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Greta Steinmesser (geb. Kestel [Nestel])

Stolperstein für Greta Steinmesser © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Lausitzer Straße 31

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
16.05.2006

GEBOREN
12.02.1899 in Berlin
DEPORTATION
am 17.05.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Greta Kestel wurde am 12. Februar 1899 in Berlin geboren. In Dokumenten aus der NS-Zeit wird ihr Name auch fälschlich mit Nestel beziehungsweise Kastel angegeben. Sie war die Tochter des aus Przemyśl stammenden Schneiders Leiser Leo Kestel und der Ella Kestel, geborene Bach. Greta hatte einen jüngeren Bruder namens Arthur, der 1900 in Berlin geboren wurde. Zwei weitere Geschwister, Röschen und Bernhard, starben in frühester Kindheit. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Greta Kestel und ihrem Bruder im Berlin der Kaiserzeit haben sich keine weiteren Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde Berlins.

Als junge Erwachsene heiratete Greta 1922 Max Steinmesser. Der Kaufmann war 1885 im damals österreichischen, heute ukrainischen Brody geboren worden. Ein Bruder ihres Ehemannes, der 1873 geborene Abraham Steinmesser, lebte mit seiner Frau als Fleischer im benachbarten Lemberg (heute Lwiw).

In den 1920er- und 1930er-Jahren bekam das Ehepaar Steinmesser drei Kinder: Ihre Tochter Thea wurde im Juli 1923 in Berlin geboren, es folgte im September 1926 ein Junge namens Ludwig und schließlich ihr jüngstes Kind Joachim im Juli 1932. Ihren Lebensunterhalt bestritt das Ehepaar mit einem Textilwarenladen. In den Berliner Adressbüchern wird das Geschäft erstmals 1923 angegeben als „Exportgeschäft engros für Kurz- und Baumwollware“ an der damaligen Wohnadresse der Familie in der Dragonerstraße 24 (der heutigen Max-Beer-Straße) in Mitte und ab 1925 als Geschäft für Strumpfwaren und Trikotagen. Im Jahr 1928 zog die Familie mitsamt ihrem Geschäft in die Neuköllner Ziethenstraße 38 (heutige Werbellinstraße) um. Ende der 1920er-Jahre wurde Thea eingeschult – vermutlich in die Neuköllner Volksschule in der Boddinstraße 52/53, die ab 1933 auch ihr Bruder Ludwig besuchte.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Greta Steinmesser und ihre Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben und der damit verbundenen Zerstörung der familiären Existenzgrundlage. Erlasse und Sondergesetze drängten die Steinmessers zunehmend in die Position von Rechtlosen und schon beginnend mit dem Jahr 1933 waren Greta und Max Steinmesser als Geschäftsinhaber von den antisemitischen Kampagnen, Boykotten und Ausschreitungen betroffen, die ihren sichtbarsten Ausdruck in den Pogromen im Mai und November 1938 in Berlin erfuhren. Zudem befand sich die Familie in einer besonders prekären Situation: Der Geburtsort von Gretas Ehemann war nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden und das Ehepaar sowie ihre Kinder wurden in den 1930er-Jahren auf dieser Grundlage von den NS-Behörden kurzerhand als „staatenlos“ erklärt.

Ende der 1930er-Jahre kann die Situation der Familie aus den Dokumenten nicht mehr zweifelsfrei erschlossen werden. Auf einer erhalten gebliebenen Schulkarte von Gretas Sohn Joachim, der am 1. April 1940 an der Knabenvolksschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Kaiserstraße 29/30 (heute Jacobystraße) eingeschult wurde, ist verzeichnet, dass sich seine Eltern in Polen befänden, was auch eine Codierung für Abschiebung oder, falls die Handschrift zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt wurde, Deportation bedeuten könnte. Joachim Steinmesser befand sich demnach „bei der Grossmutter Schwalb“ in der Neuköllner Hermannstraße 46. Bei ihr handelte es sich um die 1876 in Przemyśl geborene Cipa Schwalb, geborene Anschel, die im September 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde. Gretas Ehemann Max wurde bereits seit Mitte der 1930er-Jahre nicht mehr in den Berliner Adressbüchern geführt. Ein Eintrag von 1935 gibt Greta Steinmesser als Haushaltsvorstand und Inhaberin des Weißwarenladens in der Ziethenstraße 38 an. Danach gibt es keine Einträge mehr für die Steinmessers. Zu diesem Zeitpunkt muss das Geschäft der Familie aufgelöst worden sein. Erst für die 1940er-Jahre lassen sich wieder verlässliche Aussagen treffen: Greta Steinmesser wohnte jetzt mit ihrem Kindern Thea, Ludwig und Joachim in einer Wohnung in der Lausitzer Straße 31 in Kreuzberg. Die Spuren von ihrem Ehemann verlieren sich in den 1930er-Jahren. Möglicherweise war er zu seinem Bruder Abraham nach Lemberg gegangen und ist identisch mit dem am 11. Januar 1942 ums Leben gekommenen Maks Steinmesser, der in den Unterlagen des Friedhofs Lemberg verzeichnet ist.

Seit Ende der 1930er-/Anfang der 1940er-Jahre mussten Greta Steinmesser und ihre Tochter Thea als Zwangsarbeiterinnen bei der „Charlottenburger Motoren- und Gerätebau KG“ in der Potsdamer Straße 98 arbeiten. Im Oktober 1941 wurde auch ihr damals 15-jähriger Sohn Ludwig zwangsverpflichtet, der seine Schulausbildung beenden und als „Arbeitsbursche“ für das Unternehmen arbeiten musste. Für die Familienmitglieder wurde das Leben in Berlin spätesten in den 1940er-Jahren zum täglichen Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Nach der Schließung der Knabenvolksschule in der Kaiserstraße am 30. Juni 1942 konnte der neunjährige Joachim keinen Schulunterricht mehr besuchen und es fiel die letzte öffentliche Institution weg, die die Familie in ihrem täglichen Leben unterstützte.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Greta Steinmesser wurde mit ihren Kindern im Zuge der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, Ende Februar 1943 in Berlin verhaftet und in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verschleppt. Dort wurde die Familie getrennt: Die 19-jährige Thea wurde am 1. März 1943 mit ihrem Bruder Ludwig mit dem „31. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet. Greta Steinmesser war noch einige Wochen im Sammellager interniert, bevor sie am 17. Mai 1943 mit dem „38. Osttransport“ ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Ihr jüngster Sohn Joachim wurde erst am 10. September 1943 aus Berlin deportiert. In der Verfügung zur Einziehung seines Vermögens, dass sich in den Dokumenten des Oberfinanzpräsidenten erhalten hat, wurden zwei frühere Daten gestrichen, die die Deportation zu einem früheren Zeitpunkt eingeleitet hätten – nämlich zunächst wohl zusammen mit seinen Geschwistern und dann mit seiner Mutter. Offenbar gab es Verhinderungsgründe, die sich aus den erhaltenen Dokumenten nicht mehr erschließen lassen. Nicht ersichtlich ist ferner, warum auf der Deportationsliste zu seinem Namen die handschriftliche Notiz „Geltungsjude“ eingefügt wurde, da dies eigentlich nicht in Einklang steht mit der NS-ideologischen Einstufung seiner Eltern als „Volljuden“. Joachim kam zunächst in das Ghetto Theresienstadt und wurde von dort am 15. Mai 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er – vermutlich unmittelbar nach der Ankunft des Transports – ermordet wurde. Gretas Vater Leiser Leo Kestel war im Mai 1934 in Berlin verstorben. Ihre Mutter Ella Kestel war am 10. September 1942 nach Theresienstadt deportiert worden und von dort aus am 29. September 1942 weiter in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie ermordet wurde. Das Schicksal ihres Bruders Arthur Kestel, der in Berlin als Kürschner tätig gewesen war, sowie von dessen Ehefrau Hildegard, geborene Klonower, und deren 1932, 1936 und 1938 geborenen Kindern Felicitas, Leo und Susanna Kestel ist nicht geklärt.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1922–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932; Berliner Telefonbuch 1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020). Page of Testimony zu Max und Abraham Steinmesser erstellt von Tzvi Shteinmeser.
Geburtsanzeige Grete Kestel (Nr. 410, Berlin am 20. Februar 1899); Arthur Kestel (Nr. 237, Berlin am 29. Januar 1900); Bernhard Steinmesser (Nr. 1071, Berlin am 24. Juni 1907). Geburtsregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eheanzeige Moische-Max Steinmesser und Grete Kestel (Nr. 604, Neukölln am 15. Juni 1922); Artur Kestel und Hildegard Klonower (Nr. 400, Berlin am 24. Mai 1931). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Todesanzeige Röschen Kestel (Nr. 1196, Berlin am 20. November 1903); Bernhard Kestel (Nr. 230, Berlin am 11. März 1908); Artur Kestel (Nr. 231, Berlin am 7. Mai 1934). Register der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eintrag zu Cipa Schwalb, geb. Anschel. Onlinedatenbank Mapping the Lives. Online unter: https://www.mappingthelives.org/bio... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Ludwig Steinmesser, „31. Osttransport“ (Lfd-Nr. 1449); Thea Steinmesser (Lfd-Nr. 1466); Grete Steinmesser, 38. „Osttransport“ (Lfd-Nr. 14); Joachim Steinmesser, „96. Alterstransport (Lfd-Nr. 12). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karteikarte zu Ludwig und Joachim Steinmesser. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Schülerkarteikarte zu Felizitas Kestel. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eintrag zu Erna Ziegel, geb. Glaser. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Maks Steinmesser. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 4. Juni 2021).