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Anna Demloff

Anna Demloff © OTFW
VERLEGEORT
Sprengelstr. 14

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Wedding
VERLEGEDATUM
Dezember 2006

GEBOREN
1904
ERMORDET
03.07.1940 in der Tötungsanstalt Hartheim

Anna wuchs wohlbehütet in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater war ein bekannter Heilpraktiker und Vorsitzender seines Berufsverbandes, der eine gutgehende Praxis und eine Klinik für gesunde Heilweise in Berlin hatte.
Anna und Rudolf Demloff, die glücklich verheiratet waren, hatten zwei Söhne: Erwin und Jürgen. Bilder aus dieser Zeit und die Kindheits- erinnerungen von Jürgen Demloff beschreiben eine zwar arme – man bedenke: die Folgen der Wirtschaftskrise brachten vielen Familien Hunger und Not –, aber glückliche Familie.
Die Erlebnisse Annas in ihrem Elternhaus, wenn sie mit ihrem Mann und den Kindern dort war, sowie ihre ganze Lebenssituation waren für sie ein Wechselbad der Gefühle, das sie krank machte. Jürgen Demloff erinnert sich, dass seine Mutter selig war, wenn sie mit ihrem Mann und den Kindern bei den Großeltern sein konnte. Aber zwischen dem Großvater und ihrem Mann gab es ständig Spannungen. Er ließ seinenSchwiegersohn spüren, dass er aus einem anderen Milieu kam. Jürgen Demloff erzählt: „...Wir sind draußen in Werder zu Weihnachten, es gibt
Festtagsbraten, die Gans wird aufgetragen, Großvater krempelt sich die Ärmel auf und zerlegt die Gans, sagt „Jedem das Seine” und gibt meinem Vater den abgeschnittenen Stieß. Der steht schweigend auf, zieht sich sein Jackett an und geht in die Kneipe, um was zu essen. Meine Mutter weint, es war ganz grausam. Zu Weihnachten bekamen wir die defekten abgelegten Spielsachen seines Sohnes aus zweiter Ehe, die mein Vater einwickelte und auf den Müllkasten legte. Meine Mutter weinte. Es war ein ganz grausamer Kampf.”
Jürgen Demloffs Mutter zerbrach an diesen psychischen Belastungen, wurde 1934 mit der Diagnose „manisch-depressives Irresein“ in die Wittenauer Heilanstalten eingeliefert. Und nun begannen zwei Leidensgeschichten. Die der Mutter Anna und die der Kinder Uwe und Jürgen.
57 Jahre nach dem Tod der Mutter, 1999, zwei Jahre nach dem Tod seiner Stiefmutter, bekam Jürgen Demloff das kleine Notizbuch seines schon lange verstorbenen Vaters, die seine jahrzehntelangen Nachforschungen zum Leidensweg seiner Mutter ergänzten.
Die Diagnose, mit der Anna Demloff in die Heil- und Pflegeanstalt eingeliefert wurde, bedeutete, dass sie automatisch vom Amtsarzt angezeigt und dann gleichzeitig nach dem Erbgesundheitsgerichtsbeschluss zwangssterilisiert wurde. Gleichzeitig gerieten die Kinder in das Visier der Rassehygieniker und Erbbiologen. 1935 war Jürgen sechs Jahre und sein Bruder sieben Jahre alt. Im Notizbuch des Vaters steht unter Sonntag, den 20. Januar, Eberswalde. Die Kinder waren zur erbbiologischen Überprüfung beim Oberwärter J. der Heil- und Pflegeanstalt in Eberswalde eingewiesen worden. Im Notizbuch des Vaters steht die genaue Adresse, Wärterdorf 17. Jürgen Demloff erinnert sich an den bedrückenden Aufenthalt in dieser Pflegefamilie. Der Vater versuchte immer wieder, die Kinder in Eberswalde zu besuchen und trug die Besuche jedes Mal in das kleine Büchlein ein. Unter dem 21. Januar 1935 steht Sterilisationsbescheid unterschrieben und Vormundschaft. Jürgens Vater übernahm für seine erkrankte Frau die Vormundschaft und musste gleichzeitig den Sterilisationsbescheid unterschreiben. Anna wurde durch ihre Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt von Amts wegen entmündigt.
Die Notizen seines Vaters lassen Jürgen Demloff die Geschichte noch
einmal erleben:
10. Februar Fahrt nach Eberswalde
12. Februar Erwin Geburtstag
15. Februar Bescheid an Wittenau
und am 30. März Ablauf der Kasse für Anna.
Dies bedeutete, dass Annas Mann vom 30. März bis zum 3. Juli 1940 für die Anwaltskosten und für den Unterhalt der Kinder in der Pflegefamilie, später Waisenhaus und Kinderheim, aufkommen musste. Um seine Jungen wenigstens bei sich haben zu können, nahm Rudolf Demloff sich eine Hausangestellte. Vier Jahre hielt der Vater dem Druck des NS-Regimes stand und ließ sich nicht von seiner geliebten Anna scheiden. 1938 konnte er diesen äußeren und nun auch inneren Druck nicht mehr ertragen. Seine Hausangestellte, die seine Frau werden wollte, wurde schwanger. Die Ehe wurde geschieden und damit am 30. August 1938 die Vormundschaft von Anna Demloff aufgehoben. Sie war jetzt ohne jeden Schutz. Mit dem gleichen Datum erfolgte ihre Verlegung in eine andere Anstalt. Hier verliert sich ihre Spur. Die zwei Jahre
bis zu ihrer Ermordung 1940 sind bis jetzt im Dunkeln. Die fingierte Sterbeurkunde aus der Tötungsanstalt Hartheim trägt das Datum 3. Juli 1940.


Biografische Zusammenstellung

Margret Hamm

Weitere Quellen

Margret Hamm: Zwangssterilisiert oder „euthanasie”-geschädigt zu sein – Eine Stigmatisierung, die geblieben ist, in: Dietmar Börnert, Jan Cantow, Werner Künzel, Martina Weyrauch (Hg.): Die Grenzen des Machbaren. Bioethik in Medizin und Genforschung, Eine gemeinsame Tagung der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung 30. September und 1. Oktober 2004, 2005, S. 79-80.
Publikation ist vergriffen, aber hier als Download verfügbar: https://www.politische-bildung-bran...