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Dagobert Ziegel

Stolperstein für Dagobert Ziegel. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Danneckerstr. 21

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Friedrichshain
VERLEGEDATUM
27.03.2008

GEBOREN
17.06.1895 in Wongrowitz (Posen) / Wągrowiec
DEPORTATION
am 19.05.1943 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Dagobert Ziegel wurde am 17. Juni 1895 in Wongrowitz (dem heutigen Wągrowiec in Polen), das etwa 50 Kilometer nordöstlich von Posen (Poznań) an der Südspitze des Durower Sees liegt, geboren. Die Stadt erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere nach dem Anschluss an das Schienennetz 1889, eine wirtschaftliche Blüte. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Dagobert Ziegel in Wongrowitz haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob er noch Geschwister hatte. Im Gedenkbuch des Bundesarchives lassen sich Einträge zu Personen finden, die eine Verwandtschaft wahrscheinlich erscheinen lassen: Berthold Ziegel (1890–1943), Erna Ziegel, verheiratete Jaffé (1892–1942), Elly Ziegel (1901–1943) und Theo Ziegel (1902–1943) wurden alle in Wongrowitz geboren, lebten später mit ihren Angehörigen in Berlin und überlebten die NS-Verfolgung nicht. Leider fehlen Quellen, um die verwandtschaftliche Beziehung zu Dagobert zweifelsfrei zu klären.

Seine Eltern gehörten aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde der Ortschaft Wongrowitz, zu der um 1890 545 der knapp 5000 Einwohner zählten, und Dagobert besuchte vermutlich die örtliche, jüdische Schule. Nach seinem Schulabschluss schlug er eine kaufmännische Laufbahn ein. Da er in späteren Dokumenten als Träger eines Verwundetenabzeichens geführt wurde, muss er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet oder rekrutiert worden sein und zwischen 1914 und 1918 als Soldat an Gefechten teilgenommen haben. Nach dem Ende der Ersten Weltkriegs wurde seine Geburtsstadt aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages polnisch. Spätesten jetzt verließ Dagobert Ziegel die Region und zog nach Berlin. Am 22. Dezember 1923 heiratete er in der Hauptstadt die 1900 geborene gebürtige Berlinerin Erna Glaser und nahm sich mit ihr eine Wohnung in der Charlottenburger Sybelstraße 31. Am 2. Juli 1925 kam in Berlin ihr Sohn Horst zur Welt. Den Lebensunterhalt der Familie sicherte Dagobert als kaufmännischer Angestellter eines Warenhauses im Wedding. Erna Ziegel war laut späteren Angaben ihres Sohnes viele Jahre bei Siemens beschäftigt, wobei unklar ist, in welchem Zeitraum und in welcher Position. Um 1930/1931 zog die Familie in eine neue Wohnung in der Caprivistraße 4 (der heutigen Danneckerstraße) in Friedrichshain. In dieser Zeit wurde auch Horst Ziegel eingeschult. Er besuchte die Jungen-Gemeindeschule an der Ecke Modersohn-/Corinthstraße in Friedrichshain, an der heute die Emanuel-Lasker-Oberschule liegt. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Dagobert Ziegel und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Erlasse und Sondergesetze drängten die Familienmitglieder zunehmend in die Position von Rechtlosen. Ob das Ehepaar Ziegel und ihr Sohn in den 1930er-Jahren und vor allem nach den Gewaltexzessen der Pogrome im Mai und November 1938 Schritte verfolgten, Deutschland zu verlassen, ist nicht bekannt. Sollten Pläne bestanden haben, so scheiterten diese. Im November 1938 wurde das Weddinger Warenhaus, in dem Dagobert Ziegel langjährig Angestellter war, „arisiert“ und er verlor seine Arbeitsstelle. Anfang der 1940er-Jahre fand er als Buchhalter und Berater der Abteilung Wohnungsbau bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine neue Beschäftigung. Sein Sohn Horst hatte nach seinem Schulabschluss eine Lehre als Schlosser begonnen, musste diese aber nach anderthalb Jahren abbrechen, weil der damals noch Fünfzehnjährige zu Zwangsarbeit in der Schlosserei der „Kurt Hein GmbH“ in der Belle-Alliance-Straße 71 (heute Mehringdamm 61) verpflichtet wurde. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnten sich die Familienmitglieder nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Dagobert Ziegel, seine Ehefrau und sein Sohn mussten ihre Wohnung in der Caprivistraße 4 im Frühjahr 1943 räumen und wurden in einem der Berliner Sammellager interniert. Von dort wurden sie gemeinsam am 19. Mai 1943 mit dem „89. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Im Ghetto hat Dagobert Ziegel den Uhrmacher Alfred Moses kennengelernt, der mit dem nachfolgenden „90. Alterstransport“ ebenfalls aus Berlin nach Theresienstadt deportiert worden war. In einer späteren Erklärung beschreibt Alfred Moses die Situation: „Ich habe Herrn Horst Ziegel, mit dem ich weder verwandt noch verschwägert bin, in Theresienstadt – es dürfte Anfang Juni 1943 gewesen sein – kennen gelernt, da wir in derselben Kaserne in Theresienstadt untergebracht waren. […] Wir wurden zusammen Anfang Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz gebracht und waren auch dort in demselben Block untergebracht. 14 Tage später kam Horst Ziegel von Auschwitz weg.“

Am 16. Oktober 1944 waren Dagobert und Erna Ziegel gemeinsam mit Alfred Moses aus dem Ghetto Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz weiterdeportiert worden. Bei ihrer Ankunft wurden zumindest die beiden Männer als Häftlinge in das Lager selektiert. Erna Ziegel wurde möglicherweise bereits unmittelbar nach der Ankunft des Deportationszuges ermordet. Mit seinem letzten Satz meinte Alfred Moses möglicherweise, dass Dagobert Ziegel zwei Wochen nach seiner Ankunft in eines der Außenlager von Auschwitz verschleppt wurde. Jedenfalls wurden die beiden Männer getrennt. Weder Dagobert noch Erna Ziegel gehörten – anders als ihr Sohn – zu den wenigen Überlebenden von Auschwitz.

Horst Ziegel war wenige Tage vor seinen Eltern, am 29. September 1944, aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden. Noch im Oktober wurde er weiter nach Gleiwitz (Gliwice) deportiert, wo er in einem der dortigen Außenlager von Auschwitz unter widrigsten Bedingungen Schwerstarbeit verrichten musste („Vernichtung durch Arbeit“). Wenige Monate vor Kriegsende wurde er im Winter 1944/1945 weiter in das Konzentrationslager Blechhammer, ein Außenlager des KZ Auschwitz, verschleppt, wo er am 20./21. Januar 1945 durch die Rote Armee befreit wurde.


Anmerkung zur Biographie: Das wörtliche Zitat von Alfred Moses stammt aus der unten angegebenen Entschädigungsakte zu Dagobert Ziegel (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin Abt. I).

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1919–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin Abt. I. Entschädigungsakte zu Dagobert Ziegel (Aktennr. 54.567); Erna Ziegel (Aktennr. 54.563) und Horst Ziegel (Aktennr. 54.565).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Dagobert Ziegel, „89. Alterstransport (Lfd-Nr. 286); Erna Ziegel (Lfd-Nr. 287) und Horst Ziegel (Lfd.-Nr. 288). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Dagobert Ziegel in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: https://www.holocaust.cz/de/opferda... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Martin Wiebel: East Side Story. Biographie eines Berliner Stadtteils. 100 Jahre Alltagsgeschichte rund um den Rudolfplatz in Berlin-Friedrichshain. 2. Aufl. Berlin, 2009, S. 93. Online unter: https://issuu.com/berlinuppereastsi... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Anna Plenzler: Nordwestlicher Teil der Region Wielkopolska. In: Wielkoposka Tourismusorganisation (Hrsg.): Jüdischer Kulturpfad in Wielkopolska, Poznań 2012, S. 25–26. Online unter: https://issuu.com/wlkp/docs/zydzi_de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Posen/Warthe [mit Abschnitt zu Wongrowitz]. Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. o. J. Online unter: https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/p-r/1591-posen-warthe (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Mehr Informationen und Bilddokumente zur Stadt Wongrowitz finden sich unter: https://wagrowiec1381.wordpress.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karte mit Ansicht des Schulgebäudes der 227/281 Gemeindeschule Berlin-Friedrichshain, Gesamtansicht. Sammlung Online des Stadtmuseum Berlins. Online unter: https://sammlung-online.stadtmuseum... (aufgerufen am 26. Juli 2020).