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Leo Aronsbach

Stolperstein Leo Aronsbach © OTFW
VERLEGEORT
Große Hamburger Str. 29

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte
VERLEGEDATUM
Juli 2005

GEBOREN
05.11.1872 in Berlin
BERUF
Buchbindermeister
DEPORTATION
am 17.03.1943 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Leo Aronsbach wurde am 5. November 1872 in Berlin geboren. Er war der älteste Sohn des Kaufmanns und Zigarettenfabrikanten Moritz Aronsbach und der Ottilie Aronsbach, geb. Löwinsohn. Seine Eltern hatten ein Jahr vor seiner Geburt in Berlin geheiratet. Leo Aronsbach hatte mehrere Geschwister: Seine Schwestern Henriette, Hedwig und Recha Aronsbach wurden 1874, 1877 und 1885 geboren; sein Bruder Paul Aronsbach im Jahr 1887. Drei weitere Geschwister Georg (*1875), Meta (*1883) und Rosa Aronsbach (*1881) verstarben im Säuglings- und Kleinkindalter. Leos Schwester Henriette verstarb im Jahr 1886 im Alter von zwölf Jahren. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Leo Aronsbach und seinen Geschwistern im Berlin der Kaiserzeit haben sich keine weiteren Informationen erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde Berlins.

Nach seinem Schulabschluss absolvierte Leo Aronsbach eine Lehre zum Buchbinder und war seit Mitte der 1890er-Jahre als Buchbindermeister tätig. Am 8. Oktober 1896 heiratete er die drei Jahre ältere Berliner Schneiderin Flora Flieg und nahm sich mit ihr eine Wohnung in der Pestalozzistraße 71 in Charlottenburg. Hier kam am 9. November 1897 die Tochter Margarethe zur Welt. 1899 zogen die Aronsbachs in die Große Hamburger Straße 33, wo am 21. Juni 1901 die Tochter Lina geboren wurde. Ein Schicksalsschlag ereilte das Ehepaar ein Jahr später, als im Juni 1902 die vierjährige Tochter Margarethe im Jüdischen Krankenhaus verstarb. Am 27. Juli 1904 bekamen die Eheleute eine weitere Tochter, der sie den Namen Ruth gaben. Inzwischen lebten die Aronsbachs in einer Wohnung in der Auguststraße 26b, wohin Leo Aronsbach auch die 1896 von ihm gegründete „Buchbinderei, Perforier-, Paginier- & Etiketten-Schneideanstalt“ verlegt hatte. In den Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs sollte die Familie noch mehrfach umziehen: 1907 in die Große Hamburger Straße 29, 1910 in die Rosenthaler Straße 36, 1913 in die Rosenthaler Straße 10, 1914 in die Auguststraße 32 und 1918 schließlich in eine 3-Zimmer-Wohnung in der dritten Etage der Raumerstraße 9 im Prenzlauer Berg.

In Berlin lebten auch Leos Geschwister mit ihren Familien: Seine Schwester Hedwig hatte im Jahr 1900 den Kaufmann Felix Marcus geheiratet und wohnte mit ihm zuletzt in der Bleibtreustraße 7 in Charlottenburg; sein Bruder Paul lebte mit seiner Ehefrau Sara, geb. Goldemann, und den 1924 und 1936 geborenen Kindern Erika und Manfred in der Großen Präsidentenstraße 8. Die Schwester Recha heiratete 1922 den Kaufmann Albert Grätzer und lebte mit ihm im Prenzlauer Berg.

Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs verstarb im Oktober 1919 Leos Vater Moritz Aronsbach in Berlin. Seine verwitwete Mutter Ottilie wohnte bis zu ihrem Tod im Jahr 1935 in der Raumerstraße 21 – fußläufig zu Leo Aronsbach, der sie möglicherweise in ihren letzten Lebensjahren pflegte. Leos Tochter Lina hatte nach einer Scheidung in zweiter Ehe den aus Strasburg an der Drewenz (Brodnica) stammenden Klempnermeister Markus Hirschfeld geheiratet und mit ihm in Wiesbaden eine Tochter, Käthe Hirschfeld, bekommen. Kurz nach der Geburt zogen Lina und Markus Hirschfeld mit ihrem Kind nach Berlin in die Palisadenstraße 55 in Friedrichshain. Leos jüngere Tochter Ruth begann nach ihrem Schulabschluss eine kaufmännische Lehre und war anschließend in Berlin als Buchhalterin tätig. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Leo Aronsbach und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität, Erlasse und Sondergesetze drängten Leo Aronsbach zunehmend in die Position eines Rechtlosen. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnte er sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Spätestens seit den 1940er-Jahren musste Leo Aronsbach außerdem Zwangsarbeit leisten. Er war bei der Möbelfabrik Stolzenberg in der Lindenstraße 68 in Kreuzberg eingesetzt. Die Tochter Ruth wohnte zusammen mit ihrem Ehemann Kurt Herzog ebenfalls in der Wohnung von Leo und Flora Aronsbach in der Raumerstraße 9, dort brachte sie am 19. Dezember 1941 ihren Sohn Gideon zur Welt.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Leo Aronsbach und seine Ehefrau Flora erhielten den Deportationsbescheid im Frühjahr 1943. Sie mussten ihre langjährige Wohnung in der Raumerstraße 9 verlassen und wurden in einem der Berliner Sammellager interniert. Von dort aus wurden sie am 17. März 1943 mit dem „4. großen Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Flora Aronsbach wurde im Mai 1943 in Theresienstadt ermordet. Ihr 71-jähriger Mann Leo wurde am 16. Mai 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.

Die Töchter und Enkelkinder von Leo und Flora Aronsbach wurden alle nach Auschwitz deportiert und dort ermordet: Ruth, ihr Mann Kurt Herzog und ihr einjähriger Sohn Gideon bereits im Februar 1943; Lina, ihr Mann Markus Hirschfeld und ihre Tochter Käthe am 17. Mai 1943. Auch Leo Aronsbachs Geschwister und deren Familien überlebten die NS-Verfolgung nicht: Seine Schwestern Recha und Hedwig sowie Hedwigs Ehemann Felix Marcus wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und verließen das Ghetto, mit demselben Transport wie Leo Aronsbach, am 16. Mai 1944 Richtung Auschwitz. Der Bruder Paul Aronsbach wurde mit seiner Ehefrau Sara und seinen Kindern Erika und Manfred im Oktober 1942 aus Berlin nach Riga deportiert und dort ermordet. Einzig Leo Aronsbachs Neffe Frank Alfred Marcus, der 1905 geborene Sohn von Hedwig und Felix Marcus, überlebte die NS-Verfolgung im Exil in England. Er änderte seinen Nachnamen später in Marschall.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Gedenkbuch. Online unter: bundesarchiv.de/gedenkbuch (aufgerufen am 15. Mai 2021).
Berliner Adressbücher 1896–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932; Berliner Telefonbuch 1908, 1932, 1934, 1936 und 1940. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Leo Aronsbach, „4. großer Alterstransport“ (Lfd-Nr. 576); Flora Aronsbach, geb. Flieg (Lfd-Nr. 575); Ruth Herzog, geb. Aronsbach, „30. Osttransport“ (Lfd-Nr. 17); Kurt Herzog (Lfd-Nr. 16); Markus Hirschfeld, „38. Osttransport“ (Lfd-Nr. 209); Lina Hirschfeld (Lfd-Nr. 208); Käthe Hirschfeld (Lfd-Nr. 210); Paul Aronsbach, „21. Osttransport“ (Lfd-Nr. 163); Sara Aronsbach, geb. Goldemann (Lfd-Nr. 164); Erika Aronsbach (Lfd-Nr. 165); Manfred Aronsbach (Lfd-Nr. 167); Hedwig Marcus, geb. Aronsbach, „64. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 29); Felix Marcus (Lfd-Nr. 28); Recha Gallewski, geb. Aronsbach, „2. großer Alterstransport“ (Lfd-Nr. 178); Georg Gallewski Aronsbach (Lfd-Nr. 177). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Schülerkarteikarte zu Erika Aronsbach (ID 12647982). Berliner Kartei. American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC). Online unter: https://collections.arolsen-archive... de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eheanzeige Leo Aronsbach und Flora Flieg (Nr. 781, Berlin am 8. Oktober 1896); Felix Marcus und Hedwig Aronsbach (Nr. 60, Berlin am 22. Januar 1900); Paul Aronsbach und Sara Goldemann (Nr. 295, Berlin am 16. Juni 1921); Recha Aronsbach und Albert Grätzer (Nr. 1084, Berlin am 24. Oktober 1922); Ruth Aronsbach und Kurt Herzog (Nr. 1085, Berlin am 10. Oktober 1934). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Geburtsanzeige Margarethe Aronsbach (Nr. 4252, Charlottenburg am 13. November 1897); Ruth Aronsbach (Nr. 1180, Berlin am 28. Juli 1904); Meta Aronsbach (Nr. 2592, Berlin am 12. September 1883); Recha Aronsbach (Nr. 1134, Berlin am 21. April 1885); Paul Aronsbach (Nr. 2628, Berlin am 9. September 1887). Geburtsregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Todesanzeige Moritz Aronsbach (Nr. 842, Berlin am 3. Oktober 1919); Ottilie Aronsbach, geb. Löwinsohn (Nr. 770, Berlin am 9. März 1935); Rosa Aronsbach (Nr. 1337, Berlin am 31. Juli 1882); Georg Aronsbach (Nr. 2271, Berlin am 18. Oktober 1875); Henriette Aronsbach (Nr. 2067, Berlin am 30 August 1886); Margarethe Aronsbach (Nr. 969, Berlin am 18. Juni 1902). Register der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Suchanfrage bezüglich Felix Marcus von seinem Sohn Frank Alfred Marcus vom 20. Dezember 1947. Schriftgut des ITS Arolsen. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2021).