete Schnupftabakfabrik gehörte bereits im Jahre 1907 zu einer der namhaftesten und größten Schnupftabakfabriken im damaligen Preußen. Es ist anzunehmen, dass Max Woythaler eine nicht unbedeutende Funktion in diesem Unternehmen innehatte.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gehörte Bromberg entsprechend dem Versailler Friedensvertrag zu Polen. Die dadurch erschwerten wirtschaftlichen Handelsbeziehungen zu dem deutschen Absatzgebiet veranlassten sicherlich auch David Woythaler dazu, seine Fabrik in Bromberg aufzugeben und nach Berlin überzusiedeln. Bereits im Berliner Adressbuch des Jahres 1903 findet man einen ersten Hinweis auf eine Ausweitung der Tabakfabrikation Woythalers nach Berlin. Ende 1920 findet sich die Eintragung von Max Woythaler im Grundbuch für die Zweigniederlassung der Bromberger „Schnupftabakfabrik David Woythaler“ zu Berlin in Lankwitz, Postadresse Derfflingerstraße 32/34. Im Jahre 1921 wurde die Fabrikation in Bromberg aufgegeben und die Übersiedlung der Fabrikanlage nach Lankwitz kann als abgeschlossen betrachtet werden. Als Firmengelände wurde dabei ein in der Derfflingerstraße bereits bestehendes und mit einem Backsteingebäude bebautes Gelände genutzt, auf dem zuletzt eine 1917 durch einen Dachstuhlbrand zerstörte Pianofabrik niedergelassen war. Die Lankwitzer Fabrik erfuhr bis in die 1930er Jahre durch Umbauten und Anbauten von Kessel- und Schornsteinanlagen eine Vergrößerung. Nichts weist dagegen heute mehr auf die Existenz dieser Fabrik hin, die den Krieg und damit auch die Lankwitzer Bombennacht im August 1943 augenscheinlich zumindest weitgehend unbeschadet überstanden hatte.
Der zu diesem Zeitpunkt bestehende Wohnsitz des noch im Berliner Adressbuch 1925 und 1927 als Eigentümer der Fabrik eingetragenen David Woythaler ist ebenso wenig zweifelsfrei festzustellen wie der von Max Woythaler und seiner mit ihm aus Bromberg mitgezogenen Familie. Einige Indizien ergeben einen Wohnsitz in Teltow-Seehof, der allerdings spätestens 1927 oder 1928 aufgegeben worden sein muss. Der offizielle Telefonanschluss lief dagegen über die Firma in der Derfflingerstraße 32/34 in Lankwitz. David Woythaler selbst taucht danach auch nicht mehr in den Berliner Adressbüchern auf. Sein Schicksal ist nicht weiter nachzuvollziehen.
Mit seiner Frau Lydia sowie seinen beiden Kindern bezog Max Woythaler schließlich Ende 1927/Anfang 1928 den von ihm ein Jahr zuvor in Auftrag gegebenen Neubau in der Waldmannstraße 6 in Lankwitz. Architekt dieses sehr modern, fast extravagant wirkenden zweigeschossigen Hauses war der damals bereits namhafte Hugo Häring, der später u.a. für die Konzeption der Siedlung Siemensstadt in Charlottenburg verantwortlich war und mit dem Bauhausarchitekten Mies van der Rohe zusammenarbeitete. Das erst in den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner Renovierungsbedürftigkeit abgerissene, während des Krieges nur leicht zerstörte, zuletzt nach Rückbebauungsmaßnahmen vom Bezirk Steglitz als Unterkunft für obdachlose Familien genutzte Wohnhaus wies sicherlich ein für das damalige Lankwitz sehr markantes Erscheinungsbild auf.
Über die Familie selbst lässt sich nur wenig ermitteln. Anzunehmen ist, dass sie in das soziale Umfeld in Lankwitz integriert und am gesellschaftlichen und kulturellen Geschehen in Berlin beteiligt war. So gehörte Max Woythaler seit 1930 dem ältesten Berliner Geschichtsverein, dem Verein für die Geschichte Berlins an (dort jedoch mit falschem Geburts- und Todesdatum bzw. -ort geführt) und zählte zu den Vorständen der liberalen jüdischen Reformgemeinde. Ebenso ergibt sich aus den Akten des Landesarchivs Berlin, dass die Familie trotz der zunehmenden Verfolgung jüdischer Mitbürger und der Maßnahmen zur Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz die Firma zunächst noch weiterführen konnte und damit ein zumindest einigermaßen ausreichendes finanzielles Auskommen zu haben schien. Erwin, der Sohn der Familie, sowie ein Schwager führten zusammen mit Max Woythaler und zwei weiteren Prokuristen bis 1938 das Unternehmen fort. Zunehmende existenzielle Schwierigkeiten der Familie mögen sich daraus ableiten lassen, dass sich Max Woythaler noch im Sommer 1938 mit einem Umbaugesuch an die dafür zuständige Lankwitzer Baubehörde wandte, worin er um die Genehmigung ersuchte, sein bisher alleine mit der Familie bewohntes Haus zur Nutzung durch eine weitere Wohnung baulich verändern zu dürfen.
Die Repressionen und Gewaltakte der Nationalsozialisten gegen Juden – die die Woythalers persönlich, aber sicher auch in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld, etwa bei der in der Nachbarschaft wohnenden Familie Kobrak (Waldmannstraße 1) wahrnahmen – und die 1938 offen und brutal sichtbare Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens werden Max Woythaler dazu veranlasst haben, sich für einen schnellstmöglichen, wenn auch unter dem Druck der drohenden Verfolgung, so doch noch eigenverantwortlich zu regelnden Verkauf der Fabrik zu entscheiden. Die seit Beginn 1938 mit einem aus Ratibor (Schlesien) stammenden deutschen Tabakfabrikanten unternommenen Verhandlungen führten schließlich im Sommer des gleichen Jahres zum Verkauf der Fabrik.
Im März 1939 gelang es der Familie, nach England zu fliehen. Es ist anzunehmen, dass das Fluchtziel England in engem Zusammenhang mit der im gleichen Jahr, nur wenige Wochen früher vollzogenen Emigration der aus Gladbach mit ihrem Sohn Karl geflohenen Tante seiner Frau, der Fabrikantenwitwe Isabella Lilienthal (geb. Liebreich), steht. Karl Liebreich war bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Großhändler in London tätig gewesen und konnte daher sicher auf entsprechende Kontakte zurückgreifen.
Max Woythaler verstarb dort im Jahre 1944. Über das weitere Schicksal seiner Frau, die zumindest noch bis Ende der 1950er Jahre nachweislich in der Grafschaft Kent, später wohl im Gebiet um Greater London lebte, sowie seines ebenfalls wohl dort niedergelassenen Sohnes Erwin (auch Irvine genannt) und seiner mit einem Engländer verheirateten Tochter Ilse ist weiter nichts bekannt.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Christiane Scheidemann