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Fajga Neuding (geb. Flockstrumpf)

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Sybelstr. 44

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
08.06.2009

GEBOREN
16.08.1878 in Warszawa (Russisches Reich) / dt. Warschau
DEPORTATION
am 13.01.1942 nach Riga
ERMORDET
in Riga

Fajga Floksztrumpf (Flockstrumpf) wurde am 16. August 1878 in Warschau (damals und heute Warszawa) geboren, das zum Russischen Reich gehörte und heute die Hauptstadt von Polen ist. – Sie und ihr späterer Ehemann gehörten zu denjenigen jüdischen Familien in Deutschland, deren Spuren sich oftmals ganz verloren haben: Sie waren in Polen aufgewachsen und hatten dort lange gelebt. Als Erwachsene nach Deutschland gekommen, besaßen viele noch immer polnische Pässe und enge verwandtschaftliche und geschäftliche Beziehungen nach Polen. Fajga Flockstrumpf hatte die deutsche Staatsangehörigkeit, aber ihr Ehemann besaß einen polnischen Pass.
In Warschau mit seiner großen jüdischen Gemeinde war der Name Floksztrumpf (Flockstrumpf) weit verbreitet. Da auch hier dieselben Vornamen immer wieder vergeben wurden, sind Eltern und Geschwister manchmal nur zu erahnen.
Fajga Floksztrumpf muss noch in Warschau den am 9. April 1872 dort ebenfalls geborenen Kaufmann Stanislaw Neuding geheiratet haben. Das Ehepaar bekam drei Kinder: Am 19. Oktober 1899 wurde die Tochter Irena geboren, am 23. Februar 1902 der Sohn Bodeslaw (Bolek) und am 6. Dezember 1905 die Tochter Wanda Rosa.
Die Eltern und Geschwister von Stanislaw Neuding lebten bereits während des Ersten Weltkrieges als Kaufleute in Dresden und besaßen dort neben anderen Betrieben die Firma Neuding, Baumzweiger & Co. – seine Mutter Dina Neuding war eine geborene Baumzweiger. Nach der Erinnerung der Tochter Irena kamen Fajga und Stanislaw Neuding 1914 direkt nach Berlin. Im Berliner Adressbuch ist ihr Ehemann, der sich in Deutschland Stanislaus nannte, allerdings erst 1919 notiert. Die Familie bzw. das Ehepaar wohnte bis 1939 in einer 5-Zimmer-Wohnung in der Sybelstraße 45, später Nr. 44, einem Doppelhaus Ecke Droysenstraße.
Stanislaw Neuding gründete 1921 in Berlin ein Import- und Exportgeschäft für Seide und für Briefmarken. Das Büro war in Berlin-Mitte in der Friedrichstraße 58/60, zeitweise auch in der Beuthstraße 17. Gleichzeitig war er Mitbesitzer und bis 1926 im Vorstand der 1922 gegründeten Bayrisches Viertel Grundstücks AG. (Im Vorstand waren auch Maksimilian Fllokstrumpf und Michael Bemski aus Warschau – Verwandte von Fajga Neuding.) 1936 wurde die Firma liquidiert.
Fajda Neuding lebte – wie es dem Einkommen der Familie entsprach – bis 1933 materiell ohne Sorgen. Die Kinder wurden erwachsen und gingen fort: Tochter Irena, später verheiratete Lindholdt, lebte nach einer ersten, geschiedenen Ehe bis 1937 bei den Eltern und emigrierte dann nach Kopenhagen. Sohn Bodeslaw (Bolek) besaß eine eigene Firma, heiratete 1932 und bekam mit seiner Ehefrau Käthe 1933 die Tochter Evelyn. Er wanderte nach Argentinien aus. Tochter Wanda Rosa, später verheiratete Wittenberg, ging in die USA.
Am 28. und 29. Oktober 1938 wurde im Deutschen Reich die „Polenaktion“ durchgeführt: Jüdinnen und Juden mit der polnischen Staatsangehörigkeit wurden überraschend in ihren Wohnungen verhaftet, in Sammellager gebracht und dann an die deutsch-polnische Grenze transportiert. Der erste Zug kam noch bis nach Polen, dann verweigerte Polen die Einreise. Ehemann Stanislaw Neuding gehörte zu den Verhafteten und kam in Polen in ein Lager. Nach Berlin entlassen (wohl um sein Eigentum zu verkaufen und seine Emigration zu organisieren), starb er am 18. Juni 1939 in der Wohnung des Ehepaares an einem Herzinfarkt. Das Geschäft des Ehemannes wurde 1940 aufgelöst.
Fajga Neuding war allein und lebte – soweit noch vorhanden – vom Nachlass des Ehemannes. Sie musste die große Wohnung verlassen und zog in die nahe Droysenstraße 13. Dort wohnte sie zur Untermiete bei Sally Philipp und deren Schwägerin Adele Philipp. (Beide wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.) 1941 schrieb Fajga Neuding zwei Postkarten an ihre Tochter Irena in Dänemark, die zweite kam im August 1941 aus der Windscheidstraße 16, ihrer letzten Unterkunft. Sie war Untermieterin bei Thea Wasser, einer ebenfalls alleinstehenden Frau. Ausgewanderte Verwandte hatten versucht, ihr zu helfen, aber es war zu spät. Am 13. Januar 1942 wurde Fjaida Neuding mit über 1000 anderen Menschen nach Riga deportiert. (Auf der Transportliste steht „polnischer Pass“.) Die Fahrt dauerte drei Tage, nach Kriegsende 1945 wurden fünfzehn Überlebende gezählt. Fajda Neuding kehrte nicht zurück.
Ihre drei Kinder hatten sich retten können. Andere, in Polen gebliebene Verwandte waren ermordet worden. Im Versteck in Warschau hatte ihr Neffe, Rolf Neuding aus Dresden, überlebt. Er starb 2001 in Lübeck, 1997 berichtete er in einem Interview über seine Familie. In Südamerika und den USA gab (und gibt) es noch Mitglieder der Familien Flokstrumpf, Neuding und Bemski – weiterhin als Verwandte verbunden.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Adressbuch für Dresden und Vororte;
Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1922, 1927, 1932, 1937;
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetrieb in Berlin 1930-1945;
JDC Einzahlungsliste;
Stiftung Sächsische Gedenkstätten: https://www.stsg.de/cms/dresdner-ju...
USC Shoah Foundation Institute testimony of Rolf Neuding;
https://www.geni.com/people/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
https://www.jmberlin.de/thema-polen...
https://www.myheritage.de/names/bol....