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Dr. Hans Hirschfeld

Foto: C. Timper
Das Portrait stammt aus dem Jahr 1933 und ist der Dokumentation der DGHO entnommen. (Bild: aus der Dokumentation der DGHO)
Die im August 1943 in Theresienstadt angefertigte Zeichnung stammt von Max Placek. Bild: Max Placek
VERLEGEORT
Droysenstr. 18

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
17.03.2011

GEBOREN
20.03.1873 in Berlin
DEPORTATION
am 30.10.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
26.08.1944 in Theresienstadt

Hans Hirschfeld war der international bekannteste Hämatologe und Krebsforscher der 1930er Jahre. Er stammte aus einer Berliner Kaufmannsfamilie und wurde am 20. März 1873 in Berlin geboren. Nach dem Besuch des Lessing-Gymnasiums studierte er von 1891-1897 Medizin an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Er war verheiratet mit Rosa Hirschfeld, geb. Todtmann, geboren am 6. Januar 1875 ebenfalls in Berlin. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Ilse und Käte, die rechtzeitig in die USA bzw. England ausgewandert waren und so der Judenverfolgung in Deutschland entkamen..

Hirschfeld machte schon während seines Studiums durch seine Zielstrebigkeit und Gewissenhaftigkeit auf sich aufmerksam. Der Leiter des Pathologischen Instituts Rudolf Virchow persönlich machte Hirschfeld zum Abschluss seiner Promotion in Anerkennung seiner Arbeit ein wertvolles Mikroskop zum Geschenk, von dem er sich auch 40 Jahre später bei der Deportation nach Theresienstadt nicht trennte.

Seine Assistenzzeit verbrachte Hirschfeld am Krankenhaus Moabit. 1910 oblag ihm die Betreuung der Patienten im Krebsinstitut der Charité. 1919 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die perniziöse Anämie und 1922 erfolgte die Ernennung zum Professor. Er erhielt daraufhin eine eigene Abteilung für Hämatologie und Histologie. 1929 war er auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Karriere durch seine Arbeit und seine Veröffentlichungen, die in Europa und Übersee Anerkennung fanden. Sie erschienen vor allem in dem Internationalen Magazin für Blutforschung „Folia Haematologica“. Seit seinem Erscheinen 1904 war er zunächst Redaktionsmitglied und ab 1916 Mitherausgeber und hauptsächlicher Redakteur. Im In- und Ausland gelobt wurde das 1918 erschienene „Lehrbuch der Blutkrankheiten für Ärzte und Studierende“ durch seine verständliche Ausdrucksweise.

Sein zusammen mit Anton Hittmair 1932-34 in Wien herausgegebenes vierbändiges „Handbuch der Allgemeinen Hämatologie“, eine bis dahin nicht erreichte Übersicht über alle Teilgebiete der Hämatologie, fand dennoch nicht die Anerkennung, die es verdient hätte, da es am Vorabend der Katastrophe erschien. Jüdische Publikationen wurden negiert. Bei der Zweitauflage 1957-1969 fand der Name Hirschfeld nicht einmal Erwähnung.

Aufgrund des von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verlor Hirschfeld im Mai 1933 seine Lehrbefugnis und wurde am Betreten des Instituts gehindert. 1936 wurde ihm jede Veröffentlichung untersagt. Er hätte die Möglichkeit gehabt auszureisen. Reisen in den Jahren 1931 bis 1934 in die USA hätten ihm die Flucht ermöglicht. Seine Tochter Ilse, die in Basel promoviert wurde, traf ihren Vater zum letzten Mal 1936/37 in Wien. Auch lag der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler in London eine verhältnismäßig günstige Platzierung im Jewish Hospital in Buenos Aires vor. Ilse berichtete, dass der Vater von Auswanderung nichts wissen wollte, bis es zu spät war und das trotz der verzweifelten Versuche seiner viel realistischeren Frau Rosa. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Naziherrschaft andauern und „die Welt so etwas zulassen“ würde. Er wollte sein Werk, seine „Folia Haematologica“, nicht im Stich lassen.

Genau das wurde ihm zum Verhängnis. 1938 zwang man ihn, die Redaktion des Magazins aufzugeben, was er selbst als die größte Enttäuschung seines Lebens empfand. Herausgeber war jetzt der Nazi Schilling, Leiter der Klinik Moabit seit 1933. Im September 1938 verlor Hirschfeld auch seine Bestallung als Arzt. Er war von nun an als „jüdischer Krankenbehandler zur ausschließlichen Behandlung von Juden berechtigt“. Seine Bittschreiben um Anstellung bei Instituten in London, New York und Oslo wurden abschlägig beschieden. Durch die Aufhebung jüdischer Mietverträge von 1938 mussten Hans und Rosa ihre 7½ Zimmer-Wohnung in Alt-Moabit 110 verlassen, in der sie seit 1911 gewohnt hatten. Ab 1939 wohnte und praktizierte Hirschfeld in der 3½- Zimmer-Wohnung im ersten Stock des Gartenhauses Droysenstr. 18 für 95 RM.

Die Nazis hatten ein perfides System entwickelt, um wohlhabenden Juden ihr Geld abzunehmen. Um vorzutäuschen, dass die Deportierten in Theresienstadt ein Sanatorium oder Altenheim erwartete, mussten sie für den Transport in den Tod auch noch zahlen. Das entsprach zusammen dem Betrag, den sie auf dem Bankkonto hatten und über den sie ohnehin seit 1941 nicht mehr verfügen konnten. Hirschfeld hatte gemäß Vermögenserklärung von 1940 Wertpapiere in Höhe von mehreren zigtausend RM bei der Deutschen Bank. Am 21. Oktober 1942, eine Woche vor der Deportation, musste er einen „Sonderbeitrag für Abwanderung“ sowie Beträge für Altersheim-Verpflegung und Pflegegeld und Transport bezahlen. Das verbliebene Vermögen von über 60.000,00 RM wurde als „Heimeinkauf“ eingezogen. Zudem wurde die Jüdische Kultusvereinigung zum Einziehen und der Weitergabe des Geldes missbraucht. Am 29.Oktober 1942 wurden Hans Hirschfeld und seine Frau Rosa in das Sammellager Große Hamburger Straße 26, ein ehemaliges jüdisches Altenheim, gebracht und am nächsten Tag nach Theresienstadt deportiert.

Hans Hirschfeld dozierte und praktizierte auch im Ghetto. Er starb am 26. August 1944 in Theresienstadt. Rosa überlebte und konnte nach London zu ihrer Tochter Käte Hirschfeld emigrieren. Sie starb 1948. Erst 2012 erschien auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) eine ausführliche Dokumentation über Hans Hirschfeld.


Biografische Zusammenstellung

Monika Herz