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Lissy Ingeborg Wagner

Stolperstein für Lissy Ingeborg Wagner © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Giesebrechtstr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
22.10.2004

GEBOREN
12.12.1925 in Berlin
ZWANGSARBEIT
bei
Firma Horst Weinreich in Kreuzberg
DEPORTATION
am 10.09.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Lissy Ingeborg Wagner kam am 12. Dezember 1925 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Waldemar Wagner (1880–1943) und seiner Ehefrau Lotte geb. Schlawanski (1895–1943) auf die Welt. Ihr Vater stammte aus Frankenstein in Schlesien (heute Ząbkowice Śląskie in Polen). Seine Familie handelte seit mehreren Generationen mit Getreide. Er hatte vier Brüder und eine Schwester, die später teils in Schlesien, teils in Berlin lebten. Lissy Wagners Mutter stammte aus Friedland in Mecklenburg und war ebenfalls das Kind einer Kaufmannsfamilie, die gutsituiert war, aber wohl nicht so wohlhabend wie die Familie des Vaters.
Ihr Vater war gemeinsam mit seinen Brüdern Heinrich (1871–1935) und Moritz (1874–vor 1945 ermordet) Eigentümer der großen Getreidefirma mit dem Hauptsitz in Breslau. Die Eltern hatten 1922 geheiratet. Die Familie wohnte anfangs in der Uhlandstraße 146, dort wurde am 22. September 1923 auch ihr Bruder Klaus Peter geboren.
1927 zog die Familie in die Giesebrechtstraße 15. Dort lebte Lissy Wagner bis zum Frühjahr 1943, die letzten zehn Jahre ihres Lebens waren geprägt von der NS-Diktatur. Sie wohnte mit Eltern und Bruder in einer 8-Zimmer-Wohnung, sicherlich mit einem eigenen Zimmer. Die Familie besaß viele Bekannte und Freunde. Nicht weit entfernt lebten die „Berliner“ Verwandten: So in der Giesebrechtstraße 18 Lissy Wagners Onkel Löbel Wagner (1870–1934) mit seiner Ehefrau Zerel Lucie Wagner (1883–1943). – Mit wem das Kind Lissy gespielt hat, wer die Mitschülerinnen waren, können die Adressbücher leider nicht berichten.
Von 1932 bis 1936 besuchte Lissy Wagner die 20. Volksschule in der Bleibtreustraße, heute Joan-Miró-Grundschule. Danach wechselte sie zur jüdischen Privatschule von Toni Lessler am Roseneck und von dort zur Privatschule von Dr. Leonore Goldschmidt, ebenfalls am Roseneck. Zuletzt besuchte sie die Oberschule der Jüdischen Gemeinde in der Wilsnackerstraße. Staatliche Schulen durfte sie als Jüdin nicht mehr besuchen, und 1942 endete der Schulbesuch ganz. Stattdessen musste sie wie ihr Vater Zwangsarbeit bei der Firma Horst Weinreich in Kreuzberg leisten.
Bis zum Pogrom vom November 1938 dachten die Eltern nicht an Emigration. Dann zog die Großmutter Agnes Schlawanski aus Friedland zur Familie Wagner und die Familie versuchte gemeinsam zu emigrieren. Bruder Klaus Peter, der das Schiller-Realgymnasium besucht hatte, wurde 1939 mit einem Kindertransport nach Großbritannien geschickt. Bis 1941 konnte die Familie in der 8-Zimmer-Wohnung bleiben, dann musste sie innerhalb des Hauses in kleinere Wohnungen umziehen. Alle Emigrationsversuche scheiterten. Am 2. September 1942 wurde Lissy Wagners Großmutter Agnes Schlawanski deportiert. Die Familie bezog im Oktober ihre letzte Wohnung in der Giesebrechtstraße.
Ende Februar 1943 tauchte Lissy mit ihren Eltern unter. Die Nachbarin Frau von Willesen, die ihnen schon länger geholfen hatte, vermittelte ein Versteck: Die Familie konnte bei Irene Kleber, der ehemaligen Gesellschafterin von Mutter und Tochter von Willesen, in der Goethestraße 14a für 90 RM monatlich ein Zimmer mieten. Dort (über)lebte Lissy mit den Eltern noch ein halbes Jahr. Es gab wenig Platz, und ab und zu gingen sie ohne „Stern“ nach draußen.
Am 23. August 1943 wurden Lissy Wagner und ihre Eltern verhaftet. Über den „Verrat“ lässt sich nur spekulieren. Die Familie blieb fast drei Wochen im Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Am 10. September 1943 wurden Lissy, Lotte und Waldemar Wagner nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. – Der Vermieterin Irene Kleber passierte nichts.
Über diese Zeit gibt es nur einen Bericht, basierend auf den Erinnerungen von Irene Kleber, die später als „unbesungene Heldin“ gewürdigt werden wollte und auch wurde. Ihre Rolle als „Vermieterin“ und damit als gut bezahlte Helferin, schien (scheint?) manchem ein Problem. – Geschildert wird dies von Isabel Enzenbach in einem Kapitel mit dem Titel „Die Vermieterin“ in dem Band „Überleben im Dritten Reich“.
Lissy Wagners Bruder Klaus Peter lebte seit 1953 in den USA, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er berichtete später vom Leben seiner Familie und ergänzte gemeinsam mit seiner Familie die Angaben auf dem Grabstein in Friedland, der nun an seine Großeltern Schlawanski, seine Eltern und seine Schwester erinnert. Klaus Peter Wagner ist am 19. Juni 2019 in Miami gestorben.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlnde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Berliner Telefonbücher;
Breslauer Adressbücher;
Isabel Enzenbach: Die Vermieterin, in Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 185–197;
Find A Grave-Index 1600 bis heute, über ancestry: Daten/Grabstein der Familie Portheim/Wagner in Friedland;
Norbert Francke / Bärbel Krieger: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001
Norbert Francke/Bärbel Krieger: Schutzjuden in Mecklenburg, Schwerin 2002;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jewish Transmigration Bureau (JDC) 1940–1942, Einzahlungskarten, digitalisiert;
https://www.geni.com/people/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
sztetl.org.pl.