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Elise Misch (geb. Hirschson)

Foto:B.Plewa
Hans Misch, Bescheinigung Shanghai, Foto: Landesentschädigungsamt Berlin
VERLEGEORT
Giesebrechtstr. 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
08.05.2011

GEBOREN
30.05.1867 in Berlin
DEPORTATION
am 14.09.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
11.02.1943 im Ghetto Theresienstadt

Elise Hirschson kam in Berlin am 30. Mai 1867 auf die Welt. Ihr Vater Samuel Hirschson war mit Mathilde geb. Tobias verheiratet, sie wohnten in der Breiten Straße 8. Ob Elise noch Geschwister hatte, wissen wir nicht. Samuel Hirschson war Mitinhaber der Firma Quaadt und Hirschson, die Lampen und Lackierwaren herstellte. Das Geschäftslokal befand sich in der Neuen Friedrichstraße 9.

Elise wohnte noch im selben Haus in der Breiten Straße, als sie - noch 18jährig - am 16. April 1886 den sieben Jahre älteren Martin Misch heiratete. Das Paar bezog eine Wohnung am Waterloo Ufer 13. Martin Misch betrieb die von seinem Vater gegründete Lederhandlung „Heinrich Misch Sohn Martin & Co. Command. Gesellschaft“ in der Klosterstraße 49 mit Filiale am Belle-Alliance-Platz 9 (heute Mehringplatz). Martin war persönlich haftender Gesellschafter. Neun Monate nach der Heirat, am 19. Januar 1887, brachte Elise ihren Sohn Heinrich Hans zur Welt. Im April 1890 folgte die Tochter Toni. Als vier Jahre später die zweite Tochter, Helene, geboren wird, wohnt die Familie in der Wiener Straße 9. Martin Misch führt nicht mehr die väterliche Firma, sondern hat jetzt eine Lederhandlung und Steppanstalt.

Der Betrieb lief möglicherweise nicht optimal, denn um die Jahrhundertwende hatte ihn Martin Misch aufgegeben und betätigte sich als „Vertreter auswärtiger Häuser f. Plüsche, Satteltaschen, Portièren, Decken etc.“ Mischs wohnten nach mehrmaligen Umzügen nun in der Georgenkirchstraße 66.

Die Vertretung konnte Martin Misch nicht mehr lange ausüben. Am 16. Juli 1903 starb er mit 42 Jahren in einer Privatklinik in Rosenthal-Nordend, damals noch eine eigenständige Gemeinde, 1920 nach Berlin eingemeindet. Elise, nun Witwe mit drei Kindern, blieb noch - folgt man dem Adressbuch - ein Jahr in der Georgenkirchstraße wohnen, um dann erst in die Esmarchstraße und schließlich nach Charlottenburg in die Kantstraße 104 zu ziehen. Wo sie zwischen 1911 und 1916 lebte, bleibt ungeklärt. Erst im Adressbuch 1917 findet sich ihre Spur wieder, und zwar in der Giesebrechtstraße 17, Gartenhaus. Möglicherweise wohnte sie schon vorher dort, war aber nicht im Adressbuch aufgeführt. Sie wird als „Rentiere“ bezeichnet, offenbar konnte sie von der Hinterlassenschaft ihres Mannes leben.

Elises Sohn Hans heiratete und seine Frau Anna Bertha bescherte Elise 1925 eine Enkelin, Irene. Er trennte sich jedoch von Anna und heiratete ein zweites Mal. Die Braut hieß nun Lucie Mecklenburg und war Sekretärin bei der Jüdischen Gemeinde. Elises Töchter Toni und Helene blieben ledig. Toni wohnte ab Mitte/Ende der 30er Jahre mit der Mutter in der Giesebrechtstraße, möglicherweise schon früher. Sie trug mit Einkünften aus Schreibmaschinenarbeiten zum Haushalt bei. 1941 wurden beide Frauen gezwungen, ihre 3-Zimmer-Wohnung aufzugeben und in ein Zimmer zur Untermiete bei Johann Schiff in die Giesebrechtstraße 19 zu ziehen. Nach Lockerung des Mieterschutzes für Juden konnten diese gekündigt und in die Wohnungen anderer Juden zwangseingewiesen werden. So sollte auch Wohnraum für Nichtjuden geschaffen werden. In Berlin wurde das besonders ab Anfang 1941 betrieben, da Ersatzwohnraum nicht nur infolge von Fliegerangriffen benötigt wurde, sondern auch aufgrund der Baupläne von Generalbauinspektor Albert Speer für die „Welthauptstadt Germania“, im Zuge derer ganze Straßenzüge abgerissen wurden.

Der Zwangsumzug war nicht die einzige Schikane und antisemitische Maßnahme, die Juden zu erleiden hatten. Zu Diskriminierungen, Boykotten und Berufsverboten kamen - vor allem nach den Pogromen vom November 1938 - zahlreiche Verordnungen, die den Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Leben zum Ziel hatten. Theater, Konzerte, Kinos usw. waren ihnen verboten, sie durften bestimmte Bannbereiche nicht mehr betreten, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen, nach 9 Uhr abends - im Winter nach 8 Uhr - durften sie gar nicht mehr auf die Straße. Zudem mussten sie Schmuck und Silber in der Pfandleihanstalt in der Jägerstraße abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften. Dies waren nur einige der Vorschriften, die ihnen das Leben in Deutschland unerträglich machen sollten.

Elise und Toni mussten sich unter diesen Umständen mehr schlecht als recht durchschlagen. Toni wurde zur Zwangsarbeit in einer Fabrik herangezogen, musste zudem die über 70jährige Mutter pflegen. Die Möbel, die sie nicht in die Nr. 19 hatten mitnehmen können, mussten sie zu Schleuderpreisen verkaufen - dass Käufer die Notlage der Juden skrupellos ausnutzten, war gang und gäbe. Im Juni 1942 wurde Tonis Deportation „nach Polen“ angekündigt, sie wurde aber zurückgestellt, da die Fabrik Toni als Arbeitskraft reklamierte. So musste sie drei Monate später die Deportation ihrer Mutter erleben. Elise hatte am 1. September 1942 eine „Vermögenserklärung“ auszufüllen und sich in der Sammelstelle Gerlachstraße 18-21 einzufinden, ein kurzerhand umfunktioniertes jüdisches Altersheim, da die Kapazitäten des - ebenfalls als Lager missbrauchten - Heimes in der Großen Hamburger Straße 26 nicht ausreichten, um die zu Deportierenden zusammenzufassen. Vielleicht traf sie schon dort ihre Mitbewohnerinnen aus der Giesebrechtstraße 17, Else Elkisch und Ernestine Katz, die mit ihr und weiteren 997 Menschen am 14. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt wurden.

Laut NS-Propaganda war dieses „Altersghetto“ eine Stätte für einen ruhigen Lebensabend, tatsächlich erwartete die Insassen dort ein grausames Lebensende. In den erbärmlichen Unterbringungen grassierten Krankheiten und Seuchen infolge von Hunger, Kälte und katastrophalen Hygienebedingungen. Etwa ein Viertel der Insassen starb an diesen Umständen.

Auch Elise Misch überlebte den harten Winter nicht mehr ganz. Am 11. Februar 1943 starb sie laut „Todesfallanzeige“ an einer Lungenentzündung. Man kann davon ausgehen, dass dies eine Verharmlosung der tatsächlichen Todesursachen ist: Elise Misch wurde Opfer der menschenverachtenden Lebensumstände in dem Lager.

Elises Sohn Hans war im April 1939 mit seiner Frau Lucie nach Shanghai emigriert, eine der wenigen Möglichkeiten, die es noch gab, ein Visum zu bekommen. Ein gutes Jahr später zwangen sie die japanische Militärbehörden, ins Ghetto zu ziehen, wo Hans am 23. Juli 1944 starb. Helene war Anfang der 30er Jahre nach Friedrichroda als Hausdame der jüdischen Fremdenpension von Bettina Brenner gegangen. Letztere war Vorstandsvorsitzende des Jüdischen Frauenbundes Deutschlands und Helene hatte sie vermutlich um 1926 in Berlin kennen gelernt. Nachdem das Heim während des Pogroms 1938 demoliert wurde und dann enteignet, konnte Bettina Brenner mit ihrer Mutter und Helene nach Chile flüchten. In Friedrichroda liegen Stolpersteine für die drei Frauen vor dem Haus Schreibersweg 3. Elises Tochter Toni konnte sich nach der Deportation der Mutter der eigenen, nun Anfang 1943 angekündigten Verschleppung, entziehen. Sie „ließ alles liegen und stehen“ und flüchtete aus Berlin - wohin, ist nicht dokumentiert. Nach dem Krieg war sie noch 1949 im DP-Lager (DP für Displaced Persons) in Deggendorf, Bayern. Schließlich gelang ihr die Auswanderung nach Chile zu ihrer Schwester Helene. Auch Lucie Misch überlebte Shanghai und heiratete erneut nach dem Krieg.


Biografische Zusammenstellung

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Weitere Quellen