Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Ernestine Ester Cohn

Foto: J. Held
VERLEGEORT
Niebuhrstr. 72

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
11.12.2006

GEBOREN
29.08.1920 in Berlin
DEPORTATION
am 26.10.1942 nach Riga
ERMORDET
29.10.1942 in Riga

Esther Cohn kam am 29. August 1920 in Berlin als älteste Tochter des 1887 geborenen Diplomkaufmanns Fritz Cohn und seiner sechs Jahre jüngeren Ehefrau Erna geb. Weichmann auf die Welt. Vater und Mutter stammten aus Kattowitz (heute Katowice in Polen), einer Stadt im oberschlesischen Bergbau- und Industrierevier, die abwechselnd zum Deutschen Reich oder zu Polen gehörte. Ihr Vater war ein Sohn des Rabbiners Dr. Jakob Cohn (1843–1916) und seiner Ehefrau Ernestine Cohn, geb. Goldstein (1853–1896), die Mutter kam aus einer Familie von Kaufleuten und Unternehmern. Esther Cohns Großeltern väterlicherseits waren zum Zeitpunkt ihrer Geburt bereits gestorben. Die Großeltern Weichmann und andere Verwandte lebten während ihrer Kindheit und Jugend weiter in Oberschlesien.
Esther Cohns Vater arbeitete als Prokurist bei der Rawack & Grünfeld AG, einer großen Erzhandelsfirma. Im Jahr 1921 kam die Schwester Miriam (Mirjam) auf die Welt, 1926 die Schwester Hannah. Zur Familie gehörte auch der 1910 geborene Franz Josef Altmann, der Sohn einer Schwester von Fritz Cohn, der nach dem frühen Tod seiner Eltern bei Fritz und Erna Cohn aufwuchs. Die Familie wohnte bis Mitte der 1920er-Jahre in der Danckelmannstraße 31 in Charlottenburg, einem repräsentativen Eckhaus am Kaiserdamm gegenüber vom Lietzenseepark. Nach der Geburt der jüngsten Tochter Hannah zog die Familie in die Pestalozzistraße 53a, wiederum in der Nähe des Parks. Die Mutter führte den Haushalt, die „grobe“ Arbeit erledigte das Dienstmädchen. Der Vater engagierte sich in der orthodoxen Synagoge Münchener Straße in Schöneberg und wurde schließlich Vorsteher der Gemeinde. Die ganze Familie hielt die traditionellen Gesetze ein. Eltern und Kinder verreisten in den Ferien und fuhren regelmäßig zu den Verwandten in Oberschlesien.
Zwei Jahre nach Beginn der NS-Diktatur zogen Fritz Cohn und seine Familie in eine Wohnung im 2. Stock der Niebuhrstraße 72, Ecke Wielandstraße. Noch besaß der Vater seinen Arbeitsplatz und sein Einkommen bei der Rawack & Grünfeld AG. Esther und ihre Schwestern besuchten die zionistische Theodor-Herzl-Schule, sie konnten weiter verreisen, musizieren und waren im Sportverein.
Nach dem Novemberpogrom 1938 verlor Esthers Vater seinen Arbeitsplatz, und die Familie wurde auseinandergerissen: Im Mai 1939 schickten die Eltern ihre Schwester Hannah mit einem Kindertransport nach Großbritannien. Ende August 1939 ging Miriam in die Niederlande in ein landwirtschaftlichen Ausbildungslager für Palästina (Hachschara) der orthodoxen Agudas Jisrael. In die Niederlande flohen auch der Cousin und Pflegebruder Franz Josef Altmann und die Cousine Annemarie aus Oberschlesien.
Esther Cohn blieb bei den Eltern und begann im Oktober 1939 einen Kursus zur Einführung in die Kinderpflege und -erziehung im „Jüdischen Seminar für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen“ in der Wangenheimstraße 36 im Grunewald. Neben der seit 1934 bestehenden Ausbildung zur Kindergärtnerin wurden hier seit 1938 in halb- und einjährigen Kursen Mädchen und Frauen für die Arbeit in einem Haushalt mit Kindern ausgebildet. Gleich zu Beginn absolvierte sie ein Praktikum im „Israelitischen Volkskindergarten und Kinderhort“ in der Gipsstraße 3 im „Scheunenviertel“: Hier lernte sie das Milieu der armen Ostjuden kennen, das sie nur aus Oberschlesien kannte. Nach der Ausbildung zur Kinderpflegerin besuchte Esther Cohn in der „Wangenheimstraße“ das Kindergärtnerinnen-Seminar, das einzige staatlich anerkannte jüdische Seminar in Deutschland, dessen Abschluss daher auch im Ausland gültig war. Theoretische und praktische Ausbildung wechselten sich ab: Esther Cohn arbeitete im Hort Fehrbellinerstraße des „Verein Jüdisches Kinderheim“. Hier traf sie wieder auf sehr arme Kinder, die ihr so fremd waren wie die Kinder im „Scheunenviertel“. Aber ihr Engagement und ihre Freude an der Arbeit blieben ungebrochen, und sie machte 1941 oder 1942 ein sehr gutes Examen.
Esther Cohn wohnte weiterhin bei ihren Eltern, die sich bis 1941 auf die Emigration vorbereiteten. Sie mussten Untermieter in die Wohnung aufnehmen und bewohnten nur noch das ehemalige Esszimmer und die beiden Kinderzimmer. Dann musste die Familie in die Tile-Wardenberg-Straße 19/Ecke Solinger Straße 7 in Tiergarten umziehen. Die neue Wohngegend blieb fremd, und die Eltern wurden immer einsamer. Esther Cohns Mutter war chronisch krank und trotzdem zur Zwangsarbeit verpflichtet worden.
Am 26. Oktober 1942 wurde Esther Cohn mit fast 800 anderen Erwachsenen und Kindern nach Riga verschleppt und dort gleich nach der Ankunft am 29. Oktober 1942 in den nahen Wäldern ermordet. Dieser „22. Osttransport“ war Teil der „Gemeindeaktion“, da eine große Zahl der Deportierten Angestellte der Jüdischen Gemeinde und ihre Familienangehörigen waren, darunter auch aus dem Heim in der Fehrbelliner Straße.
Esther Cohns Eltern mussten zum 1. Februar 1943 in demselben Eckhaus Solinger Straße 7 ein letztes Mal die Wohnung wechseln. Am 12. März 1943 wurden sie mit dem „36. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Zu den ermordeten Verwandten gehörten auch die Großmutter Sarah Weichmann und ihre Tochter Ruth, die Cousine Annemarie Cohn und der Cousin und Pflegebruder Franz Josef Altmann, der im Juni 1943 in Sobibor umkam. Esther Cohns Schwestern Hannah und Miriam überlebten: Hannah, die in Großbritannien erwachsen geworden war, heiratete Michael Feist, Miriam überlebte in der Illegalität in den Niederlanden und heiratete Justin Seligmann aus Nördlingen. Beide gingen nach Palästina/Israel und gründeten dort Familien.
Nach Berlin „zurückgekehrt“ ist David Gewirtz (Kwirz), ein Urenkel von Fritz und Erna Cohn, Enkel von Miriam Seligmann. Er arbeitet seit vielen Jahren als Rabbiner an der Schule der orthodoxen Bewegung von Chabad Lubawitsch.


Ernestine Ester Cohn wird im Text nur „Esther“ genannt – so nannten sie die Verwandten und so unterschrieb sie die Briefe und Karten, die sie an ihre Schwester Miriam (Mirjam) in die Niederlande gesandt hat.

Über das alltägliche Leben von Fritz Cohn und seiner Familie geben Hunderte von Briefen und Karten Auskunft, die er und seine Ehefrau, aber auch die Geschwister an Miriam Cohn in den Niederlanden geschrieben haben. Sie hielt die Briefe lange Zeit versteckt. Ihre Tochter Ronit Breslauer bat die Mutter um die Übersetzung der Briefe und gab sie mit vielen Fotografien an das Ghetto Fighters House im Kibbbuz Beit Lochamei HaGeta’ot. Digitalisiert sind sie nun im Internet zu lesen und zu betrachten.
Miriam Seligmann-Cohn Collection im Archiv des Ghetto Fighters House, offiziell Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center im Kibbuz Beit Lochamei HaGeta’ot, https://www.infocenters.co.il/gfh/n...
Fotografien hat Ronit Breslauer auch an das Beth Hatefutsoth Photo Archive, gegeben.

Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Adressbuch für Kattowitz und Umgebung 1894, 1907, 1910;
Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1886, 1887, 1891, 1895, 1910, 1915;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
https://www.geni.com/people/;
https://www.jüdische-gemeinden.de;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.statistik-des-holocaust... Transportlisten;
Zu Dr.Jakob Cohn im Biographischen Portal der Rabbiner: http://steinheim-institut.de:50580/...
Zu David Kwirz (Gewirtz), Enkel von Miriam, Jüdische Allgemeine 4.9.2008 von Detlef Kauschke.