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Ernst Benjamin Heymann

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Schillerstr. 14

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
19.04.2010

GEBOREN
30.12.1873 in Berlin
DEPORTATION
am 29.10.1941 nach Łódź / Litzmannstadt
ERMORDET
in Łódź / Litzmannstadt

Ernst Benjamin Heymann wurde am 30. Dezember 1873 in Berlin geboren als Sohn von Gideon Heymann und dessen aus Wien stammenden Ehefrau Anna geb. Loew. Zu diesem Zeitpunkt lebte noch Ernsts Großvater, A.H. Heymann, Begründer des Bankhauses A.H. Heymann mit Sitz Unter den Linden 23. Die Familie lebte einige Häuser weiter, ebenfalls Unter den Linden. Nach seinem Tode waren eine zeitlang seine Witwe Josefine, Ernsts Großmutter, und sein Vater Gideon Inhaber der Bank, ab 1896 wurde sie von Gideon allein geführt. Geschäftssitz und Wohnadresse war jetzt Unter den Linden 59, so dass man annehmen kann, dass Ernst seine Kindheit und Jugend in der Berliner Prachtstraße verbrachte. Vor der Umnummerierung 1937 in gerade und ungerade Hausnummern lag die Nummer 23 auf der Südseite kurz vor der Ecke Friedrichstraße, die 59 auf der Nordseite, Ecke Neustädtische Kirchstraße. Im Alter von 28 Jahren wurde Ernst als Gesellschafter in das Familienunternehmen aufgenommen, ab 1918 ist er als alleiniger Inhaber eingetragen.

Ernst Heymann hatte inzwischen Anni Schubert geheiratet, 1911 war der Sohn Adolf geboren worden. Das Paar wohnte in der Paulsborner Straße 8. Die Ehe verlief aber offensichtlich nicht harmonisch, 1926 trennten sich Ernst und Anni. Ernst zog zu seiner Mutter und seiner Cousine Margarete Loew in die Bismarckstraße 105, der 15-jährige Adolf blieb bei Anni. 1932 wurde die Ehe geschieden, vier Jahre vorher setzte Ernst ein Testament auf, in dem er Anni enterbte, Adolf sollte 2/3 des Vermögens bekommen, aber erst bei Volljährigkeit darüber verfügen können. Bedacht wurden auch Ernsts Geschwister Felix und Else und eine Reihe von Verwandten mütterlicherseits, unter anderem die Cousinen Martha und Margarete Loew, die auch im Heymannschen Bankhaus beschäftigt waren.

1932, vermutlich nach dem Tod von Anna Heymann, zogen Ernst Heymann und seine Cousine Margarete Loew in die Schillerstraße 14/15, Gartenhaus 2. Stock, sie führten einen gemeinsamen Haushalt. Das Bankgeschäft, das Ernst Heymann vorher bereits in der Bismarckstraße betrieben hatte, gab er jetzt in der Schillerstraße an. Vermutlich liefen die Geschäfte nicht mehr so gut, dass er sich eigene Geschäftsräume und Angestellte leisten konnte. Laut einem späteren Zeugen soll das Bankhaus ursprünglich vier Angestellte gehabt und gute Einkünfte gebracht haben. Ab 1933 gingen letztere aber zurück, 1937 ließ Ernst Heymann die Firma löschen, wegen der entsprechenden Kosten beantragte er sogar eine „Mittellosigkeitsbescheinigung“, unterhalten werde er von seinem Bruder Felix. Der genannte Zeuge, ein Freund der Familie, berichtet, es sei dann zu einer „Berufsumstellung“ gekommen, nämlich die „stille Beteiligung in einer Leihbücherei“.

Am 26. Oktober 1941 wurden beide in die zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 eingeliefert. Tags darauf, am 27. Oktober, wurden sie in das Ghetto Lodz deportiert.

Das Ghetto wurde bereits 1940 durch die deutschen Besatzer von der polnischen Industriestadt Lodz – von den Nationalsozialisten Litzmannstadt genannt - abgetrennt und mit Stacheldraht umzäunt. Etwa 160 000 Juden aus Lodz wurden in die äußerst ärmlichen Häuser gepfercht. Im Oktober 1941 wurden weitere 20 000 Juden aus dem „Altreich“ in das völlig überfüllte Ghetto deportiert. Am 27. Oktober ging von Gleis 17 im Grunewald der dritte „Transport“ mit über 1 000 Juden von Berlin ab, unter ihnen Margarete Loew und Ernst Heymann.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren katastrophal. Keine Heizung, keine Toiletten, keine Betten, weitgehend mussten die Menschen auf Strohsäcken oder dem nackten Boden in Massenunterkünften schlafen, die Ernährung war völlig unzureichend. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheiten rafften viele Leute dahin. Für arbeitsfähig Gehaltene mussten Zwangsarbeit in Munitionsfabriken und Uniformschneidereien leisten. Ernst Heymann und Margarete Loew wurden für arbeitsfähig befunden. Ihre letzten Lebenswochen konnten sie nicht mal in der gleichen Unterkunft verbringen: Ernst wurde in der Gnesenstraße 26 „eingesiedelt“, so die Amtssprache, Margarete in der Zimmerstraße 26/2. Unter den dortigen Bedingungen waren die Wintermonate kaum zu überstehen. Ernst Heymann erlag den Verhältnissen am 31. Januar 1942.

Über ein Jahr vor ihrer Deportation, am 21. September 1940, hatte Ernst Heymanns ein Jahr älterer Bruder Felix den Druck der staatlichen Judenverfolgung nicht mehr ausgehalten und zusammen mit seiner Frau Elsa sich das Leben genommen. Die Schwester von Ernst und Felix, Else, hatte mit ihrem Ehemann Ludwig Engel noch rechtzeitig auswandern können. Ernst Heymanns Sohn Adolf wurde dank seiner nicht jüdischen Mutter offenbar nicht verfolgt und überlebte den Zweiten Weltkrieg.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Micaela Haas