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Thea Steinmesser

Stolperstein für Thea Steinmesser © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Lausitzer Straße 31

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
16.05.2006

GEBOREN
06.06.1923 in Berlin
DEPORTATION
am 01.03.1943 von Moabit nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Thea Steinmesser wurde am 6. Juni 1923 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des Kaufmanns Max Steinmesser und der Greta Steinmesser, geborene Kestel. Als Thea geboren wurde war, ihre Mutter, die ebenfalls gebürtige Berlinerin war, 24 Jahre alt. 1922 hatte sie sich mit Theas Vater Max verheiratet. Der Kaufmann war elf Jahre älter als Greta 1888 im damals österreichischen, heute ukrainischen Brody geboren worden. Ein Onkel von Thea, der 1873 geborene Abraham Steinmesser, lebte mit seiner Frau als Fleischer im benachbarten Lemberg (heute Lwiw).

Nach ihrer Hochzeit bekam das Ehepaar insgesamt drei Kinder, von denen Thea das älteste war. Ihr Bruder Leo wurde 1926 geboren und kurz nach Theas neunten Geburtstag kam ihr Bruder Joachim in Berlin zur Welt. Zum Zeitpunkt der Geburt von Thea lebte die Familie in Neukölln in der Dragonerstraße 24 (der heutigen Max-Beer-Straße). An dieser Adresse führten Max und Greta Steinmesser einen Textilwarenladen, der in den Adressbüchern Berlins erstmals 1923 als Exportgeschäft engros für Kurz- und Baumwollware geführt wurde und ab 1925 als Geschäft für Strumpfwaren und Trikotagen. Im Jahr 1928 zog die Familie in die Neuköllner Ziethenstraße 38 (heutige Werbellinstraße) um. Über die Kindheit von Thea Steinmesser und ihren Geschwistern haben sich keine weiteren Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde Berlins. Leider haben sich auch keine persönlichen Zeugnisse erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie Steinmesser im Berlin der Weimarer Republik vermitteln könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Thea Steinmesser und ihre Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie für Theas Eltern die Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben und der damit verbundenen Zerstörung der familiären Existenzgrundlage. Sicher versuchten Greta und Max Steinmesser, den Kindern in der Familie Schutzräume zu bieten, aber wir wissen nicht, wie gut es gelang, diese von den existentiellen Nöten, die das Leben der Familie in Berlin zunehmend bestimmt haben muss, abzuschirmen. Für die Familie ergaben sich in den 1930er-Jahren zudem Schwierigkeiten, weil der NS-Staat ihnen ihre Staatsbürgerschaft aberkannte. Der Geburtsort von Theas Vater war nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden. Max und Greta Steinmesser sowie ihre Kinder wurden in den 1930er-Jahren auf dieser Grundlage von den NS-Behörden kurzerhand als „staatenlos“ erklärt.

Unmittelbar erfuhren Thea Steinmesser, ihr Bruder Ludwig und zu einem späteren Zeitpunkt auch ihr Bruder Joachim die Diskriminierungen nach 1933 im Schulalltag und Bildungswesen. Thea besuchte vermutlich die Neuköllner Volksschule in der Boddinstraße 52/53, auf die im November 1933 auch ihr Bruder Ludwig eingeschult wurde. Bereits im April 1933 wurde der Neunjährigen mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ die Chance auf einen höheren Bildungszweig versperrt. Ein Erlass von 1935 sah eine „möglichst vollständige Rassentrennung“ in Schulen vor und nach den Pogromen im November 1938 wurde jüdischen Schülern und Schülerinnen der Besuch von öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten. Möglicherweise konnte Thea noch eine der privaten Schulen der Jüdischen Gemeinde besuchen. Von ihrem Bruder Joachim ist bekannt, dass er am 1. April 1940 an der Knabenvolksschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Kaiserstraße 29/30 (heute Jacobystraße) unweit des Alexanderplatzes eingeschult wurde. Für die jugendliche Thea waren zu diesem Zeitpunkt auch die meisten Ausbildungsberufe aus rassistischen Gründen versperrt.

Zu diesem Zeitpunkt kann die Situation der Familie aus den Dokumenten nicht mehr zweifelsfrei erschlossen werden. Auf einer Schulkarte von Theas Bruder Joachim ist verzeichnet, dass sich die Eltern in Polen befänden, was auch eine Codierung für Abschiebung oder, falls die Handschrift zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt wurde, Deportation bedeuten kann. Joachim Steinmesser befand sich demnach bei einer „Grossmutter Schwalb“ in der Neuköllner Hermannstraße 46. Bei ihr handelte es sich um die 1876 in Przemyśl geborene Cipa Schwalb, geborene Anschel, die im September 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde. Theas Vater Max wurde bereits seit Mitte der 1930er-Jahre nicht mehr in den Berliner Adressbüchern geführt. Ein Eintrag von 1935 gab ihre Mutter Greta als Haushaltsvorstand und Inhaberin des Weißwarenladens in der Ziethenstraße 38 an, danach gibt es keine Einträge mehr für die Steinmessers. Zu diesem Zeitpunkt muss das Geschäft der Familie aufgelöst worden sein. Erst für die 1940er-Jahre lassen sich wieder verlässliche Aussagen treffen: Grete Steinmesser wohnte jetzt mit ihren Kindern Thea, Ludwig und Joachim in einer Wohnung in der Lausitzer Straße 31 in Kreuzberg. Die Spuren von Theas Vater verlieren sich in den 1930er-Jahren. Möglicherweise war er zu seinem Bruder Abraham nach Lemberg gegangen und ist identisch mit dem am 11. Januar 1942 ums Leben gekommenen Maks Steinmesser, der in den Unterlagen des Friedhofs Lemberg verzeichnet ist.

Seit Ende der 1930er-/Anfang der 1940er-Jahre musste Thea als Zwangsarbeiterin bei der „Charlottenburger Motoren- und Gerätebau KG“ in der Potsdamer Straße 98 arbeiten. Bei dem Unternehmen war auch ihre Mutter als Zwangsarbeiterin dienstverpflichtet und im Oktober 1941 musste ihr 15-jähriger Bruder Ludwig die Schule beenden, um ebenfalls bei dem Betrieb als „Arbeitsbursche“ Zwangsarbeit zu leisten. Für die Familienmitglieder wurde das Leben in Berlin spätesten in den 1940er-Jahren zum täglichen Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Mit der Schließung der Knabenvolksschule in der Kaiserstraße am 30. Juni 1942 konnte der neunjährige Joachim keinen Schulunterricht mehr besuchen und es fiel die letzte öffentliche Institution aus, die die Familie in ihrem täglichen Leben unterstützte.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Thea Steinmesser wurde mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern im Zuge der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, Ende Februar 1943 in Berlin verhaftet und in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verschleppt. Dort wurde die Familie getrennt: Die 19-jährige Thea wurde am 1. März 1943 mit ihrem Bruder Ludwig mit dem 31. „Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet. Ihre Mutter Greta wurde mit einem späteren Transport am 17. Mai 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Theas damals 10-jähriger Bruder Joachim wurde am 10. September 1943 aus Berlin deportiert. Er kam zunächst in das Ghetto Theresienstadt und wurde von dort am 15. Mai 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er – vermutlich unmittelbar nach der Ankunft des Transports – ermordet wurde.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1922–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932; Berliner Telefonbuch 1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020). Page of Testimony zu Max und Abraham Steinmesser erstellt von Tzvi Shteinmeser.
Geburtsanzeige Grete Kestel (Nr. 410, Berlin am 20. Februar 1899); Arthur Kestel (Nr. 237, Berlin am 29. Januar 1900); Bernhard Steinmesser (Nr. 1071, Berlin am 24. Juni 1907). Geburtsregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eheanzeige Moische-Max Steinmesser und Grete Kestel (Nr. 604, Neukölln am 15. Juni 1922); Artur Kestel und Hildegard Klonower (Nr. 400, Berlin am 24. Mai 1931). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Todesanzeige Röschen Kestel (Nr. 1196, Berlin am 20. November 1903); Bernhard Kestel (Nr. 230, Berlin am 11. März 1908); Artur Kestel (Nr. 231, Berlin am 7. Mai 1934). Register der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eintrag zu Cipa Schwalb, geb. Anschel. Onlinedatenbank Mapping the Lives. Online unter: https://www.mappingthelives.org/bio... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Ludwig Steinmesser, „31. Osttransport“ (Lfd-Nr. 1449); Thea Steinmesser (Lfd-Nr. 1466); Grete Steinmesser, 38. „Osttransport“ (Lfd-Nr. 14); Joachim Steinmesser, „96. Alterstransport (Lfd-Nr. 12). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karteikarte zu Ludwig und Joachim Steinmesser. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Schülerkarteikarte zu Felizitas Kestel. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eintrag zu Maks Steinmesser. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 4. Juni 2021).