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Martha Scheff (geb. Kauffmann)

Stolpersteine für Martha Scheff und ihre vier Töchter Barbara, Clara, Gabriele und Margarete Scheff. Copyright: Privatarchiv
VERLEGEORT
Goßlerstr. 21

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Friedenau
VERLEGEDATUM
28.06.2010

GEBOREN
14.03.1869 in Wüstegiersdorf-Tannhausen / Głuszyca
DEPORTATION
am 18.10.1941 nach Chełmno / Kulmhof
WEITERE DEPORTATION
am 08.05.1942 nach Chełmno / Kulmhof
ERMORDET
in Chełmno / Kulmhof

Martha Scheff lebte seit 1936 in der Goßlerstraße 21 in Friedenau, sie war im Seniorenalter, schon viele Jahre verwitwet und hatte einige Schicksalsschläge erlitten. Mit ihrem Mann, dem Juristen Fritz Scheff, und vier Töchtern war sie Mitte der 1890er Jahre nach Berlin gekommen. Dort brachte Martha 1897 noch ein fünftes Kind, den Sohn Adolf, zur Welt.

Geboren wurde Martha Scheff am 14. März 1869 als Tochter des Textilindustriellen Kauffmann und seiner Frau Clara, geb. Friedenthal, im niederschlesischen Wüstegiersdorf-Tannhausen (heute: Głuszyca/Polen). Die Textilwerke Meyer-Kauffmann waren 1824 in Breslau von Salomon Kauffmann gegründet worden. Es gehörten große Baumwollwebereien in Tannhausen, Marklissa, Rengersdorf und eine Wollabteilung in Wüstegiersdorf dazu.

Martha Scheff war mit dem am 27. September 1856 im oberschlesischen Brieg (heute: Brzeg/Polen) geborenen Fritz Scheff verheiratet. Die Eheleute waren am 13. Dezember 1894 zum evangelischen Glauben konvertiert. Bis etwa 1896 lebte die Familie in Wüstegiersdorf, wo auch ihre vier Töchter Margarete (*1890), Barbara (*1892), Clara (*1893) und Gabriele (*1895) geboren wurden. Der Sohn, Adolf Scheff, kam in Berlin zur Welt. Alle Kinder wurden evangelisch getauft. Martha Scheff folgte um 1896 ihrem aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogenen Mann. Am 12. Januar 1885 hatte Fritz Scheff sein Assessorexamen bestanden und war seit dem 17. Oktober 1895 am Berliner Landgericht II in der Kochstraße 72 als Rechtsanwalt zugelassen. Ab 1897 lebte die Familie in der Nürnberger Straße 66 im „Neuen Westen“, 1902 zog sie in die Villenkolonie Lichterfelde, Martha Scheff lebte mit ihrem Mann und den Kindern nun Jungfernstieg 21.

Fritz Scheff verstarb am 14. Juli 1911 unerwartet an Nierenkrebs und ließ die 42-jährige Martha mit den fünf Kindern im Alter von 14 bis 21 Jahren zurück. Am 18. Juli 1911 wurde Fritz Scheff in einem Familiengrab auf dem Parkfriedhof Lichterfelde beigesetzt. Einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes zog Martha Scheff vom Jungfernstieg in die Lichterfelder Mozartstraße 37-37a, im Adressbuch von 1917 ist sie zum ersten Mal unter dieser Anschrift zu finden. Wieso sie 1932 erneut umzog, dieses Mal in die Grabenstraße 10, ist genauso wenig bekannt, wie die Gründe für ihren letzten Umzug von Lichterfelde nach Friedenau in die Goßlerstraße 21.

Dort erfuhr sie 1938 vom Tod ihres Sohnes Adolf Scheff. Er hatte in Heidelberg Medizin studiert und dort zum 3. September 1925 seine Approbation erhalten. Seit 1928 war Dr. med. Adolf Scheff als praktischer Arzt in der Jenaer Straße 2 in Wilmersdorf niedergelassen. Zum 1. August 1933 hatte der evangelisch getaufte Arzt wegen seiner „nichtarischen“ Abstammung die Kassenzulassung verloren. Daraufhin verlegte er Wohnung und Privatpraxis in die Nürnberger Straße 24, 1935 heiratete er die nichtjüdische Ingeborg Rößler.

Am 28. November 1938 wurde Dr. Scheff von der Gestapo verhaftet. Es ist nicht klar, ob er einen Suizidversuch unternahm oder schwer misshandelt wurde. Er verstarb am 30. November 1938 im Polizeikrankenhaus in der Scharnhorststraße 13. Martha Scheff und die Angehörigen beerdigten ihn am 12. Dezember 1938 in der Familiengrabstätte auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde. Für Adolf Scheff gibt es einen Stolperstein in der Nürnberger Straße 24.

Am 30. Oktober 1940 musste Martha Scheff ihre dritte Tochter, die 1893 geborene Clara, beerdigen, die Suizid begangen hatte. Keine vier Monate später stand Martha am Grab ihrer zweitgeborenen Tochter Barbara. Sie war am 15. Februar 1941 infolge einer Schlafmittelvergiftung aus dem Leben geschieden.

Drei ihrer Kinder hatte Martha Scheff innerhalb weniger Jahre verloren, als sie der nächste Schicksalsschlag traf. Ihre älteste Tochter Margarete wurde am 18. September 1941 in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Bendorf-Sayn bei Koblenz zwangseingewiesen. Welche Behinderung sie hatte, ist nicht bekannt. Ende 1940 hatte das Reichsinnenministerium verfügte, dass in Sayn die jüdischen Geisteskranken aus dem gesamten Reichsgebiet gesammelt werden sollten. Zwischen März und November 1942 wurden alle Patienten „nach dem Osten evakuiert“, Marthas Tochter traf dieses Schicksal Anfang Mai 1942. Doch davon hat Martha Scheff vermutlich nichts mehr erfahren.

Am 18. Oktober 1941 wurde die 72-jährige Martha Scheff gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Gabriele mit dem „I. Transport“ in das Ghetto Łódź deportiert. Von dort wurden Mutter und Tochter am 8. Mai 1942 in das Vernichtungslager Chełmno verschleppt. Danach gibt es kein Lebenszeichen mehr von Martha Scheff.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Ruth Federspiel auf der Grundlage wesentlicher Vorarbeiten von Hannelore Emmerich