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Dr. Helene Herrmann (geb. Schlesinger)

Fotografie von Helene Herrmann. Fotorechte: Privat.
Stolperstein für Helene Herrmann. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Augsburger Str. 42

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
17.11.2008

GEBOREN
09.04.1877 in Berlin
BERUF
Literaturwissenschaftlerin, Lehrerin
DEPORTATION
am 10.09.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
1944 in Auschwitz

Helene Schlesinger begann 1898 als Gasthörerin, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu studieren – zehn Jahre bevor sich Frauen an preußischen Universitäten regulär immatrikulieren durften. Im gleichen Jahr heiratete sie den Theaterwissenschaftler Max Herrmann. 1904 schloss sie das Studium mit einer Dissertation über Goethe ab – als vierte Frau am Berliner Germanischen Seminar. Ihre Aufsätze vor allem zur neueren Literatur sind schon zu Lebzeiten gewürdigt worden und auch heute durch zwei Schriftenbände zugänglich. Eine akademische Karriere war als Frau und Jüdin in dieser Zeit kaum möglich, sodass Helene Herrmann zwar wissenschaftlich arbeitete, ihren Lebensunterhalt jedoch nach dem Examen für das höhere Lehramt 1915 als Lehrerin für Deutsch, Latein und Französisch verdiente. Viele Schülerinnen und Schüler erinnerten sich an sie als beeindruckende und fesselnde Lehrerin. Helene und Max Herrmann nahmen rege am akademisch-öffentlichen Leben Berlins teil, pflegten zahlreiche Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen aus der Germanistik, Theaterschaffenden und Lehrkräften ebenso wie zu Studierenden (u. a. Meta Corssen, Lotte Labus, Bruno Th. Satori-Neumann, Franz Mirauer) und zu den Lyrikerinnen Nelly Sachs und Vera Lachmann.

Nachdem Max Herrmann im September 1933 mit gekürztem Ruhegehalt im Zuge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zwangspensioniert wurde, mussten die Eheleute die große Wohnung in der Augsburger Str. 34 (heutige Hausnr. 42) in Berlin-Charlottenburg, in der sie drei Jahrzehnte gelebt hatten, aufgeben. Im gleichen Jahr begann Helene Herrmann zusammen mit Vera Lachmann, Kinder jüdischer Herkunft zu unterrichten, bis auch diese Privatschule 1938 geschlossen wurde. Bis März 1941 war Helene Herrmann bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland beschäftigt.

Nach einigen Jahren in einer kleineren Mietwohnung im Zinnowweg in Berlin-Zehlendorf zog das Ehepaar 1939 zu Helene Herrmanns Schwester Katharina Finder in die Eislebener Str. 9 nach Berlin-Charlottenburg. Die Familie und der Freundes- wie Kollegenkreis bemühten sich, dem Ehepaar Herrmann und Käthe Finder die Ausreise in die USA, die Schweiz oder nach Großbritannien zu ermöglichen. Diese wollten Deutschland offenbar nur gemeinsam verlassen, was 1939 kaum mehr möglich war. Nachdem sie Anfang September 1942 den Bescheid zur Deportation erhalten hatten, raubte der NS-Staat ihnen ihre letzten Besitztümer: Die Unterlagen der Oberfinanzdirektion Berlin enthalten die „Vermögenserklärungen“ von Käthe Finder, Helene und Max Herrmann, die über Familienangehörige, Wohnung, finanzielle Guthaben usw. Auskunft geben mussten. Am 8. September 1942 brachte man Käthe Finder, Helene und Max Herrmann in das sogenannte Auffanglager Berlin-Mitte, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass ihr Vermögen eingezogen worden sei. Zwei Tage später wurden Käthe Finder, Helene und Max Herrmann mit dem „61. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb Max Herrmann, soweit bekannt, in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1942. Helene Herrmann und Käthe Finder wurden am 16. Mai 1944 von Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Helene Herrmann: Einfühlung und Verstehen. Schriften über Dichtung, Leipzig 1988; dies.: Feinheit der Sprache. Aufsätze zur Literatur aus den Jahren 1903-1937, Flensburg 1999.

Biografische Zusammenstellung

Levke Harders