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Dr. Anna Hirschberg

Stolperstein für Dr. Anna Hirschberg. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Vorbergstr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
29.10.2010

GEBOREN
04.05.1881 in Danzig / Gdańsk
BERUF
Studienrätin
DEPORTATION
am 10.07.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Anna Hirschberg wurde am 4. Mai 1881 als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Danzig geboren. Als geprüfte Sprachlehrerin und Absolventin eines außeruniversitären Lehrerinnenseminars war sie in Zoppot als Lehrerin tätig, bevor sie – als die Gesetze zur Mädchenbildung dies endlich zuließen – 1911 in Danzig das Abitur ablegte. Anschließend studierte sie in Heidelberg, Berlin und Straßburg/Elsass Germanistik und neuere Sprachen. In Straßburg qualifizierte sie sich 1915 zur Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch, Englisch und Französisch und promovierte 1919 an der Universität Greifswald im Fach Germanistik. Anna Hirschberg blieb ledig und kinderlos. Während ihres Studiums in Straßburg lernte sie die nichtjüdische Geschichts- und Sprachstudentin Elisabeth Abegg (1882-1974) kennen, mit der sie ihr Leben lang eng befreundet blieb. Etwa in dieser Zeit, jedenfalls vor 1919, konvertierte Anna Hirschberg vom Judentum zum evangelischen Christentum.

Ihre besonderen pädagogischen Interessen galten der allgemeinen Volksbildung und der Reformpädagogik. Bei Reisen nach England machte sie sich mit dem Schul- und Sozialwerk der Quäker vertraut. Bis 1924 war sie an verschiedenen deutschen Orten als Vertretungslehrerin tätig, einmal scheiterte ihre Festeinstellung an einer Oberrealschule mit der Begründung, sie könne oder wolle die Schüler nicht ausreichend „disziplinieren“. Erst 1924 wurde sie als Studienrätin an einem Mädchengymnasium im thüringischen Meiningen fest eingestellt und verbeamtet.

Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde Anna Hirschberg mit Wirkung zum 1.10.1933 aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Schuldienst entlassen. Da sie zu diesem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre Beamtin war, hatte sie keinen Anspruch auf Pensionszahlungen. Ihr wurde lediglich eine geringe, befristete Unterstützung zugebilligt.

Auf der Suche nach Arbeit zog Anna Hirschberg Mitte der 1930er Jahre nach Berlin. Ab Dezember 1936 wohnte sie in der Vorbergstr. 15 in Berlin-Schöneberg, wo sie eine 2-Zimmer-Wohnung im Hochparterre bezog. Im Laufe des Krieges wurde bei ihr zwangsweise eine Untermieterin eingewiesen: Erna Samuel, die als Lehrerin an der Jüdischen Volksschule in der Rykestraße tätig war. Anna Hirschbergs Versuche, an einer jüdischen Schule eingestellt zu werden, scheiterten, da sie christlicher Konfession war. Im Juni 1939 stellte das Thüringische Finanzministerium alle Unterstützungszahlungen an sie ein. Vollends erwerbslos geworden, zehrte Anna Hirschberg danach ihre Ersparnisse auf und wurde wahrscheinlich auch von ihrer Freundin Elisabeth Abegg, die als Studienrätin in Berlin arbeitete, finanziell unterstützt. Zur Zwangsarbeit wurde sie wegen ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr herangezogen.

Als die Deportationen der Berliner Juden begannen, riet Elisabeth Abegg ihrer Freundin dringend zur Flucht in die „Illegalität“ und bot ihr an, sie in ihrer Wohnung in Berlin-Tempelhof zu verstecken. Anna Hirschberg lehnte dies jedoch strikt ab, weil sie, die 1941 60 Jahre alt geworden war und seit Ende der 1920er Jahre an einer fortschreitenden Augenkrankheit litt, sich einem Leben im „Untergrund“ nicht gewachsen sah und ihre Freundin nicht gefährden wollte. Am 10. Juli 1942 wurde Anna Hirschberg nach Theresienstadt deportiert. Von dort verschleppte die Gestapo sie am 16. Mai 1944 nach Auschwitz, wo Anna Hirschberg „verschollen“ ist. Ihre Untermieterin Erna Samuel wurde am 29.11.1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Für sie wird demnächst in der Charlottenburger Kantstraße vor ihrem letzten regulären Wohnhaus ein Stolperstein verlegt werden, den ein ehemaliger Schüler gestiftet hat.

Nach der Deportation von Anna Hirschberg entschloss sich ihre Freundin Elisabeth Abegg, gezielt Kontakte zu anderen jüdischen Verfolgten zu suchen, sie zur Flucht zu drängen, ihnen Hilfe anzubieten und Verstecke für sie zu organisieren. Gemeinsam mit Freunden baute sie ein Rettungsnetzwerk auf, durch das etwa 80 Menschen vor der Shoah gerettet werden konnten. Elisabeth Abegg wurde dafür 1967 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.


Biografische Zusammenstellung

Martina Voigt - Oktober 2010