Hedwig Rosenthal geb. Kessel

Verlegeort
Barbarossaplatz 1
Bezirk/Ortsteil
Schöneberg
Verlegedatum
24. November 2018
Geboren
07. Dezember 1887
Deportation
am 25. Januar 1942 nach Riga
Ermordet
15. Februar 1942 in Riga

Arthur Abraham Rosenthal kam am 20. November 1875 im oberschlesischen Koschentin (heute: Koszęcin / Polen) als erstes Kind des Kaufmanns Salomon Rosenthal und seiner Ehefrau Dorothea, geb. Pick, zur Welt. Arthur hatte drei jüngere Geschwister: Mathilde (geb. 1877), Moritz (geb. 1879) und Hedwig (geb. 1880). Die Familie zog in die aufsteigende Metropole Berlin. Das erste Mal ist Salomon Rosenthal im Berliner Adressbuch im Jahr 1888 im heutigen Bezirk Friedrichshain verzeichnet, doch schon 1891 starb der Vater. Arthur Rosenthal erlernte das Schneiderhandwerk, erst gab er als Beruf „Zuschneider“ an, dann schon bald „Confectionär“, wechselte häufig seine Adressen und wohnte schließlich 1907 in der Rungestr. 18 im heutigen Bezirk Mitte, in einem großen Gebäudekomplex mit der typischen Berliner Aufteilung: Im Vorderhaus wurde gewohnt, in den hohen verglasten Räumen der Hinterhöfe wurde produziert.<br />
Arthur Rosenthal heiratete im Oktober 1907 Hedwig Kessel, die er in einem Kegelverein kennengelernt hatte. Dass die religiöse Trauung in der liberalen Synagoge in der Lindenstraße stattfand, zeigt, dass die beiden Familien – Kessel und Rosenthal – sich vorrangig als deutsche Staatsbürger verstanden, die den jüdischen Glauben haben.<br />
Hedwig Kessel kam am 7. Dezember 1887 in Berlin als Tochter des Posamentierwarenhändlers Bernhard Kessel und seiner Ehefrau Zerlina Zipora (genannt Lina), geb. Alexander, zur Welt. Ihre Eltern stammten aus der Provinz Posen, der Vater starb bereits 1902 im Alter von 48 Jahren. Hedwig war das jüngste Kind der Familie: Bruder Alfred war 1881, Erich 1884 und Felix 1885 geboren.<br />
Alle Geschwister von Arthur und Hedwig Rosenthal, mit Ausnahme von Hedwigs Bruder Felix, der Uhrenhändler wurde, und Arthurs Bruder Moritz, der – sehr fortschrittlich – eine Offset-Druckerei betrieb, waren im weitesten Sinne im Bekleidungsgewerbe tätig, oder, wie es die Berliner Juden selbst bezeichneten, in der „Confection“: Sie betrieben einen Tuchhandel, wie Mathilde und ihr Mann Martin Wolfsohn, fertigten Damenmäntel, wie Hedwigs Mann Louis Cahn, oder hatten eine Putz- und Feder-Handlung en gros, wie Erich und Alfred Kessel.<br />
Am 14. Mai 1910 wurde Kurt, der erste Sohn von Hedwig und Arthur Rosenthal, in der Rungestraße geboren. Bald darauf zog die Familie aus den einfachen Wohn- und Lebensverhältnissen in der Mitte Berlins in das besonders von etablierten Juden bevorzugte und gerade fertig gestellte Bayrische Viertel in Schöneberg. Die Familie Rosenthal wohnte nun in der Schwäbischen Str. 25, dort kam am 15. April 1914 der zweite Sohn, Herbert, zur Welt.<br />
1912 gründete Arthur Rosenthal mit Markus Kosterlitz und Willy Markwald die Firma „Markwald, Rosenthal und Kosterlitz Damenmäntel-Konfektion“ mit Sitz am renommierten Hausvogteiplatz 3–4. Die Firma florierte und die Rosenthals zogen 1920 in eine großzügige 7-Zimmer-Wohnung am repräsentativen Barbarossaplatz 1. Schon im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft musste Arthur mit seiner Firma in die benachbarte Kronenstr. 41 umziehen. 1934 war er gezwungen, die sehr große Wohnung aufzugeben und in eine kleinere Wohnung in der Helmstedter Str. 22 in Wilmersdorf zu ziehen, die jedoch immer noch fünf Zimmer hatte. Auch mussten die Konfektionäre Kosterlitz, Rosenthal und Markwald ihre Firma bereits 1935 aufgeben, denn der anhaltende Boykott jüdischer Geschäfte und der Straßenterror machte die Profitabilität ihrer Damenkonfektion zunichte.<br />
Die Söhne Herbert und Kurt Rosenthal schlossen sich, obwohl in einer deutsch-jüdisch liberalen Umgebung aufgewachsen, der zionistischen Jugendgruppe „Habonim Noar Chaluzi“ (auf deutsch etwa: „Bauleute der Pionierjugend“) an, deren Ziel die Einwanderung – die Alija – der jungen Pioniere (der chaluzim) in das britische Mandatsgebiet Palästina war. Dort wurden sie von der den „Bauleuten“ übergeordneten Dachorganisation „Kibbuz Meuchad“ (Vereinigter Kibbuz) einem Kibbuz oder einer Siedlung zugewiesen. Davor mussten sich alle Pioniere auf die harte landwirtschaftliche Arbeit und die Einordnung in eine sozialistische Gruppe vorbereiten. Das geschah in der „Hachschara“ (Vorbereitung) auf abgelegenen Gütern oder Bauernhöfen in elf Ländern Europas. Herbert absolvierte seine Hachschara in Jugoslawien, Kurt in Dänemark. Mit einem von der WZO (World Zionist Organisation) finanzierten „Arbeiterzertifikat“, das nur für Jugendliche zwischen 18 und 35 Jahren galt, ging Herbert Mitte 1936 und Kurt im August 1937 nach Palästina. Herbert lebte im Kibbuz Gedera und wurde als Hafenarbeiter in Tel Aviv abgeordnet, Kurt kam zunächst nach Kfar Saba, dann ging er mit seiner Einheit nach Atarot, zwischen Jerusalem und Ramallah gelegen. Die Brüder kamen in das Land, als im Zuge der „Arabischen Revolte“ jüdische Siedlungen angegriffen und Bombenanschläge verübt wurden.<br />
Die Eltern Hedwig und Arthur unterstützten ihre Söhne mit monatlichen Päckchen, Paketen, Geldsendungen, Bücherkisten und sorgten sich nur um das Wohlergehen ihrer Kinder, nicht um das ihre. Sie führten, wenn auch mit Einschränkungen, ihr geselliges Leben fort und berichteten ihren Söhnen in den Briefen vom „sehr gemütlichen Oneg Schabbat“, von den Geburtstagsfeiern mit den „Onkels“ Erich, Alfred, Martin und Moritz und den Tanten Mieze und Gina sowie dem „Vetter Heinz“ (Cahn) und von ihren regelmäßigen Besuchen der Veranstaltungen des „Kulturbundes Deutscher Juden“.<br />
Hedwig und Arthur Rosenthal begannen erst Mitte 1938 über eine Emigration nachzudenken, als Arthur seine „Reiselegitimationskarte“ abgeben musste, mit der er noch Restbestände seiner Kollektion als „fahrender Händler“ – allerdings unter Preis – hatte verkaufen können, und ihnen die Wohnung zum 1. Mai 1939 gekündigt wurde. Bisher hatte das Ehepaar durch den Verkauf von Mobiliar und Büchern sowie die Vermietung eines Zimmers noch seine Existenz sichern können. Arthur Rosenthal stellte am 22. Mai 1939 einen Antrag beim britischen Konsulat in Jerusalem auf „Anforderung“ für sich und Hedwig durch seine Söhne, denn die Eltern hatten 1939 kein Geld mehr zur Verfügung, um über das sogenannte Kapitalistenzertifikat, für das eine Mindestsumme von 1000 englischen Pfund zu hinterlegen war, nach Palästina zu emigrieren. Aber die britische Regierung hatte, um die Araber, die auch britische Einrichtungen zerstörten, zu beschwichtigen, die sowieso schon geringen Einwanderungszahlen noch einmal massiv eingeschränkt. Damit rückte die Einwanderung von Hedwig und Arthur nach Palästina in sehr weite Ferne. Sie mussten im Juli 1940 mit einem kärglichen Rest ihrer Wohnungseinrichtung – nicht einmal Betten durften sie mitnehmen – zur Untermiete in ein kleines Zimmer in der Freisinger Str. 8 ziehen, in ein „Judenhaus“. Hedwig und Arthur Rosenthal hofften bis zuletzt auf ihre Auswanderung nach Palästina. Die letzte Nachricht von ihnen an ihre Söhne über das Deutsche Rote Kreuz datiert vom 26. Dezember 1941.<br />
Am 25. Januar 1942 wurden Hedwig und Arthur Rosenthal mit dem „10. Osttransport“ nach Riga deportiert, wo sie am 15. Februar ermordet wurden.<br />
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Arthur Abraham Rosenthal kam am 20. November 1875 im oberschlesischen Koschentin (heute: Koszęcin / Polen) als erstes Kind des Kaufmanns Salomon Rosenthal und seiner Ehefrau Dorothea, geb. Pick, zur Welt. Arthur hatte drei jüngere Geschwister: Mathilde (geb. 1877), Moritz (geb. 1879) und Hedwig (geb. 1880). Die Familie zog in die aufsteigende Metropole Berlin. Das erste Mal ist Salomon Rosenthal im Berliner Adressbuch im Jahr 1888 im heutigen Bezirk Friedrichshain verzeichnet, doch schon 1891 starb der Vater. Arthur Rosenthal erlernte das Schneiderhandwerk, erst gab er als Beruf „Zuschneider“ an, dann schon bald „Confectionär“, wechselte häufig seine Adressen und wohnte schließlich 1907 in der Rungestr. 18 im heutigen Bezirk Mitte, in einem großen Gebäudekomplex mit der typischen Berliner Aufteilung: Im Vorderhaus wurde gewohnt, in den hohen verglasten Räumen der Hinterhöfe wurde produziert.
Arthur Rosenthal heiratete im Oktober 1907 Hedwig Kessel, die er in einem Kegelverein kennengelernt hatte. Dass die religiöse Trauung in der liberalen Synagoge in der Lindenstraße stattfand, zeigt, dass die beiden Familien – Kessel und Rosenthal – sich vorrangig als deutsche Staatsbürger verstanden, die den jüdischen Glauben haben.
Hedwig Kessel kam am 7. Dezember 1887 in Berlin als Tochter des Posamentierwarenhändlers Bernhard Kessel und seiner Ehefrau Zerlina Zipora (genannt Lina), geb. Alexander, zur Welt. Ihre Eltern stammten aus der Provinz Posen, der Vater starb bereits 1902 im Alter von 48 Jahren. Hedwig war das jüngste Kind der Familie: Bruder Alfred war 1881, Erich 1884 und Felix 1885 geboren.
Alle Geschwister von Arthur und Hedwig Rosenthal, mit Ausnahme von Hedwigs Bruder Felix, der Uhrenhändler wurde, und Arthurs Bruder Moritz, der – sehr fortschrittlich – eine Offset-Druckerei betrieb, waren im weitesten Sinne im Bekleidungsgewerbe tätig, oder, wie es die Berliner Juden selbst bezeichneten, in der „Confection“: Sie betrieben einen Tuchhandel, wie Mathilde und ihr Mann Martin Wolfsohn, fertigten Damenmäntel, wie Hedwigs Mann Louis Cahn, oder hatten eine Putz- und Feder-Handlung en gros, wie Erich und Alfred Kessel.
Am 14. Mai 1910 wurde Kurt, der erste Sohn von Hedwig und Arthur Rosenthal, in der Rungestraße geboren. Bald darauf zog die Familie aus den einfachen Wohn- und Lebensverhältnissen in der Mitte Berlins in das besonders von etablierten Juden bevorzugte und gerade fertig gestellte Bayrische Viertel in Schöneberg. Die Familie Rosenthal wohnte nun in der Schwäbischen Str. 25, dort kam am 15. April 1914 der zweite Sohn, Herbert, zur Welt.
1912 gründete Arthur Rosenthal mit Markus Kosterlitz und Willy Markwald die Firma „Markwald, Rosenthal und Kosterlitz Damenmäntel-Konfektion“ mit Sitz am renommierten Hausvogteiplatz 3–4. Die Firma florierte und die Rosenthals zogen 1920 in eine großzügige 7-Zimmer-Wohnung am repräsentativen Barbarossaplatz 1. Schon im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft musste Arthur mit seiner Firma in die benachbarte Kronenstr. 41 umziehen. 1934 war er gezwungen, die sehr große Wohnung aufzugeben und in eine kleinere Wohnung in der Helmstedter Str. 22 in Wilmersdorf zu ziehen, die jedoch immer noch fünf Zimmer hatte. Auch mussten die Konfektionäre Kosterlitz, Rosenthal und Markwald ihre Firma bereits 1935 aufgeben, denn der anhaltende Boykott jüdischer Geschäfte und der Straßenterror machte die Profitabilität ihrer Damenkonfektion zunichte.
Die Söhne Herbert und Kurt Rosenthal schlossen sich, obwohl in einer deutsch-jüdisch liberalen Umgebung aufgewachsen, der zionistischen Jugendgruppe „Habonim Noar Chaluzi“ (auf deutsch etwa: „Bauleute der Pionierjugend“) an, deren Ziel die Einwanderung – die Alija – der jungen Pioniere (der chaluzim) in das britische Mandatsgebiet Palästina war. Dort wurden sie von der den „Bauleuten“ übergeordneten Dachorganisation „Kibbuz Meuchad“ (Vereinigter Kibbuz) einem Kibbuz oder einer Siedlung zugewiesen. Davor mussten sich alle Pioniere auf die harte landwirtschaftliche Arbeit und die Einordnung in eine sozialistische Gruppe vorbereiten. Das geschah in der „Hachschara“ (Vorbereitung) auf abgelegenen Gütern oder Bauernhöfen in elf Ländern Europas. Herbert absolvierte seine Hachschara in Jugoslawien, Kurt in Dänemark. Mit einem von der WZO (World Zionist Organisation) finanzierten „Arbeiterzertifikat“, das nur für Jugendliche zwischen 18 und 35 Jahren galt, ging Herbert Mitte 1936 und Kurt im August 1937 nach Palästina. Herbert lebte im Kibbuz Gedera und wurde als Hafenarbeiter in Tel Aviv abgeordnet, Kurt kam zunächst nach Kfar Saba, dann ging er mit seiner Einheit nach Atarot, zwischen Jerusalem und Ramallah gelegen. Die Brüder kamen in das Land, als im Zuge der „Arabischen Revolte“ jüdische Siedlungen angegriffen und Bombenanschläge verübt wurden.
Die Eltern Hedwig und Arthur unterstützten ihre Söhne mit monatlichen Päckchen, Paketen, Geldsendungen, Bücherkisten und sorgten sich nur um das Wohlergehen ihrer Kinder, nicht um das ihre. Sie führten, wenn auch mit Einschränkungen, ihr geselliges Leben fort und berichteten ihren Söhnen in den Briefen vom „sehr gemütlichen Oneg Schabbat“, von den Geburtstagsfeiern mit den „Onkels“ Erich, Alfred, Martin und Moritz und den Tanten Mieze und Gina sowie dem „Vetter Heinz“ (Cahn) und von ihren regelmäßigen Besuchen der Veranstaltungen des „Kulturbundes Deutscher Juden“.
Hedwig und Arthur Rosenthal begannen erst Mitte 1938 über eine Emigration nachzudenken, als Arthur seine „Reiselegitimationskarte“ abgeben musste, mit der er noch Restbestände seiner Kollektion als „fahrender Händler“ – allerdings unter Preis – hatte verkaufen können, und ihnen die Wohnung zum 1. Mai 1939 gekündigt wurde. Bisher hatte das Ehepaar durch den Verkauf von Mobiliar und Büchern sowie die Vermietung eines Zimmers noch seine Existenz sichern können. Arthur Rosenthal stellte am 22. Mai 1939 einen Antrag beim britischen Konsulat in Jerusalem auf „Anforderung“ für sich und Hedwig durch seine Söhne, denn die Eltern hatten 1939 kein Geld mehr zur Verfügung, um über das sogenannte Kapitalistenzertifikat, für das eine Mindestsumme von 1000 englischen Pfund zu hinterlegen war, nach Palästina zu emigrieren. Aber die britische Regierung hatte, um die Araber, die auch britische Einrichtungen zerstörten, zu beschwichtigen, die sowieso schon geringen Einwanderungszahlen noch einmal massiv eingeschränkt. Damit rückte die Einwanderung von Hedwig und Arthur nach Palästina in sehr weite Ferne. Sie mussten im Juli 1940 mit einem kärglichen Rest ihrer Wohnungseinrichtung – nicht einmal Betten durften sie mitnehmen – zur Untermiete in ein kleines Zimmer in der Freisinger Str. 8 ziehen, in ein „Judenhaus“. Hedwig und Arthur Rosenthal hofften bis zuletzt auf ihre Auswanderung nach Palästina. Die letzte Nachricht von ihnen an ihre Söhne über das Deutsche Rote Kreuz datiert vom 26. Dezember 1941.
Am 25. Januar 1942 wurden Hedwig und Arthur Rosenthal mit dem „10. Osttransport“ nach Riga deportiert, wo sie am 15. Februar ermordet wurden.