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Justine Bischofswerder (geb. Horowitz)

Stolperstein für Justine Bischofswerder. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Markgrafendamm 25

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Friedrichshain
VERLEGEDATUM
27.03.2008

GEBOREN
28.10.1888 in Thorn (Westpreußen) / Toruń
DEPORTATION
am 06.03.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Justina Horowitz wurde am 28. Oktober 1888 im westpreußischen Thorn (dem heutigen Toruń) geboren. Die Garnisonsstadt, etwa 45 Kilometer südöstlich von Bromberg (Bydgoszcz) gelegen, erlebte im 19. Jahrhundert nach dem Bau der Preußischen Ostbahn einen wirtschaftlichen und kulturellen Boom. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte Thorn über ein Gymnasium mit angeschlossener Realschule, die auch von Justina Horowitz und ihren Geschwistern besucht wurde. Justina war die Tochter des Gymnasialprofessors und königlichen Oberlehrers Professor Dr. Joshua Horowitz (1846–1909) und seiner Ehefrau Laura, geborene Baerwald (1858–1937). Justina war das jüngste Kind der Familie: Ihre Brüder Alex und Simon, der Moni genannt wurde, waren 1882 und 1884 in Thorn zur Welt gekommen. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Justina haben sich so gut wie keine Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt, die zum Zeitpunkt der Geburt von Justina etwa 1200 der 24.000 Einwohner Thorns umfasste.

Nach ihrem Schulabschluss am städtischen Lyzeum besuchte Justina Horowitz das Lehrerinnenseminar in Thorn und legte am 16. März 1908 die Lehrerinnenprüfung ab. Sie erwarb die Zulassung zur Abiturprüfung im Heimstudium und absolvierte 1910 die Abiturprüfung an der Hohenzollernschule in Schöneberg. Im Anschluss studierte sie zwischen 1910 und 1915 Medizin in Jena und Berlin, bestand 1912 ihr Physikum und im Mai 1915 ihr Staatsexamen, bis 1914 wohnte sie in der Droysenstraße 1 in Charlottenburg. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie an der Universitäts- und Poliklinik an der Charité Berlin und der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Charlottenburg-Westend. Sie erhielt am 1. Juni 1916 ihre Approbation und promovierte im selben Jahr in Berlin mit einer Arbeit zu Gallenblasenentzündungen mit dem Titel: „Die Cholecystitis adhaesiva“.

Noch während ihrer Studienzeit hatte sie durch ihren Bruder Dr. Simon Horowitz, der in der Hauptstadt als Notar und Strafverteidiger arbeitete, ihren zukünftigen Ehemann kennengelernt, den Gerichtsreferendar Dr. Franz Bischofswerder, Sohn des königlichen Justizrats Itzig Bischofswerder und dessen Frau Kornelia, geborene Metz. Am 1. April 1914 heiratete das Paar in Berlin und nahm sich eine Wohnung am Siegmunds Hof 16 im Hansaviertel. Dort praktizierte Justina als niedergelassene Internistin. Sie war Mitglied in der Berliner Medizinischen Gesellschaft und bis 1930 im Bund deutscher Ärztinnen. Am 13. Februar 1918 bekamen Justina und Franz Bischofswerder einen Sohn, Ernst. Im Alter von etwa fünf Jahren erkrankte Ernst schwer an Scharlach mit einer Enzephalitis-Komplikation, was seine kognitive Entwicklung ab diesem Zeitpunkt dauerhaft beeinträchtigte. Leider haben sich keine weiteren Informationen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden oder Geltungsjuden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Justina Bischofswerder und ihre Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Abgesehen von Boykottmaßnahmen, behördlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen wurde die Schlinge für jüdische Ärzte durch eine Flut von Verordnungen und Gesetze schrittweise enger gezogen: So wurden mit insgesamt sieben Verordnungen von 1933 bis 1937 „nichtarischen“ Ärzten nach und nach die Kassenzulassungen entzogen; mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 waren sie vom öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen, mit der Verordnung vom 20. November 1933 durften sie keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen; ab dem Jahr 1936 durften sie nicht mehr mit „deutschstämmigen“ Ärzten zusammenarbeiten. Justina Bischofswerder wurde die Kassenzulassung mit Wirkung zum 6. Oktober 1933 entzogen. 1934 verlegte sie ihren Wohnsitz und ihre Praxis an die Adresse Markgrafendamm 25 im Friedrichshain. Ihr Ehemann Franz war nach 1933 als Reiseleiter tätig und emigrierte Ende der 1930er-Jahre in die USA. Justina Bischofswerder blieb in Berlin. Sie wollte laut Angaben von Familienangehörigen ihren Sohn Ernst nicht im Stich lassen, der „als 18-Jähriger 1937 in einen Straßenstreit mit einem Nazi verwickelt war“, daraufhin verhaftet und nach verübter Haftstrafe zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Die Familie erreichte, dass er in die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal bei Berlin verlegt wurde, die ihre Patienten unter ihrem damaligen Leiter Paul Gerhard Braune (1887–1954) – soweit möglich – vor Zugriffen schützten.

Am 30. September 1938 wurde Justina Bischofswerder wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. Sie konnte noch als „Krankenbehandlerin für Innere Krankheiten“ ausschließlich jüdische Kranke versorgen. Vermutlich musste sie seit Anfang der 1940er-Jahre Zwangsarbeit in Berlin leisten. Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre wurde das Leben in Berlin für die Ärztin zum reinen Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich nach der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Anfang der 1940er-Jahre musste sie ihre Wohnung in der Marktgrafenstraße aufgeben und zog zur Untermiete bei Smoschewer in eine Wohnung in der Passauer Straße 2 in Schöneberg.

Am 2. April 1942 wurde Ernst Bischofswerder aus Berlin in das Ghetto Warschau deportiert und dort ermordet. In einem Brief vom 28. Januar 1943 an den Pastor in Loebetal schrieb seine Mutter Justina zu ihrer Lage: „Was Ihre Nachricht über meinen Sohn für mich bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wenn ich auch seit vielen Monaten mit allergrößter Wahrscheinlichkeit mit diesem seinem Schicksal gerechnet habe. […] Leider trifft Ihre Annahme, dass die Arbeit jetzt etwas Ausgleich und Trost biete, nicht zu. Man begegnet dauernd bei anderen der Gefahr, der man selbst ausgesetzt ist und kann deshalb nicht helfen und trösten. Und wenn man einen ärztlichen Erfolg hat, so empfindet man keine Freude, denn man fragt sich: Cui bono? Dennoch muß man versuchen auszuhalten.“

Justina Bischofswerder wurde ihm Rahmen der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in Berlin lebenden Juden deportiert werden sollten, im Frühjahr 1943 auf offener Straße am Bayerischen Platz in Schöneberg verhaftet und in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 verschleppt. Von dort wurde die 54-Jährige am 6. März 1943 mit dem „35. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das Schicksal ihres Ehemannes, der sich im amerikanischen Exil Frank Bishop nannte, ist ungeklärt. Ihr Bruder Dr. Simon Horowitz war mit seiner Ehefrau, Maximiliane Horowitz, geborene Harden, im April 1939 aus Deutschland nach Palästina geflohen. Sie überlebten die NS-Verfolgung im Exil und kehrten 1950 nach Berlin zurück, wo Simon im darauffolgenden Jahr verstarb. Justinas Mutter Laura Horowitz, geborene Baerwald, war bereits 1937 in Berlin verstorben.


Anmerkung zur Biographie: Der oben zitierte Brief von Justina Bischofswerder entstammt dem Privatarchiv der Nichte Eva Werner; zit. nach: Rebecca Schwoch: Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1938 und 1945, Frankfurt am Main 2018, S. 219.

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Eheanzeige Anna Justina Horowitz und Franz Bischofswerder (Nr. 149, Charlottenburg am 1. April 1914); Eheregister der Stadt Berlin 1874–1920. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Claims Resolution Tribunal. Holocaust Victim Assets Litigation. Aktenzeichen CV96-4849. Auszahlungsentscheid betreffend die Konten von Simon Horowitz vom 31. März 2005. Online unter: https://www.google.com/url?sa=t&rct... s&source= web&cd=9&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwjohoTjjvLlAhWLIlAKHRVICEcQFjAIegQIBxAC&url=http%3A%2F%2Fwww.crt-ii.org%2F_wards%2F_apdfs %2FHorowitz_Simon_trans.pdf&usg=AOvVaw0GmiULMSMobL-EuRnBtJw_ (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Justina Anna Bischofswerder, geb. Horowitz (35. „Osttransport“, Lfd-Nr. 472). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Justina Jula Bischofswerder, geb. Horowitz (AEIK00290) in der Dokumentation „Ärztinnen im Kaiserreich“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Online unter: https://geschichte.charite.de/aeik/... (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Dr. Anna Justine Bischofswerder in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Anna-Bi... 60000000234378 05136 (aufgerufen am 16. Oktober 2019)
A short retrospective look at the descendants of Aron Baerwald (1826–1868) by Eva Werner, neé Horowitz. 29. Juni 2013. Online unter: https://baerwaldfamilyreunion.wordp... (aufgerufen am 16. Oktober 2019)
Thea Wohlgemuth: Das deutsche Gymnasium in Thorn zwischen den beiden Weltkriegen, Berlin 1963. Auszug online unter: http://www.thorn-wpr.de/fqWTdGVw.htm (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Justina Jula Anna Bischofswerder, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 104–105
Eintrag zu Justina Jula Anna Bischofswerder, in: Schwoch, Rebecca: Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1938 und 1945, Frankfurt am Main 2018, S. 219–220