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Editha Machol (geb. Tuch)

Stolperstein für Editha Machol. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Yorckstraße 88

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg

GEBOREN
04.05.1909 in Obornik (Posen) / Oborniki
DEPORTATION
am 03.10.1942 nach Raasiku (b. Reval)
ERMORDET
in Raasiku (b. Reval)

Editha Machol wurde am 4. Mai 1909 in Obornik (heute: Oborniki / Polen), einer ehemaligen Kreisstadt in der Provinz Posen mit etwa 4300 Einwohnern, geboren. Ihre Eltern waren Theodor Tuch und seine Frau Helene, geborene Kiwi. Beide stammten aus Obornik und lebten später in Kolberg.

Im Haus Yorckstraße 88 lebte Frau Machol von 1937 bis 1941 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Dr. Kurt Machol, der am 9. Februar 1904 als Sohn von Hermann und Else Machol in Hemer (Westfalen) geboren worden war. Er war Jurist und veröffentlichte 1928 seine Dissertation zum Thema „Das Verhältnis des Landtages zur Regierung beim Landesausnahmezustand nach Artikel 48 Absatz IV der Rechtsverfassung“. Er war Mitglied im „Verband nationaldeutscher Juden“, der von 1921 bis 1935 existierte. Nach anfänglichem Vertretungsverbot als Rechtsanwalt infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten war er noch bis zum allgemeinen Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte im Jahr 1938 in einer Kanzlei in der Kaiser-Wilhelm-Str. 4 in Niederschönhausen tätig, danach noch als „Konsulent“ ausschließlich für die Beratung und Vertretung jüdischer Klienten.

1940 ließen sich Editha und Kurt Machol in der Messiaskapelle in Prenzlauer Berg taufen, offensichtlich in der Hoffnung, so weiterer Verfolgung zu entgehen. Diese Kapelle wurde von der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ 1902 erbaut und eingeweiht. Als Berliner landeskirchliche Judenmission erhielt sie von der Landeskirche bis Anfang der 1930er Jahre finanzielle Mittel. Die Räume in der Kastanienallee 22 dienten bis zur gewaltsamen Schließung im Januar 1941 als Sitz der Gesellschaft.

Für Christen jüdischer Herkunft war die heute in Vergessenheit geratene Messiaskapelle ein wichtiger Zufluchtsort. Verborgen im Hinterhof feierten sie in der Zeit rassistischer Verfolgung gemeinsam Gottesdienst. Zwischen 1933 und Ende 1940 ließen sich dort über 700 Menschen jüdischer Herkunft aus ganz Berlin taufen. Mehr als 80 von ihnen wurden dennoch deportiert und kamen in verschiedenen Konzentrationslagern ums Leben.

Am 7. Dezember 1940 brachte Editha Machol den Sohn Abel Stefan zur Welt. Doch auch die Konversion zum Christentum schützte die Familie nicht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Am 26. September 1942 wurde das Ehepaar Machol mit dem knapp zweijährigen Kind deportiert. Vom Güterbahnhof Moabit wurden sie zusammen mit 812 Berliner Juden einem Transport mit 237 Juden aus Frankfurt am Main, dem letzten aus jener Stadt, angeschlossen und nach Raasiku bei Reval verschleppt. Das Durchschnittsalter der 895 Frauen und 354 Männer betrug 41 Jahre.

Nach der Ankunft setzte umgehend eine rigorose „Selektierung“ durch Angehörige der Sicherheitspolizei ein, während estnische Polizisten das Areal absperrten. Bis auf 100 bis 150 junge Mädchen und Frauen und 60 bis 80 Männer wurden alle anderen zu bereitstehenden Bussen gebracht, mit denen sie nach und nach abtransportiert wurden. Nur 7 Frankfurter und 19 Berliner überlebten den Holocaust.

Zusammen mit den Insassen eines weiteren Transportes wurden über 1600 Menschen von sechs bis acht estnischen Polizisten in einer Grube in Kalevi-Liivi erschossen. Das Leben von Editha, Kurt und Abel Machol endete in einem Massengrab.

Die Eltern von Editha Machol wurden am 2. März 1943 von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und kamen dort ums Leben. Ebenfalls Anfang März 1943 wurde ein Halbbruder von Kurt Machol mit seiner Familie von Berlin aus nach Auschwitz deportiert. Heinz Machol war ein Sohn aus der ersten Ehe des gemeinsamen Vaters Hermann Zwi Machol mit Hedwig Klemperer, einer Schwester des berühmten Romanisten Victor Klemperer. Heinz Machol und seine zweite Frau Lilly kamen mit den Söhnen Gert und Peter in Auschwitz ums Leben.


Biografische Zusammenstellung

Burkhard Hawemann