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Margarete Gross (geb. Brach)

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Wielandstr. 30

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
03.04.2009

GEBOREN
27.10.1866 in Berlin
DEPORTATION
am 09.09.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
04.03.1943 in Theresienstadt

Margarete Gross wurde als Margarete Brach am 27. Oktober 1866 in Berlin geboren. Ihr Vater war der Wollwaren-Fabrikant Meyer Max Brach, wohnhaft in der Spandauer Straße 7 in Berlin Mitte. Er hatte 1865 Margaretes Mutter, Bertha Naumann, geheiratet, nachdem seine erste Frau drei Jahre zuvor gestorben war. Margarete hatte eine drei Jahre jüngere Schwester, Regina, und eine Halbschwester aus Meyer Brachs erster Ehe. Über Margaretes Kindheit und Jugend wissen wir wenig. Ihre Mutter, schon viele Jahre verwitwet, starb ein Jahr bevor Margarete am 21. September 1893 den Kaufmann Paul Gross aus Neiße heiratete. Das Paar zog in die Klopstockstraße 40 und bald darauf in die Elsasser Straße 51. Dort brachte Margarete am 30. Juli 1895 – sie war 28 Jahre alt – ihren Sohn Josef zur Welt.

Bereits ein Jahr später, so kann man dem Adressbuch entnehmen, war Margarete verwitwet und wohnte noch in der Elsasser Straße (heute Torstraße, in Mitte). Der kleine Josef dürfte also seinen Vater nicht mehr gekannt haben. Dieser hinterließ eine Witwe mit einem Kind, er hinterließ sie aber nicht mittellos, denn im Jahr darauf wird Margarete Gross geb. Brach als „Rentiere“ bezeichnet, also als von ihrem Vermögen lebend, und war mittlerweile nach Charlottenburg gezogen, in die Kantstraße 147. In Charlottenburg verbrachte Josef Groß dann seine ganze Kindheit. Als er 13 war, zog die Mutter in die Schlüterstraße. 1916 wechselte sie wieder die Wohnung, nun in die Mommsenstraße 10. Dort blieb sie, bis sie 1932 um die Ecke in die Wielandstraße 30 zog.

Auch über Josef Gross ist wenig bekannt: nicht welche Ausbildung er machte, nicht, ob er heiratete, nicht wo er arbeitete. Auch nicht, ob er immer mit seiner Mutter zusammen wohnte. Belegbar ist nur, dass er im Mai 1939 zur Zeit der Volkszählung, in deren Verlauf Juden gesondert erfasst wurden, mit seiner Mutter Margarete Gross in der Wielandstraße 30 lebte. Inzwischen hatten allerdings zahllose antisemitische Bestimmungen Juden das Leben sehr schwer gemacht. Etwa 1940 wurde Josef Gross auch noch zur Zwangsarbeit verpflichtet, zuletzt bei der Firma H. Becker & Co, Militär- und Feuerwehrausrüstung GmbH.

Im September 1942 musste Josef erleben, wie seine fast 76-jährige Mutter abgeholt wurde, im Sammellager Große Hamburger Straße 26 interniert und kurz darauf, am 9. September 1942, nach Theresienstadt deportiert wurde. In diesem angeblichen „Altersghetto“ waren die Lebensbedingungen nur geringfügig weniger inhuman als in anderen Konzentrationslagern. Hoffnungslose Überfüllung, unzureichende Ernährung, entsetzliche hygienische Zustände, Kälte – all das führte zu Krankheiten und Seuchen, an denen rund ein Viertel aller Insassen sterben musste. Margarete Gross wurde in das Gebäude O 808, Zimmer 21 eingewiesen. Vielleicht konnte sie in dem unübersichtlichen Lager doch noch ihre Schwester Regina verheiratete Pincus finden, die rund zwei Monate vorher mit ihrer Tochter Bertha Pincus ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden waren. Margarete überlebte zwar noch den Winter, erlag aber den katastrophalen Lebensumständen am 4. März 1943. Offizielle Todesursache war „Darmkatarrh“, was, insofern es nicht sowieso eine verharmlosende Bezeichnung sein sollte, sicherlich eine bei den Ghettobedingungen kaum zu vermeidende, meist tödlich verlaufende Krankheit gewesen sein dürfte.

Margaretes Sohn Josef wird davon wenig oder nichts erfahren haben. Nach der Deportation seiner Mutter wurde er genötigt, die Wohnung in der Wielandstraße 30 aufzugeben und ein möbliertes Zimmer in der Lietzenburger Straße 8 zu beziehen. Die 3 ½ Zimmer-Wohnung teilte er sich mit Arnold und Else Wollmann und Siegbert Geisenberg. Am 27. Februar 1943 wurde Josef Gross bei seiner Firma H. Becker & Co während de Arbeit festgenommen im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion, bei der auf einen Schlag alle noch verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter am Arbeitsplatz verhaftet werden sollten. Josef wurde in die als Sammellager umfunktionierte Synagoge Levetzowstraße 7/8 gebracht und am 3. März 1943 – ein Tag vor dem Tod seiner Mutter in Theresienstadt, von dem er sicher nicht mehr erfahren hat – mit weiteren 1725 Opfern in einem plombierten Zug nach Auschwitz deportiert. Etwa ein Drittel von ihnen wurde nach Ankunft in das Arbeitslager eingewiesen, die Anderen sofort in den Gaskammern ermordet. Selbst wenn Josef Gross zunächst für „arbeitsfähig“ befunden worden sein sollte, überlebt hat er das Konzentrationslager nicht. Das Datum seines Todes ist unbekannt.

1500 RM, die Josef noch besessen hatte – aufgrund antisemitischer Verordnungen hatte er nicht mehr darüber verfügen können – wurden von der Oberfinanzdirektion beschlagnahmt, sowie 21.60 Mark Restlohn, die die Firma Becker überwies. Als im Mai auch noch Josef Gross’ letzte Habseligkeiten abgeholt werden sollten, notierte der Gerichtsvollzieher: „Erfolglose Räumung. Sachen des Gross in Wohnung Wollmann nicht mehr vorhanden. Wohnung wird bereits renoviert.“

Josef Gross’ Mitbewohner in der Lietzenburger Straße 8 wurden auch alle auf der Arbeit verhaftet. Arnold Wollmann, geboren 1877, und Siegbert Jouselberg-Geisenberg, Jahrgang 1898, wurden am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, Elsa Wollmann, 1882 in Oderberg als Elsa Hamburger geboren, war am 3. März in dem gleichen Zug nach Auschwitz, in dem auch Josef Gross verschleppt wurde. Keiner von ihnen kehrte zurück.

Auch Josefs Tante Regina Pincus geb. Brach und deren Tochter Bertha Pincus überlebten nicht. Regina Pincus starb in Theresienstadt offiziell an einer Lungenentzündung am 6. Januar 1943, Bertha wurde noch am 9. Oktober 1944 nach Auschwitz weiterdeportiert und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Micaela Haas

Weitere Quellen

http://www.holocaust.cz/de/datenban...

Angaben von Uri Shani und Prof. François Cellier