Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Georg Rothschild

Stolperstein für Georg Rothschild. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Yorckstr. 89

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
27.03.2008

GEBOREN
04.10.1877 in Berlin
DEPORTATION
nach Sachsenhausen
ERMORDET
25.06.1942 in Sachsenhausen

Im Haus Yorckstr. 88 lebten bis zu ihrer Deportation in den Jahren 1942/43 vier Angehörige der Familie Rothschild: Else Ruhemann, geborene Rothschild, und ihr Sohn Kurt sowie ihr Bruder Georg mit seiner Tochter Charlotte.

In welcher Linie diese vier ehemaligen Bewohner des Hauses von Mayer Amschel Rothschild, dem Begründer des gleichnamigen Bankhauses abstammten, lässt sich aus dessen Familienstammbaum nicht ableiten. Bis zu ihrer Lebenszeit hatte sich die Familie Rothschild auch in Deutschland weit verzweigt. Allein in der Liste aller Opfer der Shoa sind 559 Personen mit dem Nachnamen Rothschild aufgeführt.

Moritz Rothschild, der Vater von Else Ruhemann und Georg Rothschild, stammte aus Radegast. Die Geschwister Else Ruhemann und Georg Rothschild lebten einen großen Teil ihres Lebens gemeinsam in einem Haus oder gar einer Wohnung – die längste Zeit davon in der Kleinbeerenstr. 4 nördlich des Landwehrkanals, etwa an der Stelle, wo sich heute das Parkhaus hinter dem Hochhaus der Post befindet. In dieses Haus zog die Familie im Jahr 1888, ein Jahr nach dem Bau des Hauses.

Moritz Rothschild, Georgs Vater, führte ganz in der Nähe in der Wilhelmstr. 144 (heute etwa Willi-Brandt-Haus) ein „Bank- und Commissionsgeschäft“. Danach wohnte die Familie zehn Jahre in der Königgrätzer (heute Stresemannstr. 66), wo Else und Georg geboren wurden.

Georg Rothschild kam am 4. Okt ober 1877 zur Welt. Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann im Textilgroßhandel war er bei der Firma Peeck & Cloppenburg in der Roßstraße tätig. Am 20. August 1911 wurde Tochter Charlotte geboren. Seine Frau Recha, geb. Hess, starb bereits im Januar 1913. In der Vermögenserklärung Kurt Ruhemanns – dem Schwager Georg Rothschilds – wird 1942 angegeben, dass eine Familienangehörige namens Alice Rothschild nach Holland ausgewandert sei. Deren verwandtschaftliche Verhältnis zu den vier anderen und somit auch ihr weiteres Schicksal ließen sich aber bisher nicht eindeutig klären.

1931 kam es offensichtlich zu einer Zäsur im Leben der Familie. Möglicherweise in Folge der Wirtschaftskrise musste Georg Rothschild seine Tätigkeit aufgeben und arbeitete fortan als Reichsbahnangestellter. Auch das Wohnhaus ging vom bisherigen Eigentümer in den Besitz einer Treuhandgesellschaft über; die ganze Familie zog in das Nachbarhaus Nr. 5.

Dort blieb sie jedoch nur zwei Jahre und zog 1932 wieder um, diesmal in die Yorckstr. 88. Da für Kurt Ruhemann und Charlotte Rothschild nie eigene Anschriften in den Adressbüchern auftauchen, ist anzunehmen, dass die Familie immer zusammen blieb. Fest steht, dass Else Ruhemann mit ihrem Sohn im Aufgang 5, I. Etage, ein Zimmer und Küche bewohnten. Wahrscheinlich teilten sie sich eine größere Wohnung mit Georg und Charlotte Rothschild, die zwei Zimmer bewohnten.

Georg Rothschild fiel als erster dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer. Er wurde offensichtlich von einer Vergeltungsaktion erfasst, bei der am 27. und 28. Mai 1942 154 jüdische Bürger Berlins in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und dort mit 96 weiteren jüdischen Häftlingen erschossen wurden. Als Auslöser für diese Aktion werden in verschiedenen Quellen zwei Ursachen für möglich gehalten: Einerseits wird die Aktion mit dem Anschlag der Widerstandsgruppe Herbert Baum auf die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Lustgarten in Verbindung gebracht. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass diese Aktion im Zusammenhang mit Vergeltungsmaßnahmen nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich stand, das sich kurz zuvor ereignet hatte.

Im Sterbezweitbuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen ist der 25. Juni 1942 als Todesdatum von Georg Rothschild eingetragen.

Seine Tochter Charlotte wurde am 3. März 1943 mit dem „33. Osttransport“ – dem fünften Großtransport nach Beginn der sog. „Fabrik-Aktion“, der insgesamt 1726 Personen umfasste – nach Auschwitz deportiert. Nach ihrer Ankunft am 4. März verliert sich ihre Spur, wahrscheinlich wurde sie sofort ermordet. Von den Insassen dieses Transports wurden nach der „Selektion“ in Birkenau 517 Männer sowie 200 Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Alle anderen – 1.009 Menschen – wurden zu den Gaskammern gebracht und umgehend getötet.


Biografische Zusammenstellung

Burkhard Hawemann; bearbeitet/ergänzt: Wilfried Burkard - Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin