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Betty Blum (geb. Sandmann)

Foto: KHMM
VERLEGEORT
Güntzelstr. 49

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
26.09.2006

GEBOREN
16.12.1863 in Tilsit / Sowetsk
DEPORTATION
am 14.09.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
14.11.1942 im Ghetto Theresienstadt

Betty Sandmann kam am 16. Dezember 1863 als Tochter des Kaufmanns Adolf Sandmann (1829–1890) und seiner Ehefrau Doris geb. Behrendt im ostpreußischen Tilsit (heute das russische Sowetsk) auf die Welt. Dort wurden auch ihre Geschwister Martha (*1860), Clara (*1861), Anna (*1862) und Max (*1866) geboren. Ihr Vater Adolf Sandmann stammte aus einer jüdischen Familie im damals westpreußischen Rosenberg (heute Susz/Polen), einer Kreisstadt östlich von Marienwerder. In Tilsit, dem Geburtsort seiner Ehefrau, besaß er nur für wenige Jahre eine Firma. Den Großteil seines Lebens verbrachten er und seine Familie sowie die große Verwandtschaft in Rosenberg. Betty Sandmanns Großvater Itzig Sandmann besaß dort eine Getreidehandlung und Spedition, in der ihr Vater ebenfalls tätig war, schließlich Prokura bekam und die er später erbte.
Betty Sandmann lebte bis zu ihrer Heirat in Rosenberg. Einen Beruf erlernte sie nicht – dies taten auch in ihrer Verwandtschaft erst die Frauen der nächsten Generation. 1888 heiratete sie den Kaufmann Siegfried Blum aus Deutsch Eylau (heute Iława/Polen) im Kreis Rosenberg. 1889 kam die Tochter Hildegard auf die Welt, 1891 die Tochter Erika.
Ihr Ehemann stammte ebenfalls aus einer einflussreichen und wohlhabenden jüdischen Familie, die mit der Familie Sandmann durch den gemeinsamen Glauben und durch Heirat verbunden war.
Über die Verwandten von Siegfried Blum ist viel zu erfahren, die Daten und Spuren seines eigenen Lebens aber bleiben vage – allein im Handelsregister findet sich sein Name.

In Deutsch Eylau war die Familie Blum – wie auch die Familie Sandmann in Rosenberg – im Besitz einer großen Firma, die den Namen ihres Gründers trug: die „Firma Nathan Blum“.
Nathan Blum, wohl Betty Blums Schwiegervater, hatte eine „Gesellschaft“ aufgebaut, zu der eine Getreide- und Samenhandlung, ein Bankgeschäft und ein Handel mit „Spiritus en gros“ sowie Wolle gehörten. Sein Sohn Julius (1855–1910) wurde Teilhaber und erbte nach dem Tod des Vaters Mitte der 1880er Jahre gemeinsam mit seiner Mutter Mathilde Blum die Firma.
1886 hatte Siegfried Blum von Julius Blum Prokura erhalten – ob als Bruder? 1892 aber wurde die Prokura von Siegfried, nun Betty Blums Ehemann, bereits gelöscht. – Dies könnte das Sterbejahr von Siegfried Blum gewesen sein, und die Ehe wäre damit sehr kurz gewesen.
1895, nach dem Tod von Mathilde Blum, wurde Julius Blum Alleininhaber der „Firma Nathan Blum“ in Deutsch Eylau. – Da die Familie Blum wohlhabend war, waren Betty Blum und ihre Töchter gut versorgt.

In Rosenberg, dem Wohnort von Betty Blums Herkunftsfamilie, war die Firma Sandmann 1894 an Bettys Bruder Max Sandmann gegangen, der sie später verkaufte, in Rosenberg eine Brauerei erwarb und 1918 in das mondäne Ostseebad Zoppot (heute Sopot/Polen) zog, wo er 1923 starb. Er hatte eine nichtjüdische Frau geheiratet und seine Kinder evangelisch taufen lassen. Bettys Schwester Martha konvertierte zum katholischen Glauben und heiratete den Juristen Julian von Fragstein (1847–1926), mit dem sie drei Kinder hatte. Die Schwester Clara heiratete 1880 ebenfalls einen Juristen, den Landrichter und späteren Landgerichtsrat Emil Samoje (1847–1902/1903) in Graudenz (heute Grudziądz/Polen). Das Ehepaar bekam zwei Söhne. Die Schwester Anna blieb ledig, sie starb 1897 in Zoppot.

Betty Blum kam mit ihren Töchtern als Witwe nach Berlin. Im Berliner Adressbuch findet sie sich erst 1917 als Hauptmieterin. Sie wohnte als „Rentiere“, also vom Vermögen lebend, in einer elegant eingerichteten 3-Zimmer-Wohnung in der Düsseldorfer Straße 2 in Wilmersdorf. Betty Blum und ihre Töchter waren in Berlin nicht allein: So lebte Betty Blums Schwester Clara Samoje bereits seit Beginn des Jahrhunderts als Witwe in Berlin. (Seit 1921 wohnte sie mit ihrem ledigen Sohn, dem Rechtsanwalt Dr. Sigismund Samoje (*1884), in der Pfalzburger Straße 72. Er wurde 1942 deportiert und ermordet, ein Stolperstein erinnert seit 2010 am Kammergericht in der Eßholzstraße 30–33 an den Juristen. Der ältere Sohn Leo Samoje (*1881), der Diplom-Ingenieur geworden war und lange in Bremen gelebt hatte, wohnte zuletzt ebenfalls bei seiner Mutter. Er wurde 1943 deportiert und ermordet.) Auch Bettys ältere Schwester Martha von Fragstein lebte in der Hauptstadt. Sie starb kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs im Jüdischen Krankenhaus. Aus der Familie ihres verstorbenen Ehemannes lebten lange oder nur für ihre letzten Jahre die verheirateten Schwestern von Julius Blum in Berlin: Estella Steinfeld (1863–1940), Jenny Steinfeld (1865–1942) und Rosa Bry (1860–1940). Estella Steinfeld und Rosa Bry starben an Krankheiten, Jenny Steinfeld floh in den Tod. (Über ihr Leben ist ebenfalls vieles bekannt.)

Betty Blums Töchter Hildegard und Erika Blum blieben ledig. Sie arbeiteten bis 1933 als Sekretärinnen im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße, so jedenfalls erinnerte es ihre Cousine Hertha Boethelt (eine Tochter von Max Sandmann). In den entsprechenden Unterlagen waren sie allerdings nicht zu finden.
1933 zogen Betty Blum und ihre Töchter in die Güntzelstraße 49. Dort wohnten sie beengt in einer 2½-Zimmerwohnung im 3. Stock des rechten Seitenflügels. Hilfe erhielten die drei von Hertha Boethelt, die als sogenannte Halbjüdin seit 1937 in Berlin wohnte und ihre jüdischen Verwandten mit Lebensmitteln versorgte. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs starben auch Betty Blums Schwester Clara Samoje (1941) und die Schwägerin Hedwig (1940), Witwe von Julius Blum, in Berlin.
Am 28. März 1942 wurden die Töchter Hildegard und Erika Blum in das Ghetto von Piaski verschleppt, ein Transit-Ghetto in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Sie kehrten nicht zurück. Ein halbes Jahr später, am 14. September 1942, wurde Betty Blum vom Güterbahnhof Moabit aus mit einem der „großen“ Alterstransporte nach Theresienstadt deportiert. Dort kam sie am 14. November 1942 um, gestorben an „Lungenentzündung“, zuzuschreiben sicherlich der Not der letzten Jahre und den elenden Lebensbedingungen im Ghettolager.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Adressbücher von Graudenz;
Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1866, 1884,1886, 1888, 1881,1892, 1911;
Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel 1902–1903, 1. Band;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
https://www.geni.com/people/;
https://jewsineastprussia.de/de/syn...
https://www.jüdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/c-d/2240-deutsch-eylau-westpreussen;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.statistik-des-holocaust... Transportlisten;
Recherchen u. Auskunft Dr. Gerhard Keiper, Auswärtiges Amt, Politisches Archiv und Historischer Dienst, Berlin 24.7.2020.