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Dr. Gerhard Wartenberg

Dr. Gerhard Wartenberg. Copyright: GDW
Stolperstein für Dr. Gerhard Wartenberg. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Alt-Tempelhof 9-11

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Tempelhof
VERLEGEDATUM
07.03.2009

GEBOREN
01.02.1904 in Tannroda (Thüringen)
BERUF
Chemiker
ERMORDET
22.12.1942 in Sachsenhausen

Gerhard Wartenberg wurde am 1. Februar 1904 in Tannroda, Thüringen, als Sohn Max Wartenbergs, eines Porzellan- und Schildermalers und Sozialdemokraten, und dessen Frau Martha, geb. Lippke, geboren. Er besuchte die Oberrealschule in Leipzig bis zum Abitur. Obwohl seine Eltern nicht vermögend waren, ermöglichten sie ihm nach dem Schulabschluss dennoch ein Studium der Chemie an der Universität Leipzig, das er 1928 mit der Promotion abschloss.

Bereits als 18jähriger war er der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD), der Jugendorganisation der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) beigetreten und während seines Studiums in dieser Richtung publizistisch aktiv. Ab 1926 gab er in Leipzig die Zeitschrift „Der Bakunist. Zeitschrift für wissenschaftlichen und praktischen Anarchismus“ heraus und schrieb Beiträge für Erich Mühsams „Fanal“. 1927 trat er der FAUD und ihrem Angestellten-Verband bei.

Seine Anstellungen als Chemiker in Berlin-Schönholz und für die französische Firma Prophobla in Pereslawl bei Moskau waren zeitlich begrenzt. Aus Moskau ach Berlin zurückgekehrt, widmete sich der arbeitslose Wartenberg intensiver der politischen und publizistischen Arbeit. Im selben Jahr heiratete er auch Käte Pietzuch, die er Ostern 1928 am Rande eines Treffens der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), der Internationale der syndikalistischen Gewerkschaften, in Leipzig kennengelernt hatte. Am 29. Juli 1931 wurde ihr einziges Kind Ilse geboren.

Grundtenor seiner publizistischen wie auch organisatorischen Arbeit war das Bemühen um eine selbstbestimmte, unabhängige Arbeiterbewegung, die ihren Ausdruck in einer ökonomischen Kampforganisation finden sollte, die die Trennung von wirtschaftlichem und politischem Kampf aufhob. In Abgrenzung zur KPD wie zur SPD sah er in der Gewerkschaft die entscheidende Organisationsform des Proletariats.
Der Unentschlossenheit der Kommunisten und Sozialdemokraten, die in seinen Augen durch ihren machtpolitischen Schlingerkurs das Aufkommen des Faschismus begünstigt hatten, setzte er die Einheit des Proletariats von unten entgegen: „Wir Anarchosyndikalisten wollen keine reformistische Tolerierungspolitik, aber auch keine abenteuerliche RGO-Taktik. Wir wollen eine Einheit der Arbeiter von unten her, im Kampfe, im Betriebe, auf dem Arbeitsamt. Wir wollen gut vorbereitete, konzentrisch geführte Kämpfe, die auch trotz Krise und Arbeitslosigkeit noch möglich sind; Kämpfe, die die Arbeiter selbst wollen und führen. Dazu sind allerdings starke, revolutionäre, unabhängige Gewerkschaften notwendig, die nur die Interessen der Arbeiter wahrnehmen und nicht nach der Pfeife irgendwelcher Parteibonzen im Reichstag oder in Moskau tanzen. Diese Kampfgewerkschaften sind das Ziel des Anarchosyndikalismus.“ (Der Syndikalist, 11 Jg., Nr. 11, 16.3.1929, S.27.)

Der FAUD gelang es allerdings nicht, diese Einheit herzustellen; ihre eigene Mitgliedschaft war von etwa 150 000 Anfang der 1920er-Jahre auf wenige Tausend geschrumpft. Obwohl bereits Anfang der 1930er-Jahre über Maßnahmen, die im Falle der Illegalität ergriffen werden müssten, diskutiert wurde, gab man die Hoffnung auf einen Generalstreik nicht auf.
Grundsätzlich reagierte die Berliner FAUD im Vergleich zu anderen Städten eher zögerlich und abwartend auf die herannahende Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Auch als am 9. März 1933 die Räume der Geschäftskommission von der Gestapo durchsucht wurden, plädierte Wartenberg dafür, abzuwarten bis sich die Wogen geglättet hätten.
Am 20. Mai 1933 wurde Wartenberg in Abwesenheit vom Amtsgericht Berlin-Mitte zu zwei Monaten Gefängnis wegen Aufforderung zum Ungehorsam und Vergehens gegen das Pressegesetz verurteilt. Anlass waren einige Artikel, die im „Arbeiterecho“ vom 11. Februar 1933 erschienen waren. In diesen warnten die Autoren vor dem Irrglauben, dass der Faschismus mit dem Stimmzettel aufzuhalten sei und forderten die Arbeiter erneut zum Generalstreik und „zu allen Mitteln der direkten Aktion, dem Streik, dem Boykott, der Sabotage, der passiven Resistenz“ auf. (Arbeiterecho, Nr. 6, 11.2.1933) Dies nahm der Berliner Polizeipräsident als Begründung, um am 16. Februar 1933 die Zeitung zu verbieten und Ermittlungen gegen Wartenberg – den presserechtlich Verantwortlichen – einzuleiten. Allerdings gelang es ihm, sich den polizeilichen Vorladungen zu entziehen. Nach illegalem Aufenthalt in Holland (April 1933), wo er an einer Sitzung der IAA in Amsterdam teilnahm, tauchte er anschließend kurzzeitig bei seiner Tante in Berlin-Tempelhof unter und setzte sich dann zu seinen Eltern nach Leipzig ab, wohin ihm seine Frau und Tochter im Juni folgten.

In Leipzig arbeitete Wartenberg im elterlichen Betrieb mit. Daneben hielt er nach wie vor Kontakt zu FAUD-Funktionären. Für die von Ferdinand Götze illegal in Leipzig herausgegebene FAUD-Zeitung „Die soziale Revolution“ verfasste er bis Februar 1934 regelmäßig Beiträge.

Im Jahr 1937 kam es zu einer größeren Verhaftungswelle gegen Anarchosyndikalisten. Über 200 Mitglieder der illegalen FAUD wurden Reichsweit festgenommen. Auch Wartenberg, der sich nach seiner Entlassung eher unauffällig benommen hatte, geriet ins Visier der Verfolgungsbehörden. Am 7. Mai 1937 wurde er vorläufig festgenommen und kam am 17. Juni 1937 in Untersuchungshaft.
Am 6. April 1938 wurde Wartenberg vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Dies hatte auch die Aberkennung seiner Doktorwürde durch die Universität Leipzig zur Folge.

In der Verurteilung Wartenbergs wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die anarchosyndikalistische Bewegung in Deutschland zwar klein, aber weltweit organisiert sei. Als Beispiel wurde „Rotspanien“ angeführt, wo die Anarchosyndikalisten der wichtigste Faktor im Kampf gegen den faschistischen Putsch Francos waren.
Seine Strafe saß Wartenberg in einer Reihe von Strafanstalten ab: von April 1938 bis Januar 1939 im Zuchthaus Waldheim, von Februar 1939 bis Oktober 1940 im Zuchthaus Zwickau, von November 1940 bis Januar 1941 im Arbeitslager Vechta, von Februar 1941 bis April 1941 wiederum im Zuchthaus Zwickau und schließlich von Mai 1941 bis Mai 1942 im Zuchthaus Wartenburg. Ein Gnadengesuch, das seine Frau im September 1941 stellte, wurde am 21. Oktober abgelehnt. Statt einer Begnadigung erwartete Wartenberg nach der Haftverbüßung im Juni 1942 die Inschutzhaftnahme durch die Gestapo Leipzig. Im Juli 1942 wurde er schließlich in das KZ Sachsenhausen überführt und bekam dort die Häftlingsnummer 43924/48. Am Heiligabend 1942 wurde Käte Wartenberg von der Gestapo vorgeladen. Ihr wurde mitgeteilt, dass ihr Mann am 22. Dezember 1942 an doppelter Lungenentzündung verstorben sei und sie über seine Asche verfügen könne. Seine Urne wurde neben der seines Vaters beigesetzt.


Die vollständige Biographie wurde in folgender Publikation veröffentlicht:
Hansi Oostinga, Wartenberg, Gerhard (1904-1942) Freie Arbeiter-Union Deutschland (FAUD), Angestellten-Verband, in: Siegfried Mielke (Hrsg.): Gewerkschaftler in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch, Bd.1, Berlin 2002, S. 293-296.

Biografische Zusammenstellung

Hansi Oostinga

Weitere Quellen

Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Polizeipräsidium Leipzig, PP-S 6457;
Arbeiterecho, Nr. 6, 11.2.1933
Rudolf Berner: Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). Herausgegeben, annotiert und ergänzt durch eine Studie zu Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten von Andreas G. Graf und Dieter Nelles, Berlin/Köln 1997.
Der Syndikalist, 1.-14. Jg., 1918-1932;
Gerhard, H.W. (d.i. Gerhard Wartenberg): Sozialismus-Parlament-Rätesystem, in: Der Syndikalist, 11. Jg. , Nr. 11, 10 März 1929.
Gerhard, H.W. (d.i. Gerhard Wartenberg):Über Hildburghausen ins Dritte Reich! Nationalsozialismus und Arbeiterklasse, Berlin 1932.
Interview mit Ilse Böttcher, Tochter Gerhard Wartenbergs, Mai 1999.
Hartmut Rübner: Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus, Berlin/Köln 1994.
Käte Wartenberg: Lebenserinnerungen, unveröffentlichtes Manuskript, 1990.