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Albrecht von Krosigk

Stolperstein für Albrecht von Krosigk. Copyright: MTS
Albrecht von Krosigk. Copyright: Privatbesitz
VERLEGEORT
Motzstr. 9

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
05.08.2011

GEBOREN
14.12.1892 in Gnesen (Posen) / Gniezno
ERMORDET
22.05.1942 in der "Heil- und Pflegeanstalt" Bernburg

Albrecht von Krosigk war der Sohn des Rittmeisters Gebhardt von Krosigk aus Ostpreußen, der im Jahr 1901 in Gumbinnen (heute: Gussew/Oblast Kaliningrad, Russland) ermordet wurde. SPD-Parlamentarier, die im Offizierskorps die Mörder vermuteten und die einseitigen Ermittlungen, die sich gegen zwei Soldaten richteten, kritisierten, machten die „Affäre Krosigk“ zum öffentlichen Streitthema. Zu diesem Zeitpunkt war Albrecht von Krosigk neun Jahre alt. Die Mörder seines Vaters konnten nie ermittelt werden.

Albrecht von Krosigk sollte, ganz nach Familientradition und im Sinne seines Vaters, eine Militärlaufbahn einschlagen. Er besuchte das Gymnasium in Gnesen und wurde auf die Kadettenanstalt nach Plön in Holstein und dann nach Berlin-Lichterfelde geschickt. Als Fähnrich nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Nach der Niederlage Deutschlands war er ohne Berufsperspektive: Deutschland musste sein Heer drastisch verkleinern. Albrecht von Krosigk ging zur Berliner Sicherheitspolizei unter Leitung des rechtsradikalen Hauptmanns Walter Stennes (1895-1989). Als dieser wegen seiner politischen Umtriebe die Polizei verlassen musste, ging auch Albrecht von Krosigk. 1925 wurde er Provisionsvertreter und bis Mitte der 1930er Jahre zum reisenden Händler, wohnte zeitweilig in Duisburg, Hamburg und Berlin, zuletzt in der Motzstraße 9.

Sein Berufsstart als Vertreter lief nicht wie erhofft. Windige Geschäfte und der Kontakt zu Hehlern, Zuhältern und Opiumhändlern brachten ihm bis Anfang der 1930er Jahre einige Verurteilungen wegen Diebstahls und Betrugs ein. Doch wenn er aus dem Gefängnis freikam, konnte er sich auf die Hilfe seiner Geschäftspartner und Freunde verlassen. Nach der Machtübernahme der Nazis versuchte er, seinen Namen gewinnbringend einzusetzen und berief sich auf seinen Namensvetter Graf Schwerin von Krosigk, den Finanzminister im Hitler-Kabinett, um kleinere Geldbeträge für seine Geschäftsunternehmungen zu erhalten. Die Gestapo sprach von „Erschwindeln“, nahm ihn im April 1936 fest und verhängte kurzzeitig Schutzhaft, „weil er die Autorität der Reichsregierung schädige und damit die Staatsicherheit gefährde“.

Ein halbes Jahr später geriet er das erste Mal wegen seiner Leidenschaft für Männer ins Visier der Homosexuellenverfolger. Im November wurde er ins KZ Fuhlsbüttel eingeliefert und drei Monate später vom Hamburger Amtsgericht zu sechs Monaten Gefängnis nach § 175 verurteilt. Nach der Haft kam er zurück nach Berlin, wohnte bei befreundeten Geschäftspartnern, arbeitete kurzzeitig auf dem Bau und versuchte als Zeitschriftenvertreter einen beruflichen Wiedereinstieg.

In Berlin half er im Herbst 1937 einem türkischen Geschäftsfreund jüdischer Herkunft, mit dem er seit zehn Jahren befreundet war: Er stellte seinem Freund Nissim Zacouto ein gefälschtes Schreiben aus, angeblich im Namen des Berliner Polizeipräsidenten, in dem es hieß: „Gegen den Verkauf seiner Waren an deutsche Beamte ist nichts einzuwenden.“ Albrecht von Krosigk war einer jener Unterstützer, auf die Juden, die sich gegen die zunehmende Entrechtung zu wehren suchten, zurückgreifen konnten, weil er es selbst mit dem Recht nicht so genau nahm. Der Schwindel flog auf. Albrecht von Krosigk wurde polizeilich gesucht und in Begleitung eines jungen Mannes von der Gestapo verhaftet. 1938 wurde er vom Berliner Landgericht zu 18 Monaten Gefängnis und aufgrund des Gutachtens eines Gefängnisarztes zur Einweisung in die Psychiatrie verurteilt. Schon bei der Gestapo war er auffällig geworden. Die Beamten mussten ihre Verhöre, wie sie notierten, „infolge seines erregten Zustandes“ abbrechen. Albrecht von Krosigk ließ sich offenkundig nicht einschüchtern.

Gegen die erbarmungslose Frostigkeit der Strafjustiz hatte er keine Chance. Doch er hatte eine Familie, die mit ihm fortan für seine Freilassung kämpfte: Seine Mutter Gisela von Krosigk, die ihn all' die Jahre auch finanziell unterstützt und zu ihm gehalten hatte, wandte sich wie auch sein Onkel mit Gnadengesuchen mehrmals an die Justiz. Sie erreichten immerhin, dass er in ein „offenes Haus“ der Berliner Anstalt Herzberge kam und Beschäftigung erhielt. Sein eigener Antrag, zur Wehrmacht und in den Krieg entlassen zu werden, wurde dagegen abgelehnt.

Als Albrecht von Krosigk im März 1941 von Herzberge in die „Heil- und Pflegeanstalt Bernburg“ nach Brandenburg verlegt wurde, begann der Kampf aufs Neue. Seine Mutter schrieb der Justiz, ihr Sohn sei dort „zwischen schweren Geistesgestörten untergebracht“ und „er werde auch noch verrückt“. In der neuen Anstalt war sich selbst die Leitung nicht sicher, ob dort eine Unterbringung überhaupt angebracht sei. Zwar glaubte auch deren Leiter, der Eingelieferte sei „ein haltloser Psychopath, bei dem eine Rückfälligkeit nach wie vor gegeben scheint“, jedoch würden, so fügte er hinzu, „keinerlei körperliche oder geistige Störungen bestehen, die einer ärztlichen Behandlung oder Betreuung bedürfen“. Deshalb schlug er eine Unterbringung in einem sogenannten Arbeitshaus vor und teilte mit, dass auch Albrecht von Krosigk damit einverstanden sei. Doch auch dieser Vorschlag wurde seitens der Berliner Strafjustiz rigoros abgelehnt. Ein halbes Jahr später starb Albrecht von Krosigk. Wenn es stimmt, was in den Unterlagen von Justiz und Psychiatrie vermerkt wurde, dass er am 22. Mai 1942 an einer Lungenentzündung starb, dann hatten den 50jährigen sein Überlebenswille und seine Widerstandskraft angesichts der Hoffnungslosigkeit und unsäglichen Lebensbedingungen in der Anstalt verlassen.

Kein Hinweis findet sich bislang darauf, dass Albrecht von Krosigk Opfer der Euthanasie-Morde geworden ist. Die „Heil- und Pflegeanstalt Bernburg“ gehörte allerdings seit 1940 zu den „Euthanasie-Anstalten“ des NS-Regimes. Hier wurden bis 1943 mehr als 10.000 Menschen ermordet.


Siehe auch: Andreas Pretzel, Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez. Vom Dorian Gray zum Eldorado, Berlin 2012.

Biografische Zusammenstellung

Andreas Pretzel