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Emil Simonsohn

Stolperstein für Emil Simonsohn. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Templiner Straße 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Pankow – Prenzlauer Berg
VERLEGEDATUM
12.12.2007

GEBOREN
20.11.1865 in Krucz
DEPORTATION
am 12.08.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
03.04.1943 in Theresienstadt

Emil Simonsohn wurde am 20. November 1865 in der kleinen Ortschaft Krucz (zwischen 1905 und 1945 Krusch) nahe der Kreisstadt Czarnikau (dem heute polnischen Czarnków) in der damaligen Provinz Posen geboren. Er stammte aus einer kinderreichen Familie und wuchs im Kreis von insgesamt acht Brüdern und drei Schwestern auf, die wie er in Krucz oder im benachbarten Lubasch (dem heutigen Lubasz) geboren worden waren. Die meisten seiner Geschwister lebten später in Berlin – einige starben hier, die anderen wurden mit ihren Familien während der NS-Zeit verfolgt und ermordet. Über die Kindheit und Jugend von Emil Simonsohn und seinen Geschwistern haben sich keine weiteren Informationen erhalten.

Ende des 19. Jahrhunderts heiratete Emil Simonsohn die aus Tuchel (Tuchola) stammende und am 22. April 1869 geborene Johanna Levy und lebte mit ihr in Dirschau (Tczew) unweit von Danzig (Gdańsk). Dirschau hatte sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden regionalen Industrie- und Verkehrszentrum entwickelt, vor allem auf Grund seiner günstigen Lage für den Handel. 1857 war hier Nordeuropas längste Brücke, die Weichselbrücke Dirschau, eingeweiht worden, 1888 entstand ein zweiter Weichselübergang für den Eisenbahnverkehr der Preußischen Ostbahn zwischen Berlin-Ostbahnhof bis Königsberg i. Pr. (Kaliningrad). In Dirschau gab es um die Jahrhundertwende eine recht kleine jüdische Gemeinde. Von den knapp 13.000 Einwohnern um 1900 zählten etwas mehr als 300 Personen zur jüdischen Bevölkerung der Stadt. Emil Simonsohn war in Dirschau bis etwa 1920 als Bäckermeister tätig. Im Januar 1896 bekam das Ehepaar ihr erstes Kind, die Tochter Erna. Gut ein Jahr später folgte im April 1897 die Tochter Irmgard. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie in einer Wohnung in der Langestraße 25, später zogen sie in die Bergstraße 2. Hier kam 1905 das dritte und letzte Kind von Emil und Johanna Simonsohn zur Welt, ihr Sohn Georg Gershon Simonsohn.

Nach dem Ersten Weltkrieges musste Deutschland gemäß des Versailler Vertrages Gebiete in Westpreußen abgeben. Nachdem im Januar 1920 Dirschau polnisch wurde, ging Emil Simonsohn, der für Preußen optierte, über die Weichsel in das kleine Grenzdorf Ließau (heute Lisewo Malborskie), das nun zum Freistaat Danzig gehörte. In Ließau unterhielt sich das Ehepaar mit dem Handel von Kurzwaren und Rohprodukten. Ihre drei Kinder zogen nach Berlin und gründeten dort Familien. Erna Merkin heiratete am 26. Mai 1921 in der Hauptstadt den gebürtigen Russen Josef Merkin. Nachdem 1922 ihr Sohn Bernhard zur Welt gekommen war, verließen sie Berlin und zogen in die Heimat von Josef ins russische Baku (heute Aserbaidschan), wo ihr zweiter Sohn Arno 1924 zur Welt kam. 1925 ließ sich Erna von ihrem Ehemann scheiden und kehrte mit ihren beiden Kindern nach Berlin zurück, wo sie als Hutmacherin arbeitete. Arno wuchs bis 1938 bei seinen Großeltern in Ließau auf. Ob Bernhard bei seiner Mutter blieb, ist nicht bekannt, zumindest ab 1936 wohnte er allerdings mit ihr in einer Wohnung in der Templiner Str. 17.

Irmgard hatte 1921 in Brodnica (ehemals Strasburg i. Westpr.) Hermann Fink geheiratet und im selben Jahr ihr erstes Kind Arno zur Welt gebracht. Anschließend zogen auch sie in die Hauptstadt, wo ihre Tochter Edeltraut 1926 geboren wurde. 1928 zog Georg Simonsohn mit seiner Ehefrau Johanna, geborene Zöllner, aus Berlin zurück zu seinen Eltern nach Ließau. Dort wohnten sie zusammen in einem Haus. Hier kamen auch die Kinder von Georg und Johanna zur Welt: Margot 1929 und Rudi Raphael 1931. Ein drittes Kind, Bernhard, starb 1933 kurz nach Geburt. Mit in Ließau lebte auch Ernas jüngster Sohn Arno, der bei seinen Großeltern aufwuchs.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Emil Simonsohn und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Nach massiven Schikanen floh das Ehepaar Emil und Johanna Simonsohn 1938 mit ihrem Sohn Georg und dessen Familie nach Dirschau. Ihren Hausrat und alle anderen Güter mussten sie auf der Flucht zurücklassen. Ende der 1930er-/ Anfang der 1940er-Jahre versuchten Emil und Johanna Simonsohn mittels der Danziger Jüdischen Gemeinde in Sicherheit gebracht zu werden, was aber scheiterte.

Schließlich kamen Emil und Johanna Simonsohn 1941 in der 1½-Zimmer-Wohnung ihrer Tochter Erna in der Templiner Straße 17 im Prenzlauer Berg unter. In der beengten Wohnung musste Emils Tochter Anfang der 1940er-Jahre außerdem noch zwei jüdischen Untermieter aufnehmen. Erna hatte ab Mitte der 1930er-Jahre als Verkäuferin gearbeitet und schlug sich zuletzt – als jüdische Verfolgte bereits aus ihren Berufen gedrängt und zunehmend entrechtet waren – als Wirtschafterin in der Betreuung und der Haushaltsführung durch. Der bei seinen Großeltern aufgewachsene Arno Merkin war nicht mit ihnen nach Berlin gegangen, sondern bereitete sich Ende der 1930er-Jahre in Hachschara-Lagern im brandenburgischen Kaisermühl und Beerfelde bei Fürstenwalde auf die Auswanderung nach Palästina vor. 1940 meldete sich Arno aus Danzig (Gdańsk). Er besuchte noch 1940 seine Mutter und die Großeltern in Berlin.

Das Schicksal von Emils Sohn Georg geht aus Familienangaben hervor, die sich auf Briefen aus der Zeit von 1940 und 1942/1944 stützen, und auf die Erinnerung von dessen Sohn Rudi Raphael: „Mein Vater wollte nach Columbien auswandern. Er wurde auch schon im August 1938 hierfür von einem Columbianischen Beauftragten medizinisch untersucht. Zu der Zeit arbeitete er in Danzig bei einer Baufirma. Ende August 1938 wurde er auf Anordnung des Danziger Arbeitsamtes entlassen. Es wird vermutet, dass zwischen der medizinischen Untersuchung und der Entlassung, ein Zusammenhang besteht. Nach der Vertreibung 1938 aus Ließau, die mit massiven, tätlichen Schikanen und Drohungen durch den Nazimob begleitet waren, mußten wir Ließau binnen 24 Stunden verlassen. Es gab keine Vorbereitungen, so dass Hausrat, Waren und Produckte zurückgelassen werden mußten. Auf einem kleinen Handwagen wurde, was greifbar war, geladen und über die Weichselbrücke nach Dirschau, wohin wir flüchteten, gezogen. Wir fanden eine Bleibe bei Menschen, die mein Vater kannte, in einer kleinen 1-Zimmerwohnung mit Kochherd. Jedoch ohne Heizung, sanitäre Anlagen und Beleuchtung. Mein Vater wurde mehrmals verhaftet, wieder freigelassen und schließlich in Dirschau ins Gefängnis verbracht. Warum er verhaftet und so schikaniert wurde – nur weil er Jude war? – ist nicht bekannt. Am 24. Januar 1940 wurde mein Vater aus dem Gefängnis heraus, als Geisel mit weiteren 12 Männern auf dem Schweinemarkt in Dirschau von der Gestapo öffentlich erschossen. Die Leichen wurden in einem Massengrab im Wald von Spengawsken [heute Szpęgawsk] verscharrt.“

In Berlin verschärfte sich die ohnehin prekäre Situation für die verbliebenen Familienmitglieder mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zusehends. Spätestens 1941 wurden Erna und Bernhard Merkin in Berlin zu Zwangsarbeit herangezogen: Erna in der Metallwarenfabrik „Vermata“ in der Michaelkirchstraße 15 in Kreuzberg, Bernhard laut Vermögensangaben bis zu seiner Deportation am 4. März 1943 bei der Deutschen Reichsbahn Bautrupp 9. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnten sich die Familienmitglieder nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Im August 1942 erhielten der 76-jährige Emil Simonsohn und seine 73-jährige Ehefrau Johanna den Deportationsbescheid. Sie mussten sich im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26, dem ehemaligen Altenheim der Jüdischen Gemeinde, einfinden. Am 12. August 1942 wurden sie mit dem „42. Alterstransport“ über den Güterbahnhof Moabit in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Abgeschnitten von ihrer Familie, wurden sie Opfer der katastrophalen Bedingungen in Theresienstadt, wo Razzien und Gewaltakte, Mangelversorgung und Kälte, so die zynische Kalkulation, zum Tod der Ghettobewohner führen sollten. Emil Simonsohn überlebte bis zum 3. April 1943, Johanna Simonsohn bis zum 15. November 1944.

Von ihren Familienangehörigen überlebte nur ihr Enkel Rudi Raphael und ihre Enkelin Margot sowie deren Mutter Johanna die NS-Verfolgung. Arno Merkin wurde im April 1942 in Beerfelde bei Fürstenwalde verhaftet und in das polnisch besetzte Gebiet deportiert, wo er vermutlich in einem der Vernichtungslager in Bełżec, Sobibór oder Treblinka ermordet wurde. Emil und Johannas Tochter Irmgard Fink war mit ihrem Ehemann Hermann und ihren damals 21 und 17 Jahre alten Kindern Arno und Edeltraut im Februar 1943 aus ihrer Friedrichshainer Wohnung in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden. Alle außer Arno wurden unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Arno Fink wurde als Arbeitssklave in das „Arbeitslager Monowitz“ selektiert, von wo aus er ein halbes Jahr später – vollkommen körperlich entkräftet – aus dem Krankenbau Buna nach Auschwitz verbracht und ermordet wurde. Emils Tochter Erna wurde zusammen mit seinem Enkel Bernhard im Zuge der „Fabrik-Aktion“, mit der die letzten offiziell in Berlin lebenden Juden deportiert werden sollten, im März 1943 verhaftet. Sie wurden getrennt voneinander – Erna am 3. März, Bernhard einen Tag später – nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Danziger Adressbücher 1909–1938. Digitalisat der Pommern Digitale Bibliothek. Online unter: http://pbc.gda.pl/dlibra/ (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Emil Simonsohn, 42. Osttransport (Lfd. Nr. 82); Johanna Simonsohn, geb Levy, 42. Osttransport (Lfd. Nr. 83); Erna Merkin, 33. Osttransport (Lfd. Nr. 912); Bernhard Merkin, 34. Osttransport(Lfd.-Nr.545). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Todesfallanzeige Bernhard Simonsohn [Kindstod des Kaufmanns Georg Simonsohn und der Johanna Simonsohn], Ließau 8. April 1933. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Angaben zur Familiengeschichte von Georg Gerschons Sohn Rudi Raphael Simonsohn. Emails vom 3. und 13. Juli 2020.