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Lotte Wagner (geb. Schlawanski)

Stolperstein für Lotte Wagner © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Giesebrechtstr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
22.10.2004

GEBOREN
08.09.1895 in Friedland / Mecklenburg
DEPORTATION
am 10.09.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Lotte Schlawanski kam am 8. September 1895 als einziges Kind von Siegfried Schlawanski (1858–1927) und seiner Ehefrau Agnes geb. Portheim (1870–1942) in Friedland, einer Kleinstadt in der Mecklenburgischen Seenplatte, auf die Welt. Ihr Vater besaß in der Kaiserstraße ein Geschäft für Accessoires wie Hüte und Gürtel, das stetig größer wurde und in den 1920er-Jahren „Putz-, Konfektions-, Weiß- und Wollwaren“ anbot. Das Ehepaar Schlawanski lebte in einer 5-Zimmer-Wohnung. Lottes Sohn Klaus Peter Wagner, der seine Großmutter in den Schulferien besuchte, erinnerte sich sehr viel später an eine Angestellte und zwei Lehrmädchen. Der Familie muss es gut gegangen sein.
Lotte Schlawanskis Mutter hatte zwei Schwestern: Die 1869 geborene Rosa und die 1873 geborene Elise. – Die Tante Elise, verheiratet mit Richard Moses, lebte zuletzt ebenfalls in Berlin. Sie wurde 1944 in Auschwitz ermordet. In der Konstanzer Straße 3 erinnert ein Stolperstein an die Tante und den Onkel.
Im Oktober 1922 heiratete Lotte Schlawanski den Kaufmann (Simon) Waldemar Wagner, geboren am 17. Januar 1880 in Frankenstein in Schlesien (heute Ząbkowice Śląskie in Polen). Die Familie Wagner handelte in Frankenstein, Habelschwerdt (heute Bystrzyka Kłodzka/Polen) und Breslau, dem Hauptsitz der großen Firma, mit Getreide. Waldemar Wagner besaß gemeinsam mit seinen Brüdern Heinrich (1871–1935) und Moritz (1874–vor 1945 ermordet) die Firma in Breslau.
Lotte Wagner und ihr Ehemann wohnten anfangs in der Uhlandstraße 146. Dort wurden auch die beiden Kinder geboren, am 22. September 1923 der Sohn Klaus Peter und am 12. Dezember 1925 die Tochter Lissy Ingeborg.
1927 zog die wohlhabende Familie Wagner in die Giesebrechtstraße 15, Ecke Sybelstraße, das Haus gehörte der Firma. Dort wohnte sie in einer 8-Zimmer-Wohnung in der Bel Etage, dem besonders repräsentativ ausgestatteten ersten Stockwerk. Zur entsprechenden Einrichtung gehörte ein Konzertflügel. Lotte Wagner wird sicherlich ein oder mehrere Dienstmädchen gehabt und den Haushalt vor allem gemanagt haben. Die Familie besaß einen großen Bekannten- und Freundeskreis, darunter viele nichtjüdische Freunde. Nur ein paar Häuser weiter wohnten in der Giesebrechtstraße 18 der Schwager Löbel Wagner (1870–1934) mit seiner Ehefrau Zerel Lucie Wagner (1883–1943), an die ebenfalls ein Stolperstein erinnert.
Auch Lotte Wagner besaß Vermögen und Aktien: Sie war bis 1934/35 Miteigentümerin und Aufsichtsrätin einer Brotfabrik und konnte monatlich eine große Summe Geld aus der Firma entnehmen. Zu Hause in Berlin und Schlesien, erfolgreich und wohlhabend, dachten sie und ihr Ehemann nicht an Emigration.
Das änderte sich nach dem Pogrom vom November 1938. Lotte Wagners Mutter Agnes Schlawanski zog aus Friedland zur Familie ihrer Tochter, und sie versuchten gemeinsam zu emigrieren. Sohn Klaus Peter Wagner wurde 1939 mit einem Kindertransport nach Großbritannien geschickt.
Bis 1941 konnte die Familie in der 8-Zimmer-Wohnung bleiben, dann musste sie innerhalb des Hauses in kleinere Wohnungen umziehen. Waldemar Wagner und die Tochter Lissy mussten Zwangsarbeit leisten. Die Häuser wurden beschlagnahmt. Alle Versuche, nach Uruguay, China oder in die USA zu emigrieren, scheiterten.
Am 2. September 1942 wurde Lotte Wagners Mutter Agnes Schlawanski deportiert. Die Familie bezog im Oktober ihre letzte Wohnung in der Giesebrechtstraße 15. Ende Februar 1943 ging Lotte Wagners Familie in die Illegalität. Die Nachbarin Frau von Willesen, die ihnen schon länger geholfen hatte, vermittelte ein Versteck: Die Familie konnte bei Irene Kleber, deren ehemaliger Gesellschafterin, in der Goethestraße 14a für 90 RM monatlich ein Zimmer mieten. Dort (über)lebte Lotte Wagner mit Ehemann und Tochter noch ein halbes Jahr.
Über diese Zeit gibt es nur einen Bericht, basierend auf den Erinnerungen von Irene Kleber, die später als „unbesungene Heldin“ gewürdigt werden wollte und auch wurde. Ihre Rolle als „Vermieterin“ und damit als gut bezahlte Helferin, schien (scheint?) manchem ein Problem. – Geschildert wird dies von Isabel Enzenbach in einem Kapitel mit dem Titel „Die Vermieterin“ in dem Band „Überleben im Dritten Reich“.
Am 23. August 1943 wurden Lotte, Waldemar und Lissy Wagner verhaftet. Über den „Verrat“ lässt sich nur spekulieren. Die Familie blieb fast drei Wochen im Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Am 10. September 1943 wurden Lotte Wagner, ihr Ehemann und ihre Tochter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. – Der Vermieterin Irene Kleber passierte nichts.

Lotte und Waldemar Wagners Sohn Klaus Peter lebte seit 1953 in den USA, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er berichtete später vom Leben seiner Familie und ergänzte gemeinsam mit seiner Familie die Angaben auf dem Grabstein in Friedland, der nun an seine Großeltern Schlawanski, seine Eltern und seine Schwester erinnert. Klaus Peter Wagner ist am 19. Juni 2019 in Miami gestorben.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Recherchen: Nachlass Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Berliner Telefonbücher;
Breslauer Adressbücher
Isabel Enzenbach: Die Vermieterin, in Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 185–197
Find A Grave-Index 1600 bis heute, über ancestry: Daten/Grabstein der Familie Portheim/Wagner in Friedland;
Norbert Francke / Bärbel Krieger: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001;
Norbert Francke/Bärbel Krieger: Schutzjuden in Mecklenburg, Schwerin 2002;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jewish Transmigration Bureau (JDC) 1940–1942, Einzahlungskarten, digitalisiert;
https://www.geni.com/people/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
sztetl.org.pl.