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Rosalie Rosa Hammer (geb. Jacoby)

Stolpersteine für Wolf und Betty Teller, Gertrud Mannheim, Rosalie Hammer, Else Meyer und Lilli Verschleisser © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Winsstraße 14

BEZIRK/ORTSTEIL
Pankow – Prenzlauer Berg
VERLEGEDATUM
Juni 2009

GEBOREN
20.09.1865 in Rosenberg in Westpreußen / Susz
DEPORTATION
am 07.09.1942 nach Theresienstadt
GESTORBEN
04.03.1943 in Theresienstadt

Rosalie Jacoby wurde am 20. September 1865 im westpreußischen Rosenberg (dem heutigen Susz in Polen), das etwa 130 Kilometer südöstlich von Königsberg (Kaliningrad) liegt, geboren. Sie war die Tochter des Kaufmanns Salomon Jakoby und der Flora Jakoby, geborene Kohn. Rosalie wuchs im Kreis von drei weiteren Geschwistern auf: Ihre älteren Schwestern Martha und Bertha waren 1861 und 1863 in Rosenberg zur Welt gekommen, ihr jüngerer Bruder Philip Solomon wurde 1870 geboren. Über die Kindheit und Jugend von Rosalie Jacoby und ihrer Geschwister habe sich keine weiteren Quellen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt, zu der zum Zeitpunkt der Geburt von Rosalie etwa 180 Personen zählten. Aus der Stadtgeschichte ist bekannt, dass die jüdischen Kinder Rosenbergs nach 1850 die allgemeine städtische Schule besuchten; nur der Religionsunterricht war dem Kantor vorbehalten. Hier dürften auch Rosalie und ihre Schwestern ihre Schuljahre verbracht haben.

Als junge Frau lernte Rosalie Jacoby den Kaufmann Oskar Hammer kennen, den sie im August 1902 heiratete. Das Ehepaar bekam am 9. Juli 1903 eine Tochter namens Hildegard. Sie wurde im unweit von Rosenberg gelegenen Löbau (Lubawa) geboren. Kurz nach der Geburt zog die Familie nach Oberschlesien. Hier kam am 14. September 1906 ihr Sohn Manfred in Myslowitz (Mysłowice) zur Welt. Später lebte die Familie in Gleiwitz (Gliwice), wo die Kinder aufwuchsen und Rosalie Hammer bis ins Jahr 1933 wohnen sollte. Rosalie und ihr Ehemann hatten sich in der Stadt eine gutbürgerliche Existenz aufgebaut und gelangten, laut Familienangaben, durch den Kaufmannsberuf Oskar Hammers und dessen Immobilien in Breslau zu einigem Wohlstand. Rosalies jüngerer Bruder Philip Solomon war unterdessen Ende des 19. Jahrhunderts in die USA emigriert. Er hatte 1899 in New York die Amerikanerin Laura Siever geheiratet und bekam mit ihr 1913 einen Sohn namens Herbert. Rosalies Schwester Martha war mit ihrem Ehemann Max Berlowitz um die Jahrhundertwende ins heute litauische Klaipėda gezogen, wo das Ehepaar vier Kinder bekam. Bertha Jacoby ging mit ihrem Ehemann, dem Kaufmann David Lichtenstein, nach Magdeburg. Dort waren Rosalies Nichten Margarete und Hedwig 1894 und 1898 zur Welt gekommen und auch die Eltern Rosalies lebten zuletzt in der damaligen Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen. In den Kriegsjahren verstarben beide, Salomon Jacoby im Jahr 1914 und Rosalies Mutter Flora drei Jahre später im September 1917.

Zum Leben der Familie Hammer nach dem Krieg und in der Weimarer Republik in Gleiwitz haben sich kaum Quellen erhalten und es sind nur wenige Informationen aus dieser Zeit bekannt. Im Januar 1928 starb Rosalies Ehemann Oskar und im Mai 1931 ihr Sohn Manfred in der Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten in Berlin an einer Tuberkuloseinfektion. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. 1933 gab Rosalie ihren langjährigen Wohnsitz in Gleiwitz auf und zog nach Berlin – wohl auch um in der Nähe ihrer Tochter Hildegard zu sein, die inzwischen den Kaufmann Leo Lewin geheiratet hatte und mit ihm in Neukölln lebte. Am 17. November 1935 kam Rosalies Enkel Helmut Oskar zur Welt.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Hammer und ihre Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Allen behördlichen Hindernissen und offenen Feindseligkeiten zum Trotz gründete die inzwischen 72-jährige Kaufmannswitwe Rosalie 1937 das Unternehmen „R. Hammer & Co.“. Die Firma in der Köpenicker Straße 75 in Mitte vertrieb Chemie- und Drogeriewaren und war insbesondere auf den Großhandel von Ölen spezialisiert. Rosalie Hammer wohnte spätestens seit 1939 bei ihrer Tochter und deren Familie im Ilsenhof 14 in Neukölln. Im Frühjahr 1941 nutzen Hildegard und Leo Lewin die letzte Chance, mit ihrem Sohn das Land zu verlassen. Sie flüchteten – wahrscheinlich über das besetzte Frankreich und Spanien – nach Portugal. Mit der „S.S. Mouzinho“ aus Lissabon erreichten die drei im Juni 1941 den Hafen von New York. Hier kamen sie möglicherweise zunächst bei der Familie von Hildegards Onkel Philip Solomon unter, der selbst 1936 in New York verstorben war.

Rosalie Hammer kam in Berlin 1941 in einer Wohnung am Grenzweg 1 in Lichtenrade als Untermieterin des jüdischen Hauptmieters Schwarzschild unter, die sie nach kurzer Zeit wieder verlassen musste. Ihre letzte Wohnadresse in Berlin war in der Winsstraße 14 im Prenzlauer Berg. In der Wohnung des Hauptmieters Teller hatte das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlins ein Quartier einrichten müssen, in dem außer dem Ehepaar Teller kurz vor ihrer Deportation vier weitere Menschen untergebracht waren. Im Herbst 1942 erhielten die Bewohner den Deportationsbescheid und wurden von Polizisten der Stapoleitstelle und der Kriminalpolizei in eines der Berliner Sammellager gebracht. Von hier aus wurde die 76-jährige Rosalie Hammer am 7. September 1942 mit dem „58. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie überlebte die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto knapp sechs Monate. Der in Theresienstadt ausgefüllte Totenschein gibt als Todestag und -ort den 4. März 1943 im „Siechenheim“ (L504) an. Kaum verlässlich ist die notierte Todesursache „Herzschwäche“, da die NS-Ärzte die tatsächlichen Todesursachen direkter und indirekter Gewalteinwirkung mit kaschierenden Sammelbegriffen verschleierten.

Zahlreiche Familienangehörigen der weiterverzweigten Familie von Rosalie Hammer überlebten die NS-Verfolgung nicht. Dazu zählen Rosalies Schwester Bertha Lichtenstein (Dezember 1942, Theresienstadt) sowie deren Töchter Margarete (April 1942, Warschauer Ghetto) und Hedwig (Februar 1943, Auschwitz). Rosalies Schwester Martha Berlowitz kam 1942 unter bislang nicht näher bekannten Umständen ums Leben. Ihr Sohn Siegfried Berlowitz nahm sich im Juni 1942 in seiner Hamburger Wohnung das Leben. Die Schwestern Henriette und Sara Rosa Berlowitz waren 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet worden. Marthas Sohn Moritz Berlowitz wurde im Juli 1944 aus dem KZ Kauen nach Dachau deportiert und dort im Dezember 1944 ermordet. Aus der Familie von Rosalie Hammer überlebten allein ihre Tochter, deren Mann und ihr Enkelkind im Exil in den USA.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Todesfallanzeige Rosalie Hammer in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: holocaust.cz (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Rosalie Hammer, geb. Jacoby, 58. Alterstransport (Lfd.-Nr. 97). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Eheanzeige Bertha Jacoby, verh. Lichtenstein (Nr. 526, Berlin am 28. Dezember 1891); Geburtsurkunde Margarete Lichtenstein (Nr. 1306, Magdeburg am 23. Mai 1894); Todesfallanzeige David Lichtenstein (Nr. 316, Magdeburg am 26. März 1920); Todesfallanzeige Flora Jacoby, geb. Kohn (Nr. 2421, Magdeburg am 17. Dezember 1917); Todesfallanzeige Salomon Jacoby (Nr. 117, Magdeburg am 16. Januar 1914); Eheanzeige Martha Berlowitz, geb. Jacoby (Nr. 130, Memel am 4. April 1893); Todesfallanzeige Simon Siegfried Berlowitz (Nr. 461, Hamburg am 1. Juli 1942). Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Passagierliste der SS Mouzinho. List or Manifest of Alien Passengers for the United States of America. 10. Juni 1941. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Moritz Berlowitz in the Germany, Dachau Concentration Camp Records, 1945. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Salinger, Gerhard: Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Bd. 3, New York 2009, S. 590–591.