Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Sali Max Fraenkel

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
VERLEGEORT
Markgraf-Albrecht-Str. 5

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Halensee
VERLEGEDATUM
08.05.2012

GEBOREN
21.02.1878 in Zülz (Oberschlesien) / Biała Prudnicka
BERUF
Bankvorsteher
DEPORTATION
am 14.07.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Sali Max Fraenkel, geboren am 21. Februar 1878 in Zülz/Oberschlesien (heute: Biała Prudnicka/Polen) hatte sich einen gepflegten Ruhestand gewünscht, musste aber in den letzten Jahren seines Lebens mehrmals in Charlottenburg umziehen, bevor er am 13. Juli 1942 abgeholt wurde. Vor 1939 hatte er in der Wielandstraße 5 gewohnt. Zum Stichtag der Volkszählung am 17. Mai 1939 war er in der Markgraf-Albrecht-Straße 5 gemeldet, wo er nicht lange bleiben durfte. Am 1. Februar 1941 musste er als Untermieter in der Droysenstraße 5 unterschlüpfen. Doch am 14. Juli 1942 ist Fraenkel – wie acht der 13 jüdischen Bewohner dieses Hauses – nach Theresienstadt deportiert worden. Am 6. Oktober 1942 wurde auch diese Wohnung geräumt.

Den noch vorhandenen Akten ist zu entnehmen, dass er im ersten Stock rechts „bei Jacobsohn“ zwei Zimmer bewohnte, für die er nach eigenen Angaben 95 Reichsmark bezahlte. Ob Jenny, Selma oder Ludwig Leo Jacobson seine letzten Vermieter waren, ist schwer herauszufinden, zumal sie sich anders schrieben. Ebenso gibt es keinerlei Hinweise, ob Sali Fraenkel verheiratet gewesen war. Ungewiss ist auch, ob Stefan Fraenkel, der von ihm mit der Adresse Des Moines, 3323 Ingerson Ave., USA auf einem Fragebogen eingetragen wurde, sein Sohn war.

Sali Fraenkel, der seinen Vornamen selbst Salli schrieb, gab als Beruf Bankvorsteher an. Genauer gesagt, war er Depositenkassen-Vorsteher bei der Deutschen Bank gewesen und schon in Pension gegangen oder geschickt worden. Jedenfalls war er ein vermögender Mann, der den Lebensabend hätte genießen können.

Eine 16 Seiten umfassende Vermögenserklärung gab er am 19. Juni 1942 ab. Auf seinem Konto bei der Deutschen Bank hatte er demnach 2200 Reichsmark, im Depot lagerten Reichsschatzanweisungen und Aktien, die er für 38 000 RM erworben hatte. Allerdings hatte er sich mit einigen russischen Papieren wohl verspekuliert, denn er bemerkte: „Russenanleihen wertlos“. Fraenkel bezog eine laufende Pension von 2000 RM im Jahr von der Deutschen Bank und hatte einen weiteren Pensionsanspruch bei der David Hansemann’schen Pensionskasse. Es sei jedoch „zweifelhaft“, ob sie ihm zugute komme, „da die Pension freiwillig und widerruflich gewährt worden ist“, bemerkte er dazu. Schließlich stand ihm noch eine Leistung des Beamtenversicherungsvereins des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes zu.

Sein Gesamtvermögen bezifferte Fraenkel, der mit Geld umzugehen verstand, auf 18 500 Reichsmark. Da er sich vermutlich bei jedem seiner unfreiwilligen Umzüge mehr einschränken musste, besaß er nur noch wenige Möbel, aber Bücher „ungezählt“, wie er ins Inventarverzeichnis schrieb. Alles, was er besaß, wurde amtlich auf 395 RM taxiert und für 276,50 RM an den Händler Wilhelm Hahn, Gatschkestraße 17, verscherbelt. „Ein complettes Schlafzimmer Mahagoni“ hatte Fraenkel irgendwann vorher in der Nürnberger Straße untergestellt. Als dort nach dem Verbleib gefahndet wurde, kam die schriftliche Antwort, das Schlafzimmer sei von einem Herrn Jakobowitz mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt und verkauft worden. „Mit Deutschem Gruß! Ernst Groß“. Ein Jakobowitz war aber nicht mehr aufzufinden, und so stellten die Nazi-Behörden die Suche nach dem verschwundenen Schlafzimmer eines Tages ein.

Alle anderen Vermögenswerte wurden nach der Deportation Fraenkels vom NS-Staat eingezogen, die Guthaben wurden 1943 an die Oberfinanzkasse überwiesen. Die Geheime Staatspolizei, die diesen Raub beaufsichtigte, protokollierte am 13. Oktober 1943: „Der Jude Sally Fraenkel ist am 14.7.42 nach dem Osten außerhalb der Reichsgrenze evakuiert worden. Sein Vermögen ist mit dem gleichen Tage dem Reich verfallen.“ Am 30. September 1942 hatte sein früherer Arbeitgeber, die Deutsche Bank, der obersten Finanzbehörde in dürren Worten mitgeteilt, Fraenkel sei „evakuiert – unbekannt, ob ins Ausland“. Jedenfalls sei ein Pensionsanspruch von 3644,32 RM zum 31. Juli 1942 „widerrufen, wozu wir berechtigt waren. Der Anspruch ist infolgedessen erloschen.“ Noch unglaublicher ist ein in den Aktenbeständen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam aufzufindender Brief der Sterbekasse für die Gefolgschaftsmitglieder der Deutschen Bank: „Nach § 20 unserer Satzung steht dem genannten, der sich im Ausland aufhalten soll, ein Beitragsanteil von RM 74,55 zu. Wir beantragen daher eine Abforderung des vorstehenden Betrags. Heil Hitler!“ – darunter der Stempel der Sterbekasse.

Nach fast zwei Jahren im völlig überfüllten Ghetto Theresienstadt ist der einst geachtete Berliner Bankkaufmann Max Sali Fraenkel entrechtet und ausgeraubt am 16. Mai 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz weiterverschleppt und dort ums Leben gebracht worden.


Biografische Zusammenstellung

Helmut Lölhöffel - Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf