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Lotte Benjamin (geb. Labischin)

Foto:B.Plewa
VERLEGEORT
Giesebrechtstr. 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
08.05.2011

GEBOREN
12.02.1898 in Posen / Poznań
DEPORTATION
am 17.11.1941 nach Kowno / Kaunas, Fort IX
ERMORDET
25.11.1941 in Kowno, Fort IX

Lotte Elise Labischin war die zweite Tochter des Kaufmannes Ludwig Labischin und seiner Frau Hedwig geb. Kraft. Sie wurde am 12. Februar 1898 in Posen (poln. Poznan) in der St.-Martin-Straße 23 geboren. Die Eltern waren aus Breslau 1896 nach Posen gezogen. Lottes Schwester Doris war ein Jahr älter als sie, 1900 kam der Bruder Kurt auf die Welt. Ludwig Labischin betätigte sich im Altmetallhandel und gründete 1901 die Firma „Ludwig Labischin“, Geschäftsführer war Isidor Kraft, vermutlich ein Verwandter, vielleicht ein Bruder von Hedwig. 1902 siedelte Ludwig mit seiner Familie nach Berlin um und verlegte auch die Firma dorthin, beides in die Luisenstraße 29. Hier wurde auch Lottes fünf Jahre jüngere Schwester Ilse geboren.

Ludwig Labischin konnte in Berlin sein Geschäft erweitern. Zwei Jahre nach Ankunft hatte er einen Lagerplatz für Nutzeisen in der Roßstraße 9/10 (heute Fischerinsel), seine Wohnung war nun in der Flensburger Straße 27, im Hansaviertel. Als Lotte neun Jahre alt war, kaufte Ludwig ein Grundstück in Lichtenberg, Herzbergstraße 50, und etablierte dort ein Röhrenlager und eine Fabrik für Röhrenbearbeitung, in der Roßstraße verblieb sein Stadtbüro. Gleichzeitig wurde Isidor Kraft Gesellschafter und somit Mitinhaber der Firma. Bald pries sich das Unternehmen als „Röhrenfabrik, Spezialität Viktoriaröhren“ an.

1908 starb Lottes Mutter und wenige Jahre danach zog Ludwig mit seinen Kindern in die Möllendorffstraße 9 in Lichtenberg, wohl um in der Nähe seiner Fabrik zu sein. Lotte besuchte das städtische Lyzeum Lichtenberg und absolvierte anschließend eine Ausbildung als Schneiderin am Pestalozzi-Fröbel-Haus. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Vater sich wohl schon vom Geschäft zurückgezogen und lebte in der Droysenstraße 1. Im Jahr 1915 hatte er die Fabrik und auch das Grundstück Herzbergstraße 50 an Isidor Kraft übertragen, der jetzt Alleininhaber war. In den 20er Jahren lief das Geschäft aber nicht mehr so gut. Möglicherweise kam die Firma in der Inflationszeit in Schwierigkeiten, jedenfalls wurde sie zum 31. Januar 1928 gelöscht.

Lottes Schwester Doris, inzwischen Büroangestellte, starb 1918. Wenig später heiratete Lotte den Prokuristen Alfred Benjamin, dessen Vater Isidor Benjamin im selben Haus wohnte wie Lottes Großmutter, Pauline Labischin: Wielandstraße 13. Möglicherweise hatte er deren Wohnung nach ihrem Tod übernommen. Lottes und Alfreds Adresse war fortan auch die Wielandstraße 13. 1920 bekam Lotte Zwillingstöchter, Ellen und Elline. Unglücklicherweise starben beide früh, Ellen mit sieben Monaten, Elline vier Monate später. Das Paar hatte keine weiteren Kinder.

Alfred Benjamin war stellvertretender Personalleiter im KaDeWe. Gleich nach der Machtübernahme Hitlers wurden die jüdischen Besitzer des Warenhauses unter Druck gesetzt, die Geschäftsführung zu „arisieren“. Und bereits nach dem Boykott am 1. April 1933 entließ man die meisten jüdischen Angestellten vom KaDeWe. Unter den Gekündigten war auch Alfred Benjamin. Im Jahr darauf sah sich Alfred genötigt, nach Prag zu flüchten und das Paar trennte sich. Lotte soll laut ihrem Bruder dann in eine 1 ½ Zimmer-Wohnung in der Giesebrechtstraße 12 gezogen sein, im Adressbuch ist sie nicht als Hauptmieterin vermerkt. Erst in der aus Anlass der Volkszählung von 1939 angelegten Sonderkartei für Juden, findet sich der Nachweis, dass Lotte hier als Untermieterin der Witwe Sophie Kraft wohnte. Sophie Kraft dürfte die Witwe von Isidor Kraft sein (der sich in Isidor Otto hatte umbenennen lassen und sich schließlich nur noch Otto Kraft nannte), somit eine Verwandte Lottes. Allerdings hatte Sophie Kraft bis 1938 noch in Lichtenberg gewohnt.

Lotte konnte sich trotz der vielen Diskriminierungen und Einschränkungen für Juden ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie machte noch eine Ausbildung als Maniküre und konnte bei jüdischer Kundschaft – vor allem in Altersheimen – genügend Geld verdienen, um auch ihre Schwester Ilse zu unterstützen. Ilse hatte 1932 einen Herrn Reichelt geheiratet, der kein Jude war und der sich gleich 1933 von ihr trennte, da sie „als Jüdin nicht zumutbar“ sei. 1939 wurde die Ehe formell geschieden. Lotte ist kurz nach der Volkszählung von der Giesebrechtstraße in die Eisenzahnstraße 5 (bei Holzapfel) gezogen.

Lottes Bruder Kurt Labischin, der Rechtsanwalt geworden war, wurde 1933 aus der Anwaltskammer ausgeschlossen und wanderte im Juli des gleichen Jahres mit seiner Frau Käte und den Söhnen Peter und Thomas in die Schweiz aus und später nach London. Dort änderte er seinen Vornamen in Andrew Michael und nahm den Familiennamen seiner Mutter, Kraft, an. Ilse Reichelt arbeitete nach der Trennung von ihrem Mann als Jugendfürsorgerin. 1939 flüchtete sie ebenfalls nach London. Auch Lotte hatte vor zu flüchten, sie sparte und machte Anschaffungen in Hinblick auf eine Auswanderung. Es kam aber nicht mehr dazu.

Wir wissen nicht, ob Lotte sich weiter als Maniküre oder Schneiderin halten konnte, oder ob sie wie so viele zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie herangezogen wurde. Jedenfalls musste sie auch von der Eisenzahnstraße nochmals umziehen. Ihre letzte Adresse war die Georg-Wilhelm-Straße 12, von dort wurde sie schon zu Anfang der Deportationen im November 1941 zunächst in die Synagoge Levetzowstraße 7/8 gebracht, die von der Gestapo als Sammellager missbraucht wurde. In der Nacht zum 17. November wurden 1006 Personen, unter ihnen Lotte Benjamin, von dieser Sammelstelle durch die ganze Stadt zum Bahnhof Grunewald geführt. Dort mussten sie einen Sonderzug mit dem Ziel Riga besteigen. Der Zug wurde jedoch kurzfristig nach Kowno (litauisch Kaunas) umgeleitet. Sie kamen aber nicht in das dortige Ghetto, sondern wurden gleich zum Fort IX, der historischen Stadtbefestigung, gebracht, um dort erschossen zu werden. Der Führer des entsprechenden Einsatzkommandos, Karl Jäger, erstattete penible Berichte über die Ermordungen, unter anderem heißt es dort mit Datum 25.11.41, es seien 1158 Juden, 1600 Jüdinnen und 175 „Juden-Kinder“ exekutiert worden, in dem zynischen NS-Sprachgebrauch „Umsiedler“ aus Berlin, München und Frankfurt am Main. Keine der Personen, die mit Lotte Benjamin deportiert wurden, hat überlebt.

Alfred Benjamin war schon 1934 nach Prag geflüchtet und versuchte dort ein Visum zu bekommen, zunächst nach Frankreich, 1940 dann nach Shanghai, eine der wenigen Möglichkeiten, die zu dem Zeitpunkt noch offen waren. Aber auch ihm gelang die Flucht nicht mehr. Am 17. Dezember 1941 wurde er von Prag nach Theresienstadt deportiert, von da am 15. Januar 1942 nach Riga weiterverschleppt und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Weitere Quellen

Adressbücher Posen;
https://www.holocaust.cz/de/opferda... Einwohnermeldekartei Posen (http://e-kartoteka.net/en/)