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Luise Grau

Stolpersteine für Julius und Luise Grau © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Flotowstr. 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Hansaviertel
VERLEGEDATUM
Juni 2010

GEBOREN
02.11.1886 in Berlin
DEPORTATION
am 18.10.1941 nach Łódź / Litzmannstadt
ERMORDET
05.07.1942 im Ghetto Litzmannstadt

Luise Herz, geboren am 2. November 1886 in Berlin, entstammte einer angesehenen und vermögenden jüdischen Familie. Ihr Urgroßvater, der Unternehmer Salomon Herz (1791–1865), hatte 1823 eine Ölfabrik in Wittenberge am Ufer der Elbe gegründet sowie die erste deutsche Ölhandelsgesellschaft, die den Namen S. Herz GmbH trug. Ihr Großvater war der Geheime Kommerzienrat Wilhelm Herz (1823–1914), erster Präsident der Berliner Handelskammer und von 1907 bis 1914 Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank AG.

Luise wuchs mit ihren Eltern und zwei Brüdern in Berlin auf. Der Vater, Max Edmund Herz, war Kaufmann und fungierte ab 1928 als Geschäftsführer der S. Herz GmbH. Ihre Mutter war Clara Fanny Herz, geb. Eltzbacher, die aus einer Amsterdamer Bankiersfamilie stammte.

Im Januar 1914 heiratete Luise Herz den Berliner Rechtsanwalt Dr. Albert Katz. Dieser hatte ein Jahr zuvor seine Zulassung als Rechtsanwalt erhalten und war als Sozius in die renommierte Kanzlei seines Vaters Dr. Edwin Katz eingetreten. Luise Katz war nicht berufstätig. Die Eheleute zogen in eine 11-Zimmer-Wohnung in der Roonstraße 13 in Berlin-Mitte. Am 15. Januar 1917 wurde ihr erster Sohn Wilhelm Alexander geboren. Der zweite Sohn Stephan Alexander kam am 1. Juni 1920 zur Welt. Eineinhalb Jahre später, am 18. Januar 1922, verstarb Albert Katz im Alter von nur 34 Jahren. Die Todesursache ist nicht bekannt. Die junge Witwe Luise Katz blieb mit den zwei Kindern zurück. Im April 1924 ging sie erneut eine Ehe ein. Ihr zweiter Mann war Dr. Julius Grau, der ebenfalls als Rechtsanwalt und Notar arbeitete. Er betrieb seit 1911 eine gut gehende Kanzlei in der Behrenstraße 30, Ecke Charlottenstraße. Mit Julius Grau bekam Luise Grau zwei weitere Kinder, die Zwillinge Peter Max und Rosemarie Grau, die am 23. Mai 1925 in Berlin geboren wurden. Die Familie wohnte den Berliner Adressbüchern zufolge bis 1930/31 weiter in der Roonstraße 13. Von dort zogen sie dann in eine 8-Zimmer-Wohnung in die Flotowstraße 10 im Berliner Hansaviertel. Der älteste Sohn Wilhelm Alexander starb 1930 im Alter von 13 Jahren an einer Krankheit.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderte sich die Lage der Familie abrupt. Die Entrechtung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung durch zahlreiche antisemitische Gesetze und Verordnungen traf sie unmittelbar. Für Julius Grau, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und ausgezeichnet worden war, galt zwar das „Frontkämpferprivileg“, das es jüdischen Anwälten zunächst ermöglichte, weiter zu praktizieren. Doch im November 1935 wurde er aus dem Amt des Notars entlassen und als Rechtsanwalt konnte er nur noch bis Ende 1938 praktizieren.

Die drei Kinder konnten ihre Schulausbildung nicht wie geplant beenden. Der älteste Sohn Stephan hatte zuvor das französische Gymnasium besucht. Sein eigentlicher Wunsch war es, zu studieren und Tierarzt zu werden. Doch nachdem die beruflichen Möglichkeiten des Vaters immer weiter beschränkt worden waren, konnte die Familie das Schulgeld nicht mehr aufbringen. Auch den Zwillingen Peter und Rosemarie war der Schulbesuch zunächst erschwert und schließlich ganz verboten.

Stephan Grau ging daraufhin nach Groß-Breesen bei Breslau. Dort befand sich ein Ausbildungsgut, das 1936 von der damaligen Reichsvertretung der Deutschen Juden in Reaktion auf die nationalsozialistische Judenverfolgung eingerichtet worden war. Stephan Grau erhielt dort eine Ausbildung in Landwirtschaft und Viehzucht und konnte am 23. März 1939 nach England auswandern, wo er als Lehrling Arbeit auf einem Hof fand. Den Eltern Luise und Julius Grau gelang es ebenfalls, die Zwillinge Peter und Rosemarie noch 1939 mit einem Kindertransport nach England zu schicken und vor der Verfolgung zu retten.

Auch das Ehepaar Grau bemühte sich um Auswanderung. Einem Freund der Familie zufolge hatten die Graus im Sommer 1941 sogar Visa für die Einreise nach Kuba bekommen können. Der Freund und seine Schwester waren selbst kurz zuvor nach New York gegangen und versuchten von dort vergeblich, die Abfahrt der Graus zu beschleunigen und ihnen behilflich zu sein. Woran die Ausreise letztlich scheiterte, ist nicht bekannt.

Zwischen Juli und Oktober 1941 wurde das Ehepaar Grau von den Nationalsozialisten aus seiner Wohnung in der Flotowstraße vertrieben. Die Möbel und der Hausrat wurden größtenteils beschlagnahmt. Der letzte Wohnsitz von Julius und Luise Grau war eine 1-Zimmer-Wohnung in der Meinekestraße 24 in Berlin-Charlottenburg. Dort wurden beide am 15. Oktober 1941 verhaftet und zu einer Sammelstelle gebracht, vermutlich in die ehemalige Synagoge in der Levetzowstraße in Berlin-Moabit. Luise und Julius Grau wurden am 18. Oktober 1941 mit dem ersten von insgesamt vier Transporten über den Bahnhof Berlin-Grunewald nach Łódź in das Ghetto Litzmannstadt deportiert.

Laut einer Totenliste des Ghettos starb Luise Grau am 5. Juli 1942 im Ghetto im Alter vom 55 Jahren. Ein Überlebender des Ghettos, der mit dem Ehepaar Grau befreundet war, berichtete, dass sie an Unterernährung starb und auf dem Jüdischen Friedhof Litzmannstadt beigesetzt wurde. Auch Luise Graus Ehemann Julius überlebte die Deportation nicht. Sein Name ist in den Sterbelisten des Ghettos nicht zu finden. Daher ist es wahrscheinlich, dass er, wie ein Großteil der im Herbst 1941 aus Berlin nach Litzmannstadt deportierten Juden, im Laufe des Jahres 1942 aus dem Ghetto in das 60 km entfernt liegende Vernichtungslager Chełmno/Kulmhof gebracht und dort ermordet wurde.


Biografische Zusammenstellung

Janna Lölke

Weitere Quellen

Mitte Museum;
Daten aus der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 17. Mai 1939 und der „Liste der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich 1933–1945“ über https://www.tracingthepast.org/mapp...
http://histomapberlin.de/histomap/d...
Heinz Muchow, Wie sich das Ackerbürgerstädtchen Wittenberge zu einer Industriestadt entwickelte: Die wichtige Etappe der Stadtgeschichte vom 19. Jahrhundert bis etwa Mitte des 20. Jahrhundert, 2013
Heinz Muchow, Die Familie Herz und ihre Bedeutung für Wittenberge;
Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941-1944. Ein Gedenkbuch. Bearbeitet von Ingo Loose. Herausgegeben von der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin-Łódź 2009. Unter: https://www.stolpersteine-berlin.de....