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Julie Bernstein

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
VERLEGEORT
Pestalozzistr. 14

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
26.04.2012

GEBOREN
01.11.1882 in Posen / Poznań
DEPORTATION
am 24.09.1942 nach Raasiku (b. Reval)
ERMORDET

Julie Bernstein wurde am 01. November 1882 in Posen (Poznan) geboren. Leider wissen wir kaum etwas über ihr Elternhaus, ihre Kindheit, ihre Jugend. Auch nicht, wann sie nach Berlin kam. Es ist lediglich bekannt, dass sie einen Bruder hatte, der 1939 nach Shanghai emigrierte. Julie Bernstein heiratete nicht. Das Adressbuch Berlin kennt nur eine Julie Bernstein zwischen 1924 und 1931, als „Privatiere“ oder „Rentiere“ bezeichnet, d.h., von ihrem Vermögen lebend, und in der Blücherstraße 13 wohnhaft. Wenn Julie Bernstein sich bis Anfang der 1930er Jahre eine eigene Wohnung leisten konnte, so muss sie anschließend entweder zu Verwandten oder in Untermiete gezogen sein. Die mit Beginn der nationalsozialistischen Machtausübung zunehmende Erschwerung der Lebensumstände von Juden haben sicherlich auch Julie Bernsteins Möglichkeiten eingeschränkt. Juden wurden nach und nach aus dem öffentlichen Leben gedrängt und verloren auch die Verfügung über ihr Vermögen. Julie Bernstein arbeitete, ob freiwillig oder durch die Umstände gezwungen, als Stenotypistin für die Jüdische Gemeinde. Es ist nicht klar, ab wann sie dort tätig war, jedenfalls lang genug, um ab 1. April 1941 Anspruch auf Ruhegeld zu haben. Im Mai 1939, zum Zeitpunkt der Volkszählung, bei der Juden in gesonderten „Ergänzungskarten“ erfasst wurden, lebte Julie Bernstein in der Pestalozzistraße 14 als Untermieterin der gleichaltrigen Jenny Basch, die wie sie aus Posen gebürtig war.

Da die Wohnhäuser in der Pestalozzistraße seit 1930 der jüdischen Gemeinde gehörten, ist denkbar, dass Julie Bernstein kraft ihrer Tätigkeit für die Gemeinde – ihr Arbeitsplatz lag in der Rosenstraße 2/4 – in der Pestalozzistraße eine Unterkunft fand. Wir wissen aber nicht, wie lange vor der Volkszählung von 1939 sie schon dort wohnte, da das Adressbuch sie nicht mehr aufführt. Im September 1941 wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet und Anfang Juli 1942, nachdem Jenny Basch im Juni deportiert worden war, auch genötigt, aus der Wohnung auszuziehen. Ihr wurde ein Zimmer bei Rosa Cohn in der Kaiser-Friedrich-Straße 70 zugewiesen. Gut zwei Monate später, am 18. September, musste sie die „Vermögenserklärung“ ausfüllen, ein Vorbote der Deportation. In der von ihr verlangten detaillierten Aufzählung ihrer Habe findet sich nur noch ein schwacher Glanz ihres einstigen Vermögens wieder: 1 Seidenkleid, 7 paar Strümpfe, 6 paar Handschuhe, 2 Schirme, 3 Handtaschen hatte sie in die Kaiser-Friedrich-Straße mitnehmen können. Nun wurden auch die beschlagnahmt und Julie Bernstein in die zur Sammelstelle umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße verschleppt. Ihre Vermieterin Rosa Cohn war nach ihren Angaben schon vorher „ausgewandert“, ein Euphemismus für die Deportation. Am 26. September 1942 wurde Julie Bernstein mit 811 weiteren Opfern in einen Zug gepfercht, der schon zwei Tage zuvor in Frankfurt am Main mit 237 Juden gestartet war. Sie wurden nach Raasiku in Estland deportiert, wo mehrere Zwangsarbeitslager zur Ölschiefergewinnung bestanden. Allerdings wurden von den über 1000 Deportierten dieses Zuges nur etwa 200 zur Arbeit „selektiert“, die anderen wurden in Bussen nach Kalevi-Liiva, ein Waldgebiet bei dem nahe gelegenen Dorf Jägala, gefahren, wo sie nach Ankunft von estnischen Polizisten unter Aufsicht deutscher Sicherheitspolizei erschossen wurden. Die 59jährige Julie Bernstein gehörte höchstwahrscheinlich zu den sofort ermordeten. Von den zur Zwangsarbeit Bestimmten überlebten nur 7 Frankfurter und 19 Berliner.

Julie Bernsteins Vermieterin Rosa Cohn, in Aachen am 25. Oktober 1882 geboren, war bereits am 5. September 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet worden.


Biografische Zusammenstellung

Micaela Haas

Weitere Quellen

Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Gottwaldt/Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Wiesbaden 2005