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Samuel Kreitstein

Stolperstein für Samuel Kreitstein. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Schleswiger Ufer 5

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Hansaviertel
VERLEGEDATUM
August 2010

GEBOREN
10.08.1891 in Hassakow (Galizien) / Husakiv
BERUF
Kaufmann
ABGESCHOBEN
am 28.10.1938 nach Polen
INTERNIERT
bis November 1938 in Bentschen / Zbąszyń
INHAFTIERT
ab 10.11.1938 bis zum 20.12.1938 in Sachsenhausen
DEPORTATION
im Jahre 1941 nach Ghetto Reichshof / Rzeszów
TOT
1941 in Ghetto Reichshof / Rzeszów

Samuel Kreitstein wurde in der ersten Hälfte der 1890er-Jahre im heutigen Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine geboren. In den Quellen finden sich zu mehreren Stationen seines Lebenswegs widersprüchliche Angaben, angefangen bei seiner Geburt. Während seine Angehörigen den 26. März 1892 sowie den 27. März 1893 als Geburtstag nennen, ist dieser in anderen Quellen auf den 10. August 1891 bzw. 3. September 1894 datiert. Sein Geburtsort wird mal mit Hassakow (heute Hussakiv / Ukraine), mal mit Przemyśl (Polen) angegeben.
Er war der Sohn des jüdischen Ehepaares Channe und Mosche Kreitstein. In Brünn (heute Brno / Tschechien) absolvierte er eine Handelsschule und heiratete 1915 Sara Brand, die wie er nach der Wiedergründung Polens die polnische Staatsbürgerschaft besaß. Das Paar bekam vier Kinder. Die älteste Tochter Hinde Ajala kam 1918 zur Welt. In der Akte des Entschädigungsantrags ist als Geburtsort Prczworek angegeben, wobei es sich offenbar um einen Schreibfehler handelt, denn ein Ort dieses Namens existiert nicht. Kurze Zeit später kam Familie Kreitstein nach Berlin. Hier wurden 1920 und 1923 die Töchter Rosa und Amalie Dora, deren Rufname Dora lautete, und 1927 der Sohn Menachem Emanuel, der Manfred genannt wurde, geboren.
Samuel Kreitstein war Kaufmann und betrieb gemeinsam mit seiner Frau ein Abzahlungsgeschäft in der Lothringer Straße 65 (heute Torstraße), Ecke Gormannstraße. Es handelte sich um einen Vertrieb von Bett-, Tisch- und Leibwäsche, bei dem die Ware per Ratenzahlung erworben wurde. Die Familie wohnte zunächst im selben Haus, in dem sich das Geschäft befand, und zog dann in eine 3-Zimmer-Wohnung ans Schleswiger Ufer 6 (heute die Freifläche vor dem Schleswiger Ufer 5). Die Kinder gingen zur jüdischen Privatschule Adass Jisroel im Siegmunds Hof 11, in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Wohnung. Hinde und Rosa besuchten die höhere Schule. Hinde wurde anschließend zur weiteren Ausbildung nach Breslau geschickt. Rosa hatte vor, Medizin zu studieren. Dora machte an der Handelsschule eine Ausbildung zur Stenotypistin. Manfred plante, Rabbiner zu werden.
Unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten trafen die antisemitischen Boykotte das Geschäft von Familie Kreitstein schwer. Eine der Töchter schrieb im Entschädigungsantrag: „Die Kunden konnten nur noch heimlich bei den Verfolgten ihre Einkäufe machen, andere verweigerten die Abzahlungen. Besonders Mitte der dreißiger Jahre war man dagegen machtlos und selbst wenn noch die Möglichkeit bestand, mit Hilfe des Gerichtes die Forderungen einzutreiben, so musste man mit Racheakten nicht nur des einzelnen Verklagten, sondern ganzer Gruppen von Nazis rechnen, ja sogar mit Überfällen, Gesundheitsschäden oder Verhaftungen.“ 1938 waren Samuel und Sara Kreitstein endgültig gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben.
Allen vier Kindern gelang es, aus Deutschland zu fliehen. Die älteste Tochter Hinde emigrierte 1938 nach Palästina. Sie heiratete Samuel Ephraim Loewenstamm und arbeitete in Jerusalem als Lehrerin.
Rosa musste die Schule 1937 nach der Untersekunda (10. Klasse) verlassen, statt wie geplant Abitur zu machen und Medizin zu studieren. Um sich auf die Emigration vorzubereiten, besuchte sie die Haushaltsschule im Jüdischen Lehrgut Hattenhof bei Fulda. Sie verließ Deutschland am 30. Juni 1939 und ging nach Dänemark, wo sie anfangs nur für einen geringen Lohn in der Landwirtschaft tätig sein durfte. Im Oktober 1941 heiratete sie Samuel Wildstein. Seit dem 9. April 1940 war Dänemark von Deutschland besetzt, aber anders als in den anderen besetzten Ländern blieben die dänischen Institutionen zunächst intakt und die Judenverfolgung wurde zurückgestellt. Als dann für Anfang Oktober 1943 die Deportation in die Vernichtungslager beschlossen wurde, konnte ein Großteil der jüdischen Bevölkerung Dänemarks, über 7000 Menschen, ins schwedische Exil gerettet werden, darunter auch Rosa. Nach Kriegsende kehrte sie Anfang Juni 1945 nach Dänemark zurück und lebte mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Kopenhagen.
Dora folgte ihrer ältesten Schwester im März 1939 nach Palästina. Sie kam zunächst in einem Heim der Jugend-Alijah in Jerusalem unter und arbeitete als Verkäuferin in einem Geschäft. Ab 1943 lebte sie in Kiryat Haim bei Haifa. 1946 heiratete sie Emanuel Baum, bekam zwei Kinder und war als Haushaltshilfe tätig.
Manfred musste seine Pläne aufgeben, Rabbiner zu werden. Er verließ Berlin im Januar 1939 und erreichte 21 Monate später, im Oktober 1941, die USA. Er ließ sich in Omaha, Nebraska nieder und arbeitete als Rechnungsprüfer.
Den Angaben seiner Kinder zufolge wurde Samuel Kreitstein Ende Oktober 1938 im Zuge der „Polenaktion“ deportiert und in der Grenzstadt Bentschen (Zbąszyń) interniert. Über Nacht wurden damals etwa 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Laut der Häftlingsdatenbank des KZ Sachsenhausen war ein Szloma Kreitststein, geboren am 3. September 1894, ab dem 10. November 1938 dort in Haft und wurde am 20. Dezember 1938 entlassen. Mehrere Quellen gehen davon aus, dass es sich um dieselbe Person handelt. Bisher ist unklar, wie diese Angaben zusammenpassen.
Samuel Kreitsteins Frau Sara folgte ihm im Juli 1939 nach Polen. Beide wurden im Ghetto Reichshof (Rzeszów) interniert. Ein letztes Lebenszeichen ist eine von Sara Kreitstein unterschriebene Postkarte aus Rzeszów vom 24. September 1940, adressiert an S. E. Loewenstamm, den Ehemann der ältesten Tochter Hinde, Postfach 506 in Lissabon. Die Karte erreichte Hinde in Jerusalem über die Schweiz. Über Samuel und Sara Kreitsteins weiteres Schicksal gibt es keine näheren Informationen. Berichten zufolge wurden sie Opfer einer Massenerschießung in Rzeszów.


Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

Landesarchiv Berlin/Beuth-Hochschule: histomapberlin.de
Mitte Museum. Regionalgeschichtliches Museum für Mitte, Tiergarten, Wedding in Berlin;
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten / Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen;
Tracing the Past e. V.: https://www.mappingthelives.org.