Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Hulda Eisack (geb. Lesser)

Foto: KHMM
VERLEGEORT
Babelsberger Str. 6

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
22.06.2011

GEBOREN
27.11.1861 in Krone an der Brahe / Koronowo
DEPORTATION
am 17.08.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
24.11.1942 in Theresienstadt

Hulda Eisack wurde am 27. November 1861 in Krone an der Brahe /Posen in Preußen (heute Koronowo - Polen) als Tochter von Jacob Lesser und Amalie geb. Moses geboren. Jacob Lesser war vermutlich Getreidehändler oder Essigfabrikant. Hulda hatte zwei ältere Schwestern, Rosina und Regina, und eine jüngere, Emma.

Hulda verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Krone und heiratete 1884 Abraham Adolph Eisack aus dem nahe gelegenen Nakel (heute Naklo nad Notecia - Polen) Er war dort am 14. Januar 1857 geboren worden. Sie zog mit ihrem Mann nach Nakel, wo er Kaufmann war. Dort bekamen sie mindestens zwei Kinder: Erich Siegfried, geboren am 22. Januar 1890 in Nakel, und Joachim Richard, der am 29.November 1899 auch in Nakel geboren wurde.

Von 1916 bis 1920 lebten sie in Hamburg und ab dem 27. August 1920 in Naugard in Pommern (heute Nowogard - Polen), 60 km nordöstlich von Stettin. Dort starb Adolf Eisack am 12. Februar 1926, er und Hulda hatten in der Breite Straße 30 gewohnt, Adolf hatte sich als Privatier eintragen lassen, sie konnten also von seinem Vermögen leben.

Beide Söhne Huldas waren inzwischen in den Süden Deutschlands gezogen. Erich heiratete Hermine Fricke, lebte in Stuttgart und Heilbronn und hatte drei Kinder: Hildegard, die 1914 in Weil im Dorf (heute in Stuttgart eingemeindet) zur Welt kam, Erich Siegfried wurde 1918 in Heilbronn geboren und Suzanne 1928 in Stuttgart. Der 9 Jahre jüngere Joachim heiratete am 1. Oktober 1926 in München Anna Chana Faktorowitsch. Auch dieses Paar bekam drei Kinder.

Wir wissen nicht, wie lange Hulda nach dem Tod ihres Mannes in Naugard blieb und auch nicht, wann sie nach Berlin kam. Es ist anzunehmen, dass sie als Witwe und Alleinstehende in die Nähe von bereits in Berlin lebenden nahen Verwandten nach Berlin wollte, vielleicht zu ihrer jüngeren Schwester Emma, nun verheiratete Freund, nachdem ihr erster Mann Ludwig Zander 1905 gestorben war. Am 17. Mai 1939, dem Tag der Volkszählung, bei der Juden in gesonderten Karteien aufgenommen wurden, wohnte Hulda Eisack zur Untermiete in der Babelsberger Straße 6 in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Inzwischen hatte die 1933 begonnene Diskriminierung und Verfolgung von Juden ein unerträgliches Maß angenommen, vor allem nach den Pogromen vom November 1938. Erich verließ Deutschland mit Frau und Kindern erst 1939, zuerst nach England und dann 1940 in die Vereinigten Staaten. Joachim Eisack war bereits 1933 mit seiner Familie nach Frankreich geflüchtet. In Lyon kamen drei weitere Kinder zur Welt. Mit Ausbruch des Krieges wurde er als Deutscher interniert, ließ sich aber von der Fremdenlegion anwerben. Nach seiner Entlassung 1940 trat er der Résistance bei, wie auch sein ältester Sohn Gerd (Gérard). Der Rest der Familie konnte mit falschen Papieren bei einer Bauernfamilie im Departement Loire unterkommen, die sie bis Kriegsende schützte.

Hulda, mittlerweile über 80 Jahre alt, musste von der Babelsberger Straße in das Jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 umziehen. Als im Juni 1942 die Deportationen nach Theresienstadt begannen – wo angeblich Juden in Ruhe ihren Lebensabend verbringen könnten - , wurde auf Geheiß der Gestapo dieses Altersheim in ein Sammellager umfunktioniert. Erste Opfer waren die Bewohner des Heimes, die mit den ersten „Transporten“ von 50 oder 100 Personen nach Theresienstadt gebracht wurden. Einige wurden aber in andere jüdische Alterswohnstätten umquartiert. So auch Hulda Eisack, die in die Artilleriestraße 31 kam (heute Tucholskystraße 40), ein Gemeindezentrum von Addas Jisroel, das seit Anfang der 1940er-Jahre als Unterkunft für alte Menschen genutzt wurde.

Aber auch dieses Heim beschlagnahmte die Gestapo als (vorübergehendes) Sammellager, als sie im August 1942 beschloss, rund 1000 Menschen nach Theresienstadt auf einmal zu deportieren und das bestehende Sammellager in der Großen Hamburger Straße dafür zu klein war. Und diesmal wurden alle Heimbewohner auf die Listen gesetzt, auch Hulda Eisack. Am 17. August 1942 wurde sie mit 997 anderen (meist älteren) Menschen von dem Güterverkehrsbahnhof Berlin-Moabit aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 18. August ankam. Im selben Zug war auch Huldas Schwester Emma Freund geb. Lesser. Ob die Schwestern sich unter den fast tausend Menschen finden und sich gegenseitig Trost zusprechen konnten, bleibt ungewiss.

Theresienstadt als ruhigen Alterswohnsitz zu bezeichnen, war besonders zynisch angesichts der dort herrschenden komplett menschenunwürdigen Lebensumstände. Wohnraumnot, Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Verhältnisse konnten viele der bereits geschwächten Menschen kaum überleben. Hulda Eisack starb wenige Monate nach ihrer Ankunft am 24. November 1942, angeblich an Altersschwäche, wie die verschleiernde „Todesfallanzeige“ behauptet. Ihre Schwester Emma war da schon über zwei Monate nicht mehr am Leben, sie starb am 14. September 1942, offiziell an Darmkatarrh und Lungenentzündung.

Huldas Schwester Rosa verheiratete Joseph war schon 1917 gestorben, Regina verheiratete Simon starb vermutlich auch früh, da ihr Mann 1899 erneut heiratete. Huldas Schwägerin Sophie Leipziger geb. Eisack lebte mit ihrem Mann in Kiel, siedelte aber 1937 nach Berlin um. 1942 wurde sie, inzwischen verwitwet, am 14. Juli ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und erlag dort am 17. September 1943 den menschenverachtenden Lebensbedingungen. Für sie liegt eine Stolperstein in Kiel vor der Bülowstraße 3. Die Gedenkbücher Berlins und des Deutschen Bundesarchivs listen weitere Opfer mit den Namen Lesser und Eisack auf, die in Crone an der Brahe oder in Nakel geboren wurden, ohne dass eine echte genealogische Verbindung zu Hulda Eisack hergestellt werden konnte.

Dieser und weitere Stolpersteine wurden von Frau Angelika Ezzeldin und den Bewohnern der Babelberger Straße 6 gespendet, denen ich sehr herzlich dafür danke, dass ich meine Urgroßmutter finden konnte.
Didier Eisack lebt in Frankreich.


Biografische Zusammenstellung

Recherchen/Text: Didier Eisack und Micaela Haas

Weitere Quellen

Akim Jah, Die Berliner Sammellager im Kontext der „Judendeportationen“ 1941–1945,
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Nr. 3/2013, S. 211-231; Todesfallanzeige für Hulda Eisack: https://www.holocaust.cz/de/datenba... für Emma Freund: https://www.holocaust.cz/de/datenba...