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Hedwig Heimann (geb. Schachmann)

Foto: KHMM
VERLEGEORT
Güntzelstr. 49

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
März 2007

GEBOREN
05.10.1872 in Posen / Poznań
DEPORTATION
am 26.08.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
12.09.1942 im Ghetto Theresienstadt

Hedwig Heimann stammte, wie so viele Berliner Jüdinnen und Juden, aus Posen (heute Poznań in Polen). Dort kam sie am 5. Oktober 1872 als Tochter des Wirts und Spirituosenherstellers Jakob Schachmann (1845–1902) und seiner Ehefrau Auguste geb. Präger (1849–1910) auf die Welt. Hedwig Schachmann hatte fünf Geschwister: die Brüder Julius (*1871) und Heinrich (*1877), die Schwestern Sophie (*1874) und Ida (*1882) und den 1890 mit zwei Jahren gestorbenen Bruder Alex. Die Familie wohnte und arbeitete seit 1877 in der Wallischei, einem Arbeiterviertel auf der östlichen Seite der Warthe.
Am 15. August 1893 heiratete Hedwig Schachmann den Kaufmann Julius Heimann (auch Heymann geschrieben) aus Stettin (heute Szczecin in Polen). Kaufleute mit dem Namen Heimann lebten in Stettin, in Altdamm bei Stettin und auch in Berlin. Der Vorname Julius taucht immer wieder auf – auch in derselben Generation. Ob ihr Ehemann ein eigenes Geschäft besaß, bleibt daher unklar. Hedwig Heimann wurde in den ersten Jahren nach der Hochzeit Mutter: In Stettin wurden am 22. Juni 1894 die Tochter Marianne Margaret(h)e und am 13. Oktober 1895 die Tochter Ilse geboren. In diesen Jahren lebte die Familie in der Bugenhagenstraße 1.
Kurz nach der Geburt des zweiten Kindes muss die Familie nach Berlin gezogen sein. Für die Geburt ihres dritten Kindes aber fuhr Hedwig Heimann in ihr Elternhaus: Am 11. September 1898 kam in Posen der Sohn Fritz auf die Welt.
Hedwig Heimanns Posener Elternhaus sollte nicht mehr lange bestehen: 1901 heiratete ihre Schwester Sophie den Gerbereibesitzer Gustav Michaelis in Deutsch-Krone (heute Wałcz/Polen). 1902 starb ihr Vater, und ihre Brüder Julius und Heinrich gingen nach Berlin und kauften dort eine Spirituosen- und Likörfabrik. Julius Schachmann starb bereits 1905. (Seine Tochter, Hedwig Heimanns Nichte, Alice Pauline Schachmann (1905–1957 Los Angeles) lebte in einem ganz anderen Milieu als die übrigen Frauen der Familie: Sie war in erster Ehe mit dem bekannten Strafverteidiger Dr. Alfred Apfel (1882–1941) verheiratet, und nach Trennung, Emigration und Scheidung in zweiter Ehe in den USA mit Franz Waxman (Wachsmann), einem der erfolgreichsten Filmkomponisten Hollywoods.) 1906 zogen auch Hedwig Heimanns Mutter Auguste Schachmann und ihre Schwester Ida nach Berlin. 1910 starb die Mutter in (Berlin)-Charlottenburg, begraben wurde sie in ihrer Heimatstadt Posen.
In Berlin lebte Hedwig Heimann mit ihrem Ehemann und anfangs auch mit ihren Kindern vom Beginn des Jahrhunderts bis 1931 in der Waldemarstraße 29. Das Haus zwischen Adalbertstraße und Elisabethufer (heute Leuschnerdamm) steht noch immer. Die Mitbewohner und Nachbarn waren Handwerker und Facharbeiter, in den Häusern arbeiteten die für Kreuzberg typischen kleinen „Etagenfabriken“. Es war kein Leben in Wohlstand. Hedwig Heimanns Ehemann Julius wird als Kaufmann und Prokurist im Berliner Adressbuch notiert, als Besitzer einer eigenen Firma wird er nicht genannt. Es könnte sein, dass er bei/mit einem seiner zahlreichen Verwandten gearbeitet und dort auch die Vertrauensstelle eines Prokuristen erhalten hat.
Im November 1919 heiratete Hedwig Heimanns Sohn Fritz, Kaufmann wie seine Onkel, die evangelische Christin Hertha Wehner (1899–1974), die zum Judentum konvertierte. Am 19. März 1920 wurde Hedwig Heimanns ältere Tochter Margarete während des Kapp-Putsches erschossen. Im Berliner Tageblatt vom 25.3.1920 beklagten Eltern und Geschwister ihren Tod:

„Am Freitag, den 19. März 1920, wurde uns am Alexanderplatz durch die Kugel einer mordenden Soldateska unsere innigstgeliebte Tochter, Schwester und Nichte
Margarete Heimann
im blühenden Alter von 25 Jahren jäh aus dem Leben gerissen.
Wer sie gekannt, begreift, dass unser aller Sonnenschein geraubt wurde.
Dies zeigen in tiefster Trauer an
Julius Heimann und Frau Hedwig geb. Schachmann
Ilse und Fritz Heimann als Geschwister.
Berlin SO., den 24. März 1920.
Waldemarstrasse 29II
Die Beerdigung findet am Donnerstag, d. 25. März, mittags 12 Uhr, von der alten Halle des jüdischen Friedhofes in Weissensee statt.“

Vom Alltag einer Hausfrau und Mutter erwachsener Kinder gibt es nur wenige Spuren: Tochter Ilse blieb unverheiratet bei den Eltern. Hedwig Heimann wurde Großmutter: Fritz und Hertha Heimann bekamen zwei Söhne, Karl-Heinz (1920) und Theodor Norbert (1924). 1929 ließ sich das Ehepaar scheiden, lebte aber weiter in Berlin. Im März 1931 starb Hedwig Heimanns Ehemann Julius. Die Witwe Hedwig Heimann und ihre ledige Tochter Ilse zogen um. Ende der 1930er Jahre lebten Mutter und Tochter in der Güntzelstraße 49 als Untermieterinnen bei dem Ehepaar Leopold und Gertrud Cohn. (Das Ehepaar zog im August 1941 in die Darmstädter Straße und wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide umkamen.)
Die letzte Anschrift von Hedwig und Ilse Heimann war die Innsbrucker Straße 54 am Bayerischen Platz. Hier wohnten sie wiederum zur Untermiete in der Wohnung der seit 1940 verwitweten Cathi Holländer.
Am 26. August 1942 wurden Hedwig Heimann und ihre Tochter Ilse in das Ghettolager Theresienstadt deportiert. Es war einer der „kleinen“ Alterstransporte mit 100 Personen, die als Teil eines normalen Personenzugs vom Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg abfuhren. Nur elf Deportierte wurden als „arbeitsfähig“ in die Transportliste eingetragen. Ilse Heimann begleitete als „Ordnerin“ die alten Leute.
Hedwig Heimann starb bereits am 12. September 1942 in einem der „Siechenhäuser“ des Lagers an den Folgen der katastrophalen Lebensumstände. Ihre Tochter Ilse wurde am 16. Mai 1944 von Theresienstadt aus nach Auschwitz transportiert und dort ermordet.

Die letzte Vermieterin Cathi Holländer wurde am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert und gleich nach der Ankunft ermordet. Hedwig Heimanns Sohn Fritz Heimann arbeitete laut letztem Eintrag im Berliner Adressbuch von 1941 als Tiefbauarbeiter – dies wird wohl Zwangsarbeit gewesen sein. Am 3. April 1945 ist er laut Angabe der Volkszählung von 1939 gestorben. In den Datenbanken und Gedenkbüchern fehlt sein Name. – Es überlebten allein die nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten „arische“ Schwiegertochter Hertha Heimann und die beiden Enkel, der eine lebte in den USA, der andere in Berlin.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Recherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Berliner Telefonbücher;
Adressbücher für die Stadt Posen;
Adressbücher für Stettin und Altdamm;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
https://www.mappingthelives.org/;
Population Registry of Poznan 1870-1931 – e-kartoteka (Schachmann);
https://www.holocaust.cz/de/datenba...
https://www.statistik-des-holocaust... Transportlisten;
https://www.geni.com/people/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
Berliner Tageblatt vom 24.3.1920 und vom 25.3.1920 (Artikel zum Straßenkampf am 19.3.1920 und Todesanzeige Margarete Heimann).