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Dr. Elisabeth Aschenheim

Foto: C. Timper
VERLEGEORT
Sächsische Str. 44

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
12.05.2006

GEBOREN
13.07.1871 in Elbing (Westpreußen) / Elbląg
FLUCHT IN DEN TOD
07.01.1943

Elisabeth Aschenheim wurde am 13. Juli 1871 im westpreußischen Elbing (dem heutigen Elbląg), gelegen am Südwestrand der Elbinger Höhe rund 55 Kilometer südöstlich von Danzig (Gdańsk), geboren. Sie war die Tochter des Fabrikbesitzers Eduard Aschenheim. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Elisabeth haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob sie im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Ihr Vater gehörte aber aller Wahrscheinlichkeit der Jüdischen Gemeinde Elbings an. Nach ihrem Abitur 1908 am Sophien-Realgymnasium in Berlin war Elisabeth Aschenheim zunächst Gasthörerin an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (der heutigen HU Berlin) und begann hier anschließend als immatrikulierte Studentin ein Medizinstudium. Am 3. August 1914 legte sie ihr Staatsexamen ab und erhielt ihre Approbation am 27. Oktober 1914. Seit dem 7. August 1914 war sie Hilfsärztin in der chirurgischen Abteilung des städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhauses am Augustenburger Platz im Wedding und promovierte 1916 in Berlin mit einer Arbeit zu Polypen in der Darmschleimhaut mit dem Titel: „Über Polyposis intestinalis“. In den Jahren 1916 und 1917 war sie als Assistentin an der Kinderheilanstalt in Stettin beschäftigt. Nach dem Krieg ließ sich Elisabeth Aschenheim als Kinderärztin in Berlin nieder. 1919 veröffentlichte sie einen Artikel zu ihrer Arbeit am Waisenhaus und Kinderasyl der Stadt Berlin mit dem Titel „Der Wasserversuch bei Säuglingen“ und publizierte 1930 einen Artikel „Zur Kenntnis des alimentären Fiebers. Ueber das Eiweißfieber“ in der Zeitschrift für Kinderheilkunde. Elisabeth Aschenheim engagierte sich als Ärztin nicht nur in der Behandlung ihrer Patienten und Patientinnen sowie in der Forschung, sondern auch in Berufsverbänden: So war sie seit 1919 Mitglied des Vereins für Innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin und war in der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) und im Bund deutscher Ärztinnen (BdÄ) organsiert. Seit 1914 lebte sie in einer Wohnung in der Brückenallee 8 (der heutigen Bartiningallee) im Hansaviertel. Ab 1931 war Elisabeth Aschenheim leitende Ärztin der Säuglings- und Kleinkinderfürsorgestelle in Berlin-Britz. Leider haben sich keine weiteren Zeugnisse erhalten, die einen Einblick in das Leben von Elisabeth Aschenheim im Berlin der ausgehenden Kaiserzeit und der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Elisabeth Aschenheim und ihre Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Abgesehen von Boykottmaßnahmen, behördlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen wurde die Schlinge für jüdische Ärzte durch eine Flut von Verordnungen und Gesetze schrittweise enger gezogen: So wurden mit insgesamt sieben Verordnungen von 1933 bis 1937 „nichtarischen“ Ärzten nach und nach die Kassenzulassungen entzogen; mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 waren sie vom öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen, mit der Verordnung vom 20. November 1933 durften sie keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen; ab dem Jahr 1936 durften sie nicht mehr mit „deutschstämmigen“ Ärzten zusammenarbeiten. Der Kinderärztin Elisabeth Aschenheim wurde die Kassenzulassung bereits 1933 entzogen. Im April 1933 wurde sie aus dem städtischen Gesundheitswesen Berlins entlassen und verlor damit ihre leitende Stelle in der Säuglings- und Kleinkinderfürsorgestelle Neukölln. Im Juli 1933 musste sie aus der DGfK austreten und wurde zwei Jahre später aus dem Mitgliederverzeichnis gestrichen, im August 1933 trat sie auch aus der BdÄ aus. Im selben Jahr räumte sie ihre Wohnung in der Brückenallee, in der sie 19 Jahre lang gelebt hatte, zog in die Barbarossastraße 23 und im Jahr 1937 zuerst in die Von-der-Heydt-Straße 1 und dann in die Sächsische Straße 24 in Wilmersdorf. Am 30. September 1938 wurde ihr wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen mit der „vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. 1939 zog die Ärztin schließlich in die Sächsische Straße 44. Das Leben in Berlin war für Elisabeth Aschenheim spätestens Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre zum reinen Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnte sie sich nach der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Demütigung und Entrechtung sollte die Deportation folgen: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo der Jüdischen Gemeinde Berlin mit, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Elisabeth Aschenheim erhielt den Deportationsbescheid Im Winter 1942/1943. Unmittelbar bevor sie abgeholt wurde, um ihre Deportation einzuleiten, flüchtete sie sich am 7. Januar 1943 in den Tod. Aus Angaben von Familienangehörigen lässt sich der Hergang rekonstruieren: Im Bad hatte sie, weil sie ihre Situation jederzeit beherrschen wollte, eine Giftkapsel aufbewahrt. Der Haushälterin hatte sie aufgetragen, sie zu warnen, wenn die Geheime Staatspolizei käme. Als die Gestapo am 7. Januar 1943 erschien, um sie zur Deportation abzuholen, nahm sie sich das Leben. Elisabeth Aschenheim war zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt. Die evangelisch getaufte Kinderärztin wurde auf dem Stahnsdorfer Friedhof begraben.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Eintrag zu Elisabeth Aschenheim (AEIK00273) in der Dokumentation „Ärztinnen im Kaiserreich“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Online unter: https://geschichte.charite.de/aeik/... (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Elisabeth Aschenheim (ID 18) in der der Dokumentation „Verfolgte Ärzte“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Online unter: https://geschichte.charite.de/verfo... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Elisabeth Aschenheim in der Datenbank „Jüdische Kinderärzte 1933–1945“. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Online unter: https://www.dgkj.de/die-gesellschaf... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Elisabeth Aschenheim: Der Wasserversuch bei Säuglingen. Zeitschrift für Kinderheilkunde, Bd. 24, 1/1920, S. 281–294
Elisabeth Aschenheim: Zur Kenntnis des alimentären Fiebers. I. Mitteilung. Über das Eiweißfieber. Zeitschrift für Kinderheilkunde, Bd. 49, 2/1930, S. 31–54
Eintrag zu Elisabeth Aschenheim, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 57–58