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Charlotte Hartwich (geb. Mislowitzer)

Stolperstein für die Bewohner der Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
Stolperstein zum Schicksal der Bewohner Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
VERLEGEORT
Solinger Straße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
September 2003

GEBOREN
03.01.1894 in Schneidemühl (Posen) / Piła
ÜBERLEBT

Charlotte Hartwich, genannt Lotte, wurde am 3. Januar 1894 als Charlotte Mislowitzer in Schneidemühl (heute: Piła / Polen) in der damaligen preußischen Provinz Posen geboren. Sie wuchs als Tochter des praktischen Arztes Dr. Emil Mislowitzer und seiner Frau Recha (geb. Ansbach) in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Von ihrem sechsten bis zum 16. Lebensjahr besuchte sie die höhere Töchterschule in Schneidemühl, davon das letzte Jahr das Lehrerinnenseminar. Anschließend schickten ihre Eltern sie für knapp zwei Jahre zu Sprachstudien an den Genfer See. Während dieser Zeit starb im Jahr 1911 ihre Mutter. Ihren Vater verlor sie nur wenige Jahre später; er war der erste deutsche Arzt, der im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn wurde er im September 1914 als Stabsarzt des 49. Infanterieregiments durch einen Kopfschuss getötet.

Die damals 20-jährige Lotte zog daraufhin zu ihrem Onkel nach Berlin und begann dort Ende 1914 eine einjährige Ausbildung zur medizinischen Laborassistentin im Privatlaboratorium von Dr. Piorkowsky. Anschließend war sie drei Jahre lang im bayerischen Erlangen als Laborantin an der Universitätsfrauenklinik tätig. Dort nahm sie regelmäßig an den theoretischen Unterrichtsstunden der Hebammenschülerinnen teil. Zu ihren Aufgaben gehörten Hilfstätigkeiten im Hörsaal, häufig handelte es sich um Narkosedienste. Sie begleitete viele gynäkologische Operationen und Entbindungen, darunter auch schwierige Zangengeburten.

Im Oktober 1919 beendete sie ihre Berufstätigkeit in Erlangen und verlobte sich in Berlin mit dem Zahnarzt Hans Hartwich. Dr. Hans Hartwich wurde am 30. Dezember 1890 in Berlin geboren. Er studierte in Berlin und Kiel Zahnmedizin, legte in Kiel die zahnärztliche Staatsprüfung ab und erlangte an der Universität Würzburg die Doktorwürde. Die Hochzeit fand am 31. Januar 1920 statt. Gemeinsam zogen die Eheleute nach Leipzig, wo Hans Hartwich eine Zahnarztpraxis eröffnete, in der auch seine Frau zeitweise als Sprechstundenhilfe arbeitete. Finanziert wurde der Kauf der Praxis – eine der größten Kassenpraxen in Leipzig – mit einem Großteil von Charlotte Hartwichs Erbe. Am 26. November 1920 wurde die Tochter Rita Recha geboren, am 20. Dezember 1923 der Sohn Erwin Edgar Emil. Neben ihrer Privatwohnung, die eine Etage über den Praxisräumen im Leipziger Stadtteil Plagwitz lag, hatte Familie Hartwich noch ein Landhaus.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war Hans Hartwich gezwungen, den Praxisbetrieb stark einzuschränken, da ihm die Kassenzulassung entzogen wurde. In ihrem in den 1950er Jahren gestellten Antrag auf Entschädigung beschreibt Charlotte Hartwich die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft: „Viele Patienten, die aus alter Anhänglichkeit noch unsere Praxis aufsuchten, wurden von im Hause wohnenden ‚Parteigenossen‘ mit Anzeige bei der Partei bedroht und angepöbelt – und blieben danach natürlich fort und da der Großteil der Praxis auf Kassenpatienten kam, war ein völliger Ruin der Praxis unausbleiblich. Wir hatten mehrere Haussuchungen, die sich über viele Stunden ausdehnten und sich nicht nur auf die Praxis, sondern auch auf unsere Privatwohnung und unser Landhaus erstreckten. Mein Mann und ich waren einem Nervenzusammenbruch nahe, nachdem die SS-Leute fort waren.“ Hans Hartwich wurde damals außerdem vorübergehend inhaftiert.

Im Dezember 1933 ging Charlotte Hartwich mit ihren Kindern nach Prag, da sich die Möglichkeit abzeichnete, dass ihr Mann dort in eine Praxispartnerschaft einsteigen könnte. Sie selbst erhielt einen Auftrag für eine Reihe bakteriologischer Untersuchungen unter Aufsicht des Direktors des Prager Pasteur-Instituts. So konnte sie ihren Kindern einen zweijährigen Schulbesuch in Prag ermöglichen. Hans Hartwich versuchte während dieser Zeit trotz der schwierigen Umstände die Leipziger Praxis weiterzuführen. Da alle Bemühungen, eine Arbeitserlaubnis für ihren Mann zu bekommen, fehlschlugen, kehrte Charlotte Hartwich Ende 1935 mit ihren Kindern nach Leipzig zurück. In der Folgezeit unternahm sie noch weitere Versuche, ihrem Mann im Ausland eine berufliche Perspektive zu eröffnen. In London wurde sie beim Dentalboard vorstellig, wegen einer weiteren Aussicht auf eine Praxispartnerschaft reiste sie bis nach Casablanca. Doch alle diese kostspieligen Bemühungen waren vergebens.

Der Gesundheitszustand ihres Mannes verschlechterte sich damals binnen kurzer Zeit stark. Im Entschädigungsantrag schreibt Charlotte Hartwich: „All diese Aufregungen und die Sorgen um die Zukunft haben folgenschweren Einfluss auf seinen Gesundheitszustand gehabt, sein Blutdruck steigerte sich mehr und mehr und führte schließlich zu seinem vorzeitigen Tode – 46 Jahre alt.“ Hans Hartwich starb am 11. Juni 1937 an Nierenversagen.

Nach dem Tod ihres Mannes versuchte Charlotte Hartwich in Leipzig vergeblich, Arbeit als Laborassistentin oder Sprechstundenhilfe zu finden. Da sie fortgesetzt von Nachbarn bedroht wurde, entschloss sie sich, wieder nach Berlin zu ziehen, wo auch ihre Schwiegereltern Selma (geb. Levy) und Justizrat Waldemar Hartwich lebten. Anfangs wohnte sie mit ihren Kindern in Wilmersdorf in der Duisburger Straße 5 zur Untermiete. Anfang Januar 1938 zogen sie in die Solinger Straße, zunächst in die Hausnummer 3, einige Wochen später dann in die Nummer 10 zur Untermiete bei Familie Schwerin.

Kurze Zeit darauf emigrierte ihre damals 17-jährige Tochter Rita im Frühling 1938 nach England. Ein Jahr später gelang es, auch den 15-jährigen Erwin auf einem der Kindertransporte nach England zu schicken, mit denen zwischen November 1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 tausende jüdische Kinder gerettet wurden. Charlotte Hartwich folgte ihren Kindern im Sommer 1939 nach England. Es war geplant, von dort weiter in die USA zu gehen, wo ihr jüngerer Bruder Ernst seit 1938 lebte. Die nötigen Visa bekamen sie zwar bereits nach wenigen Monaten, doch kurz vor der Abreise erreichte sie die Nachricht, dass das Schiff – vermutlich aufgrund des Kriegsbeginns – nicht auslaufen könne. Und so kam es, dass Charlotte Hartwich fast sieben Jahre in England blieb.

Während des ersten Jahres hatte sie keine Arbeitserlaubnis, da sie nur ein Transitvisum besaß. Schließlich wurde ihr gestattet, eine Tätigkeit in einer Fabrik aufzunehmen. In ihrem erlernten Beruf durfte sie erst nach drei Jahren arbeiten. Von 1943 bis März 1946 war sie in einem industriellen Labor bei der Getreidemühle Thomas Hulbert & Sons in Manchester tätig, wo sie für die Kontrolle der Feuchtigkeit des Produktionsprozesses und der Produkte zuständig war. Im Arbeitszeugnis, das ihr der Betrieb 1946 ausstellte, wurde ihr Ausscheiden aus der Firma zutiefst bedauert, es habe dort nie zuvor jemand derart Fleißiges und Sorgsames gearbeitet. Das Zeugnis schließt mit den Worten: „Wir hoffen nur, dass sie in den USA das Glück findet, das sie so hochverdient hat nach ihrem traurigen Leben in Europa.“

Am 20. März 1946 bestieg Charlotte Hartwich mit ihrer Tochter Rita ein Flugzeug nach Chicago. Sie ließ sich in New Haven, Connecticut, nieder, wo ihr Bruder Ernst, der seinen Nachnamen in Mylon geändert hatte, als wissenschaftlicher Mitarbeiter (ab 1953 außerordentlicher Professor) an der medizinischen Fakultät der Universität Yale tätig war. Bereits kurz nach ihrer Ankunft in den USA begann Charlotte Hartwich im Juli 1946 als Medizintechnikerin mit Verantwortung für die bakteriologische Abteilung des Krankenhauses St. Raphaels in New Haven zu arbeiten. Diese Stelle behielt sie viele Jahre. Ihre Tochter heiratete im Dezember 1946 den in der Chemieindustrie tätigen US-Amerikaner Samuel Krevit. Ihr Sohn, der seinen Namen in Edgar Hartley änderte, zog nach seiner Dienstzeit bei der britischen Armee ebenfalls in die USA. Charlotte Hartwich blieb für den Rest ihres Lebens in New Haven – wie auch ihr Bruder und ihre Kinder mit deren Familien. Sie wurde vierfache Großmutter, im Juni 1952 erhielt sie die US-amerikanische Staatsangehörigkeit. Charlotte Hartwich starb am 22. März 1981 in ihrer neuen Heimat. Sie wurde 87 Jahre alt.


Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

New Haven Jewish Cemetery Database