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Hermann Löwenstein

Foto: KHMM
Hermann Löwenstein, Foto: privat
VERLEGEORT
Babelsberger Str. 6

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
22.06.2011

GEBOREN
27.05.1877 in Hamburg
FLUCHT IN DEN TOD
30.12.1941 in Berlin

Hermann Löwenstein wurde am 27. Mai 1877 in Hamburg geboren, als Sohn von Theodor Löwenstein und seiner Frau Rebekka geb. Emden. Theodor Löwenstein war Inhaber der Firma „Hermann Löwenstein, Prägeanstalt, Gold- und Silberwarenlager“, vermutlich von Theodors Vater gegründet, dem Großvater von Hermann. Hermann hatte vier Geschwister, Ernst, Robert, Anton und die Schwester Toni. Nach dem Abitur machte er eine Banklehre, arbeitete als Bankangestellter und 1899 ging er nach Kairo, als Prokurist der Firma Otto Sterzing, Generalagentur der Norddeutschen Lloyd, bei der er später auch Mitgesellschafter wurde. Am 20. November 1906 heiratete er in Kairo Alice Hirschfeld, 1883 in Hamburg geboren. Sie hatte Fotografie gelernt und beide kannten sich aus Hamburg. Das Paar bekam keine Kinder.

Als der 1.Weltkrieg ausbrach, waren sie auf Reisen und konnten nicht nach Kairo zurück. 1917 ließen sie sich in Berlin nieder und bezogen eine 5 1/2 -Zimmer-Wohnung in der Babelsberger Straße 6. Hermanns Eltern waren inzwischen beide gestorben, Theodor Löwenstein 1908 und seine Witwe 1911. Bruder Robert kam 1917 ums Leben, wohl als Soldat.

In Berlin assoziierte sich Hermann Löwenstein mit Max Hausdorff, der die Generalvertretung für Union Annaberg, Passementerie (Zierbänder, Borten) hatte. Die Firma Union Annaberg befasste sich später vor allem mit Werbung. Hermann Löwenstein war offenbar besonders an der Werbebranche interessiert, speziell an der Reklame auf Streichholzschachteln. Mit Max Hausdorff betrieb er die „Löwenstein & Hausdorff, Zündholzreklame“, die allerdings offiziell erst 1929 ins Handelsregister eingetragen wurde. Obwohl beide Firmen weiter existierten, waren sie wohl de facto verschmolzen, beide meldeten ihre Geschäftsräume in der Bayreuther Straße 42 an, in dem Haus, in dem auch Max Hausdorff wohnte. Das Werbegeschäft scheint gut gegangen zu sein, unter den wichtigsten Kunden waren die Deutsche Zündholz-Verkaufs AG, und die Porzellanfirma Rosenthal.

Hermann Löwenstein erkrankte an multipler Sklerose und war ab 1928 an den Rollstuhl gefesselt. Dennoch ließ er sich jeden Tag ins Büro in der Bayreuther Straße hin- und wieder zurückfahren. Alice arbeitete ab diesem Zeitpunkt auch in der Firma mit. Später erledigte Hermann die Arbeit von der Babelsberger Straße aus. Unter dem NS-Regime ging aufgrund der antisemitischen Hetze auch das Geschäft von Löwenstein und Hausdorff zurück. Die Industrie- und Handelskammer bemängelte, dass „Union Annaberg“ nichts mehr mit den Passamenterien von Annaberg zu tun habe und auch keine Union mehr sei. Hausdorff nannte sie 1935 in „Max Hausdorff GmbH“ um. Immerhin konnten sie zunächst im Reklamegeschäft wichtige Großkunden halten, wie etwa Rosenthal, von deren Erzeugnissen sie eine Musterschau in den Büroräumen zeigten. Dennoch war laut Industrie und Handelskammer Anfang November 1938 die Geschäftsaktivität „auf kleingewerblich abgesunken“. Nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 sahen sich Hermann Löwenstein und Max Hausdorff gezwungen beide Firmen zu liquidieren.

Für Hermann Löwenstein war die Berufsexistenz zerstört - ein erklärtes Ziel der Nationalsozialisten gegenüber Juden. Aber auch der Alltag von Juden, schon vor den Pogromen sehr erschwert, wurde danach durch die sich nun häufenden Verbote und Einschränkungen unerträglich. Juden waren praktisch vom öffentlichen Leben ganz ausgeschlossen, entrechtet und verarmt. Als im Oktober 1941 auch noch die Deportationen begannen, konnte Hermann Löwenstein dem Leidensdruck nicht mehr standhalten. In der Nacht vom 29. Dezember dieses Jahres nahm er eine Überdosis Schlaftabletten, vier Stunden später verstarb er im Jüdischen Krankenhaus. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, aufgrund der Verfolgung könne er nicht mehr weiterleben, er befürchte, auch von der Gestapo abgeholt zu werden. Er ist in Weißensee bestattet.

Den Abschiedsbrief verlor Alice Löwenstein während ihrer bald folgenden Odyssee. Als sie im Mai 1942 die Benachrichtigung der jüdischen Gemeinde erhielt, am 31. des Monats deportiert zu werden, - ein Untermieter war schon „abgeholt“ worden - beschloss sie unterzutauchen. Zunächst konnte sie bei verschiedenen Helfern unterkommen, schließlich landete sie in Bremen, wo sie im März 1943 ohne Papiere aufgegriffen wurde. Sie täuschte erfolgreich Amnesie vor und wurde in eine Heil- und Pflegeanstalt in Göttingen eingewiesen. Dort vertraute sie sich einem Arzt an und wurde bis Kriegsende geschützt. 1949 konnte sie in die USA auswandern.

Wie Hermann Löwenstein konnte auch Max Hausdorff die Lage nicht mehr ertragen. Bereits 1937 war seine Frau Elsa geb. Reiche tot aufgefunden worden. Nachdem er 1939 sein Gewerbe verlor und unter anderem genötigt wurde mehrmals umzuziehen, nahm er sich - wenige Monate vor Hermann Löwenstein - am 17. September 1941 - das Leben. Für ihn und seine Frau liegen Stolpersteine vor der Bayreuther Straße 42 in Schöneberg.
(https://www.stolpersteine-berlin.de...)

Herman Löwensteins Bruder Ernst überlebte den Krieg, das Schicksal von Anton und Toni, später verheiratete Hirsch, bleibt ungeklärt. Sie sind in keinem Gedenkbuch aufgeführt, sodass man hoffen kann, dass sie den NS-Schergen entkommen konnten.


Biografische Zusammenstellung

Recherchen/Text: Micaela Haas