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Johanna Hirschberg

Foto: KHMM
VERLEGEORT
Landhausstr. 44

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
17.07.2007

GEBOREN
22.01.1889 in Darkehmen (Ostpreußen) / Osjorsk
DEPORTATION
am 14.11.1941 nach Minsk
ERMORDET
in Minsk

Von Johanna Hirschberg haben sich bis jetzt nur wenige Spuren gefunden, und diese betreffen allein ihre allerletzte Lebenszeit und ihr Sterben. Die üblichen Akten – ihre „Vermögenserklärung“ kurz vor der Deportation oder die „Wiedergutmachungsakten“ fehlen. Zudem ist sie unverheiratet und ohne Kinder geblieben und hat wahrscheinlich bei Verwandten gelebt. So bleibt nur der Blick auf ihren Geburtsort und auf die Menschen, die mit demselben Namen dort gelebt haben und wie sie nach Berlin gezogen sind.
Auf die Welt gekommen ist Johanna Hirschberg am 22. Januar 1889 in Darkehmen in Ostpreußen (von 1938 bis 1945 Angerapp, heute Osjorsk/Russische Föderation). Die kleine „Stadt am See“ südöstlich von Insterburg erhielt erst 1913 einen eigenen Bahnhof. Industrie gab es nur wenig, aber in der Landstadt fanden regelmäßig Vieh- und Pferdemärkte statt, und es wurde mit Getreide sowie Leder und Häuten gehandelt. Mit den Märkten waren Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Juden aus Russland nach Darkehmen gekommen. Sie besaßen zuerst nur eine Betstube und seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine Synagoge.
Einer der Händler in Darkehmen war der 1853 geborene Hermann (ursprünglich „Hirsch“) Hirschberg, dessen Familie mit Leder und Fellen handelte. Er hatte 1881 Lina Rosenberg aus Lötzen in Masuren (heute Giżycko/Polen) geheiratet, und die beiden hatten bis 1890 vier Söhne bekommen: 1882 Siegfried, 1884 Max, 1885 Alfred und 1890 den Sohn Georg. – Da könnte die 1889 geborene Johanna Hirschberg die Tochter oder Nichte, Schwester oder Cousine gewesen sein.
Was wurde aus den vier Söhnen von Hermann und Lina Hirschberg? Der älteste Sohn Siegfried war Kaufmann in Darkehmen, blieb ledig und starb 1941 in Lötzen. Die anderen Söhne zogen nach Berlin und wohnten dort noch unverheiratet zur Untermiete. Alfred und Georg Hirschberg – der eine wohnte in Kreuzberg, der andere in Neukölln – fielen im Ersten Weltkrieg. Der 1884 geborene Max Hirschberg heiratete 1920 die Berlinerin Elly Liebmann. 1922 gründete er eine Firma für Textilvertretungen, 1923 kam der gemeinsame Sohn Werner Georg auf die Welt. Die Familie wohnte in der Jagowstraße 44 in Moabit. Max, Elly und Werner Georg Hirschberg wurden mit dem selben Transport wie Johanna Hirschberg nach Minsk verschleppt. (Für sie wurden am 30. März 2013 Stolpersteine verlegt.)
Johanna Hirschberg wohnte im Mai 1939 bereits in der Landhausstraße 44 – wo sie bis dahin gewohnt hat, ist unklar. Nun war sie Untermieterin in der 4-Zimmer-Wohnung der Familie Beer im Parterre des Hauses. (Der Kaufmann Alfred Beer, seine Ehefrau Julia und die Tochter Ursula wurden im Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.) Die letzte Anschrift von Johanna Hirschberg war die Prinzregentenstraße 23 in Schöneberg. Hier lebte sie als Untermieterin bei dem ehemaligen Bankprokuristen Alfred Zimmt und seiner Familie. (Auch diese Familie, die Eltern und zwei erwachsene Töchter, wurde später in Auschwitz ermordet.)
Johanna Hirschberg wurde am 14. November 1941 mit fast eintausend anderen Juden in das Ghetto von Minsk verschleppt. Nur vier Menschen des Transports überlebten. Johanna Hirschberg kehrte nicht zurück.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1878, 1881, 1882, 1935;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Klaus-Jürgen Liedtke: Die versunkene Welt, Ein ostpreußisches Dorf in den Erzählungen der Leute, Frankfurt/Main 2008;
Klaus-Jürgen Liethke (Berlin), mündliche Informationen und Datensammlung, September 2020;
https://collections.arolsen-archive...
http://www.denkmalprojekt.org/verlu...
https://treemagic.org/rademacher/ww...
http://www.tenhumbergreinhard.de/tr...
https://www.juedische-gemeinden.de;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.statistik-des-holocaust....