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Martha Gross (geb. Silbermann)

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Güntzelstr. 49

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
20.03.2007

GEBOREN
30.08.1884 in Nikolaiken / Mikołajki
FLUCHT IN DEN TOD
24.01.1942 in Berlin

Martha Silbermann kam 30. August 1884 in Nikolaiken im südlichen Ostpreußen (heute Mikołajki in Polen) als Tochter des 1848 geborenen Berreck (Berech) Silbermann und seiner Ehefrau Lina Bielinski auf die Welt. Der Fischerort inmitten der masurischen Seenlandschaft, der zu einem beliebten Ferienort werden sollte, besaß zu jener Zeit eine relativ große jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge und einem um 1881 (wahrscheinlich schon früher) angelegten Friedhof. Der Vater von Martha Silbermann starb am 5. Februar 1890 in Nikolaiken und liegt auf diesem Friedhof begraben. Der Grabstein existiert noch und war die einzige sichtbare Spur, die sich von ihren Eltern finden ließ. Die Witwe blieb mit vier kleinen Kindern zurück, neben Martha mit dem 1882 geborenen Walter und den Töchtern Anna (*1886) und Amalie Gertrud (*1887).
Martha Silbermann heiratete um 1907 den 1874 geborenen Kaufmann und Schneidermeister Sally Gross (Groß) aus dem westpreußischen Schlochau (heute Człuchów in Polen). Er war das älteste von fünf Kindern des Kaufmanns Louis Gross und seiner Ehefrau Rosa (Rochle) geb. Weile. Die Eltern verbrachten ihr ganzes Leben in Schlochau, während die Kinder nach Berlin gingen.
1907 wurde ihr Ehemann Mitbesitzer der seit 1870 bestehenden Herrenmoden-Firma J. Horwitz & Co., einer der exklusivsten Berliner Maßschneidereien. Nun taucht er auch im Berliner Adressbuch auf: Von 1907 bis 1917 wohnte Sally Gross als „Haushaltsvorstand“ in der Alten Jakobstraße 48. Martha Gross blieb als Teil des Haushalts ihr ganzes Eheleben ohne eigenen Eintrag. Die Wohnung lag an der Ecke Stallschreiberstraße, die Nachbarn im Haus waren um 1912 Kaufleute, Gastwirte, ein Konzertmeister, eine Friseurin, ein Feuerwehrmann.
Martha und Sally Gross blieben ohne Kinder. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges zogen sie in den Berliner Westen und wohnten für kurze Zeit in der Augsburger Straße 27, nicht weit vom KaDeWe. Wohlhabend geworden, zogen sie weiter In den Villenbezirk Dahlem: Von 1922 bis 1930 lebte Martha Gross mit ihrem Ehemann in einer gerade gebauten Villa in der Hittorfstraße 10. Dort wird sie sicherlich Dienstboten gehabt und einen repräsentativen Haushalt geführt haben. Die Nachbarn waren nun der Architekt Hans Jessen, Ärzte und Universitätsprofessoren.

Die Geschwister von Martha Gross lebten bereits während des Ersten Weltkriegs gemeinsam im hessischen Kassel. Bruder Walter Silbermann war Mitinhaber eines großen Modehauses. Die Schwester Anna heiratete 1919 den Kaufmann Gustav Stamm, der Vater eines Sohnes aus erster Ehe war, und wohnte dann in Gladenbach/Hessen, der Heimatstadt ihres Ehemanns. 1920 bekamen die beiden die Tochter Liesel, 1922 den Sohn Werner. Die Geschwister Walter und Gertrud Silbermann blieben in Kassel. Während der NS-Diktatur zogen sie alle nach Frankfurt/Main. 1938 emigrierte Walter Silbermann in die USA, 1939 folgte seine Schwester Anna Stamm mit ihrer Familie. Gertrud Silbermann blieb in Frankfurt und wurde am 15. September 1942 nach Theresienstadt und von dort 1943 weiter nach Auschwitz verschleppt, wo sie ermordet wurde.

In den 1930er-Jahren zog sich Sally Gross aus dem „sichtbaren“ Mitbesitz der Firma Horwitz zurück. Nach der Erinnerung seines Neffen blieb er aber bis zum Herbst 1938 Miteigentümer, war sogar für ein paar Monate Alleineigentümer. Martha Gross und ihr Ehemann waren Anfang der 1930er-Jahre in eine Wohnung in der 2. Etage der Güntzelstraße 49 gezogen. Das Ehepaar lebte noch immer in materiell sicheren Verhältnissen. Dies änderte sich nach dem Herbst 1938. Im März 1939 mussten die beiden Gold, Silber und Schmuck bei der Städtischen Pfandleihanstalt in der Jägerstraße abliefern, ein Guthaben bei der Deutschen Bank wurde eingezogen. Martha und Sally Gross versuchten in die USA zu emigrieren. Martha Gross’ Bruder Walter Silbermann hatte für sie gebürgt und Geld hinterlegt – aber der Versuch misslang. (Ein Koffer von Anna Stamm/Silbermann mit den Briefen von 1939 bis 1941 an ihre Verwandten in Deutschland befindet sich im United States Holocaust Memorial Museum.)
Mitte Oktober 1941 hatten die Deportationen aus Berlin in die Ghettos und Lager des Ostens begonnen. Schwager und Schwägerinnen wurden nach Riga deportiert: Schwager Alex Gross und seine Ehefrau Rosa am 13. Januar 1942, die verwitweten und kinderlosen Schwägerinnen Bertha London und Ernestine Jellinek aus ihrer Wohnung in der Schönhauser Allee 174 am 19. Januar 1942. (Dort sind für die drei Frauen 2012 Stolpersteine verlegt worden.) Niemand kehrte zurück. – Im November desselben Jahres wurde dann als letzter der Schwager Leopold Gross aus Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Überlebt hat allein Heinz (Yehuda) Gross, der 1909 geborene Neffe von Martha Gross (Sohn von Alex und Dora Gross), der 1935 nach Palästina emigriert war.
Martha und Sally Gross setzten am 22. Januar 1942 ein gemeinschaftliches Testament auf, in dem sie die jüdische Kultusvereinigung als Erben einsetzten. Dann beendeten sie ihr Leben: Martha Gross starb am 24. Januar 1942, Sally Gross einen Tag später am 25. Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus. Ihr Grab ist in Weißensee.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Recherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Adressbücher Frankfurt/Main;
Indra Hemmerling: Biografische Zusammenstellung zu den Stolpersteinen von Bertha London (geb. Gross), Rosa Dora Gross, Ernestine Jellinek (geb. Gross) (http://stolpersteine-berlin.de/de/b... 4829–4831);
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Helmut Thiele: Die jüdischen Einwohner zu Kassel 1700-1942, Familiendaten und Adressen, als Manuskript vervilfältigt, Kassel 2006 (https://orka.bibliothek.uni-kassel....);
http://www.kirkuty.xlp.pl.August/20... Friedhof Nikolaiken;
https://collections.ushmm.org/searc... (Stamm family papers);
https://www.geni.com/people/;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
https://sztetl.org.pl/pl/miejscowos...
Einzahlungskarten des Jewish Transmigration Bureau (Büro jüdischer Auswanderung), 1939–1954 (JDC);