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Hildegard Peril

foto:KHMM
VERLEGEORT
Ahornallee 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
28.06.2011

GEBOREN
17.12.1900 in Mannheim
DEPORTATION
am 26.10.1942 nach Riga
ERMORDET
29.10.1942 in Riga

Hildegard Peril wurde am 17.12.1900 in Mannheim geboren und verbrachte ihre Kindheit hauptsächlich in Berlin. Sie wohnte, soweit wir wissen, stets zusammen mit ihrer Mutter Rosa Elisabeth Peril. Diese wurde am 28. Oktober 1868 als Rosa Elisabeth Bacher in Magdeburg geboren. Rosa war mit Felix Peril verheiratet. Ihr Mann (Hildegards Vater) verstarb am 30.3.1936 als erster der Familie.

Hildegard versorgte fortan ihre Mutter, die während ihrer Ehe keinen Beruf ausgeübt hatte, da ihr Mann der Alleinverdiener der Familie war. Mutter und Tochter bewohnten zunächst eine Wohnung am Kaiserdamm 34, zogen dann aber noch einmal in die Ahornallee 10 um, wobei wir das genaue Datum und die Umstände nicht kennen. Dies war ihre letzte freiwillig gewählte Wohnstätte.

Das im Frühjahr 1939 vom NS-Staat erlassene Gesetz über „Mietverhältnisse mit Juden“ „schuf die Voraussetzungen für die Zusammenlegung jüdischer Familien in „Judenhäusern“. […] Diese Ghettoisierung wiederum diente der Vorbereitung zur Deportation der Juden aus Deutschland“ (Vgl. Die Zeit – Welt- und Kulturgeschichte, Bd. 14.). Vermutlich wohnte Hildegard daher mit ihrer Mutter seit Juli 1939 in der Kantstraße 30 in Berlin-Charlottenburg zur Untermiete bei Margarete Lichtwitz, die ebenfalls jüdisch war. Sie teilten sich ein Leerzimmer zum Preis von monatlich 60 RM (Reichsmark) mit Leihmöbeln der Vermieterin.

Im Landeshauptarchiv Potsdam werden die Vermögensurkunden (Durch das Ausfüllen einer Vermögensurkunde verfielen alle Vermögenswerte automatisch an das Deutsche Reich. In einer Vermögensurkunde gab der Deportierte allen Besitz an und schuf somit selbst die Grundlage der Enteignung. Die meisten Vermögensurkunden wurden von den Opfern in den Sammellagern mit einem „Kopierstift“ (urkundenechter Stift) ausgefüllt. )und die Transportlisten der aus dem deutschen Reich deportierten jüdischen Mitbürger aufbewahrt. Aus der Akte „Rep. 36 A II 29295“ ergibt sich, dass Rosa Peril zu diesem Zeitpunkt (Juli 1939) kein Gehalt bezog. Vermutlich wurde ihr die Witwenrente ihres Mannes aufgrund der „Rassegesetze“ nicht mehr ausgezahlt.

Weiter ergibt sich aus der Vermögensurkunde, dass Rosa und Hildegard keine eigenen Möbel mehr hatten. Diese Tatsache erscheint plausibel, wenn man die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938“ (Webseite des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Betracht zieht. Diese Verordnung „[…] „legalisierte die uneingeschränkte „Arisierung" der Wirtschaft. [...] Alle jüdischen Kapitalvermögen wurden eingezogen, Grundeigentum, Wertpapiere und Schmuck zwangsveräußert“.

Vermutlich aufgrund der zunehmenden behördlichen Schikanierung durfte Hildegard ihre Tätigkeit als Sportlehrerin der Jüdischen Gemeinde Berlin nicht mehr ausüben. Hildegard musste später Zwangsarbeit leisten und hatte dadurch ein Einkommen von 124,30 RM monatlich, von dem sie sich und ihre Mutter ernähren und die Mietkosten bestreiten musste.

1942 (das genaue Datum ist unbekannt) wurde Hildegards Mutter Rosa in das Sammellager4 der ehemaligen Synagoge Adass Jisroel in der Artilleriestraße 31 (heute Tucholskystraße 40) in Berlin Mitte gebracht. (Hinweis: Der Synagoge Adass Jisroel „erging es wie allen anderen jüdischen Gemeinden in Deutschland. Nach zahllosen vorangegangenen Akten der Verfolgung und Entrechtung ordnete die Gestapo im Dezember 1939 die Zerschlagung der Adass Jisroel und ihre Eingliederung in die von den Nazis gegründete „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ an. Damit war die Adass Jisroel aller ihrer Rechte und ihrer historischen Gemeindestätten beraubt.“ (Webseite der Synagoge Adass Jisroel.)

Am 1. Oktober 1942 musste Rosa im Sammellager (Zentrale Orte in Großstädten, in denen die zur Deportation bestimmten Juden zusammengetrieben und die Transporte „in den Osten“ zusammengestellt wurden.) ihre Vermögensurkunde ausfüllen. Bereits am 14. Oktober 1942 wurde sie deportiert. Rosas weiteres Schicksal ist unbekannt. Daher ist auch kein genaues Todesdatum bekannt und so wurde ihr Todestag, wie der von so vielen anderen ermordeten Juden, auf den 8. Mai 1945 (Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und damit Endpunkt des NS- Staates) festgelegt.

Wie viele andere Unrechtsakte des NS-Staates war auch die Deportation der jüdischen Mitbürger aus Deutschland als scheinbar legaler Akt verkleidet. In Wahrheit handelte es sich um Raubmord in unvorstellbarem Ausmaß! Durch das Ausfüllen der Vermögensurkunden schufen die Opfer selbst die Grundlage für den Raub ihres gesamten Vermögens. Die anschließende Deportation führte nahezu ausnahmslos in den Tod (über Ghettos und Arbeitslager und später auch direkt in die Vernichtungslager).

Bald wurde auch Hildegard von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) aufgesucht. Am 26. Oktober 1942 deportierte man sie vermutlich im Zuge der sogenannten „Gemeindeaktion“ mit dem „22. Osttransport“ vom Bahnhof Berlin - Grunewald nach Riga. Nach anderen Quellen fuhr dieser Zug vom Bahnhof Putlitzstraße ab. In Riga wurde Hildegard drei Tage später am 29. Oktober 1942 mit gerade 42 Jahren ermordet.

Vermutlich wurde Hildegard Peril direkt nach ihrer Ankunft in der Nähe des Vernichtungslagers Salaspils nahe Riga erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Es liegen für sie und ihre Mutter „Deportationsbescheinigungen“ vor. Sterbeurkunden wurden für die Opfer der sogenannten „Endlösung“ nicht ausgestellt!

Auf Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald findet sich eine Gedenktafel mit der Inschrift:
„26.10.1942 / 800 Juden / Berlin – Riga“

Zweifelsohne handelt es sich bei dieser Angabe um den „22. Osttransport“. Die Angabe der Anzahl der Personen stimmt nahezu überein (798 bzw. 800) und der Bahnhof Putlitzstrasse, der an derselben Bahnstrecke liegt, ist auch ein Ort, von dem Deportationen ausgingen.

„Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Talmud

Überlebende der Familie Peril
Hildegards älteste Schwester Alice Peril, verheiratete Goss, geboren am 19.8.1895 in Halle-Saale, wanderte im April 1936 nach Amerika aus. Sie machte dort als Röntgenassistentin Karriere.
Sie war diejenige, die am 19. Mai 1960 aus New York Entschädigung für die Wertgegenstände beantragte, die ihrer Mutter weggenommen worden waren, nachdem sie die Vermögensurkunde im Sammellager ausgefüllt hatte. Hiervon erfuhr Alice durch ein Schreiben ihrer Mutter aus dem Frühjahr 1939, das leider verloren ging.

Nach Alices Angaben handelte es sich bei Rosas Wertgegenständen um viel Schmuck und wertvolles Tafelsilber mit einem geschätzten Wert von 20.000 DM im Jahr 1960. Davon existieren noch Zeichnungen, die wahrschein- lich von Alice oder Rosa stammen. Alice versicherte an
Eides statt, die Richtigkeit ihrer Angaben.

Am 11. April 1961 erhielt Alice lediglich eine Entschädigung über 12.283 DM und später, nach einem erneuten Antrag, weitere 1.700 DM. Die Restforderung in Höhe von rund 7.000 DM wurde nicht anerkannt.

Unterlagen des Antrags auf Entschädigung von Alice Goss.
Durch diesen Entschädigungsantrag bedingt wurden am 9.8.1960 die Erben von Rosa Peril festgelegt. Hiernach sollten Alice Goss, sowie Rosas Enkel Ilse-Lore Heppner, Tochter der zweiten Schwester Hildegards Irene, und Schulamit Peril, Sohn ihres Bruders Julius, alles Verbliebene erben, da alle anderen der Familie bereits verstorben oder ermordet worden waren.

Alices Mann, Erich Goss, den sie am 24.12.1925 in Berlin geheiratet hatte, und der in der Jüdischen Gemeinde als Sportlehrer tätig war, wurde zusammen mit Hildegard Peril und seiner Familie mit dem „22. Osttransport“ nach Riga deportiert und ebenfalls ermordet.

Die kinderlose Alice lebte allein in der 69th Avenue, Kew Gardens Hill, New York. Sie heiratete nicht mehr. Hildegards zweite große Schwester Erner Irene Peril, die am 14. Juni 1898 in Frankfurt am Main geboren wurde und am 19.9.1922 Paul Koratkowski in Berlin heiratete, war zum Zeitpunkt der Festlegung der Erben bereits tot. Sie verstarb am 10.7.1944 in Schanghai und hinterließ als Erbin ihre Tochter Ilse-Lore Koratkowski, die am 1.9.1923 in Berlin geboren wurde. Nach Ilse-Lores Geburt wanderte die Familie nach Schanghai aus.

Ilse-Lore wohnte in späteren Jahren in Indiana in 2520 Northview Avenue, Indianapolis mit Ernst Günther Heppner zusammen, den sie am 8.4.1945 in Schanghai geheiratete hatte, und dessen Namen sie annahm.

Hildegards jüngstes Geschwisterkind Julius Hans Peril, der am 22.12.1901 in Mannheim geboren wurde, lebte zum Zeitpunkt der (gerichtlichen) Feststellung der Erben nicht mehr. Er starb am 27.5.1942 im Alter von 41 Jahren in Palästina. Vor seinem Tod war Julius Hans Peril Bankbeamter. Er heiratete am 5.1.1932 in Berlin die am 12.05.1899 geborene Herta Manon Gellhaar. Nachdem sie sich am 1.2.1932 polizeilich angemeldet hatten, lebten sie in Berlin-Halensee, Friedrichsruherstraße 24. Aus dieser Ehe ging ein Kind namens Schulamit Peril, hervor, das am 3.12.1936 in Tel-Aviv geboren wurde, da das Ehepaar am 06.05.1934 nach Palästina ausgewandert war. Heute ist Schulamit Peril wohnhaft in der 72nd Road, Flushing, New York.

Es ist auffällig, dass allen Geschwistern von Hildegard die Emigration geglückt ist. Vermutlich wanderte Hildegard nicht aus, um ihre Mutter in Berlin weiter unterstützen zu können.
Mehr als die genannten Informationen ist über die gesamte Familie Peril nicht bekannt, da die Nationalsozialisten auch hier alle anderen persönlichen Erinnerungen erfolgreich für immer ausgelöscht haben.


14 Schülerinnen und Schüler der Katholischen Schule Liebfrauen nahmen sich im Geschichtskurs des Schuljahrs 2010/11 vor, das Leben und Sterben von Opfern des Nationalsozialismus zu recherchieren und ihrer zu gedenken, indem sie Stolpersteine verlegten. Sie erfuhren die Namen von neun Menschen, die in der Ahornallee, der Straße der Schule, gewohnt hatten. Diese Menschen wollten sie kennenlernen, indem sie möglichst viele Informationen über ihr Leben und Schicksal in Erfahrung bringen, damit sie und die schrecklichen Folgen des rassistischen Antisemitismus während des Nationalsozialismus in Deutschland nicht vergessen werden. Das Ergebnis eines halben Schuljahres an Recherchearbeit waren eine Broschüre und die Stolpersteinverlegung mit einem Gedenken.

GDie Stolpersteine für Berta Zellner, Alice Zellner, Gittel Zellner, Albert Lewinnek, Pauline Lewinnek, Herta Lewinnek und Hildegard Peril zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 10, sowie Josephine Huldschinsky und Gertrud Heller, zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 50 wurden von den Schülerinnen und Schülerinnen der Katholischen Schule Liebfrauen und einigen Eltern gespendet und am 28.06.2011 verlegt.

Gedenkbuch: Stolpersteine in der Ahornallee von der Kath. Schule Liebfrauen:
http://alt.katholische-schule-liebf...

Biografische Zusammenstellung

Dorothea Krol (Klasse 9c), Katharina Lewe (Klasse 9a)
Die Biografie wurde im Rahmen des Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 der Schule zusammengestellt.