Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Julius Wenik

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Savignyplatz 4

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
07.06.2011

GEBOREN
29.03.1886 in Schirwindt / Kutusowo
BERUF
Kaufmann
DEPORTATION
am 09.12.1942 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Julius Wenik hat nur wenige Jahre in Berlin gelebt: Er stammte aus Ostpreußen und hatte dort auch sein Leben verbracht. Auf die Welt gekommen war er am 29. März 1886 in Schirwindt an der Grenze zu Litauen (heute Kutusowo/Russische Föderation). Schirwindt, einst der östlichste Ort des Deutschen Reiches, existiert nicht mehr. Im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut, verbirgt sich hinter dem Namen heute eine militärische Anlage.
Die Einwohner der Grenzstadt mussten damals nur über eine Brücke gehen und schon waren sie im litauischen Kudirkos Naumiestis (deutsch: Neustadt). – Handel und Schmuggel blühten. Evangelische Christen waren in der kleinen Stadt in der Mehrzahl, aber es gab auch eine jüdische Gemeinde mit einer eigenen Synagoge. Die Mitglieder der großen Familie Wenik lebten als Kaufleute in Schirwindt, sie handelten mit Textilien und Kolonialwaren. (Dem Namen nach könnten die Eltern (oder Großeltern) zu den „Litvaks“ gehört haben, den aus Litauen in die Grenzregion an der Memel eingewanderten Juden.) Ein Teil der Familie blieb bis in die NS-Diktatur hinein in Schirwindt, andere zogen nach Königsberg oder ins nahe Tilsit an der Memel, wo auch Julius Wenik lebte.
Ende Mai 1919 eröffnete er gemeinsam mit Wilhelm Leiner die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft mit eigener Maßschneiderei, das auch Uniformen führte. Das Geschäft lag in der Deutschen Straße, der ältesten und breitesten Straße von Tilsit, in der sich auch das Rathaus befand. Am 26. August 1919 heiratete Julius Wenik die am 27. Dezember 1892 in dem Dorf Pfaffendorf/Kreis Ortelsburg (heute Popowa Wola/Polen) geborene Ida Zelasnitzki. Die Hochzeit fand – wie es in jüdischen Familien üblich war – im Wohnort der Brauteltern statt, in Rauschken (Kreis Osterode). Beide Dörfer lagen südöstlich von Allenstein (heute Olsztyn/Polen) im Ermland – auch dies eine Grenzregion und eine schöne, aber auch arme Gegend.
Die Eltern seiner Ehefrau kamen „vom Dorf“ und waren aus Polen bzw. dem Russischen Reich nach Ostpreußen gekommen: Ihr 1868 geborener Vater Sally Zelasnitzki war in Kalascewo auf die Welt gekommen, ihre 1866 geborene Mutter Martha, geb. Dantowitz, in Bakalarzewo, einem Dorf nördlich von Bialystok. In Ostpreußen lebten sie viele Jahre wiederum auf dem Dorf. Nach der Erinnerung eines Nachfahren des evangelischen Pfarrers von Rauschken war ein Zelasnitzki dort Gastwirt. Ida Zelasnitzki hatte mindestens vier jüngere Brüder: 1894 wurde Leo, 1898 Hermann, 1902 Lutz und 1903 Max geboren. Ihre Eltern und die beiden Brüder Leo und Hermann zogen später nach Allenstein, wo sie es als Holzhändler zu relativem Wohlstand brachten. Die Eltern starben in Allenstein. Idas Brüder Leo, Hermann, Lutz und Max konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Julius und Ida Wenik blieben in Tilsit und bekamen in den folgenden Jahren drei Kinder: Am 25. April 1921 wurde Siegbert geboren, am 21. Mai 1923 kamen Hanna Renate und am 25. April 1928 Lieselotte auf die Welt. Mitte der 1920er-Jahre wohnte die Familie in der Fabrikstraße 52/53. Später ist Julius Wenik im Adressbuch von Tilsit als Hausbesitzer in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am Schlossteich der Stadt, eingetragen. Dort sollte die Familie in den folgenden Jahren leben.
1934 verließ Julius Wenik die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und ein Jahr später Alleininhaber der Firma Wenik & Alterthum, ebenfalls ein Textileinzelhandel, der bis dahin dem ebenfalls jüdischen Kaufmann Felix Alterthum gehört hatte. Das Geschäft lag im Zentrum der Stadt Tilsit, in der Hohen Straße 14, einer eleganten „Flaniermeile“. (Auch der ehemalige Kompagnon Felix Alterthum überlebte die NS-Diktatur nicht: Am 17. März 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert, von dort nach Auschwitz, und schließlich in das KZ Dachau wo er am 17. Januar 1945 umgekommen ist.)
Am 30. Mai 1938 wurde Julius Weniks Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“. Im November 1938 wurden auch in Tilsit die 1841/42 errichtete Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Nach den Unterlagen des Handelsregisters besaß Julius Wernik bereits nichts mehr. Allein im Adressbuch für das Jahr 1939 ist er noch als Hausbesitzer, sein Sohn Siegbert als „Seifensieder“ in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27 notiert. Im Frühjahr 1939 mussten viele der Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen, und auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus, sondern in der Deutschen Straße 59.
Mitte/Ende 1939 verließen die Eltern Wernik mit ihren Kindern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog Julius Wernik mit Ehefrau und Kindern nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert. Die Familie Wenik zog wieder um und fand eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg.
Julius Wenik musste als Lagerarbeiter Zwangsarbeit leisten, Sohn Siegbert war wohl zuerst auf einer „Chemieschule“, dann aber als Zwangsarbeiter bei der Elektrofirma Ehrich & Graetz in Berlin-Treptow. Lieselotte, das jüngste Kind, ging noch bis Ende März 1942 zur Schule. Was tat Hanna Renate? Bei Martha Treitel können die Weniks nur kurze Zeit gewohnt haben: Am 11. Juni 1942 wurden Mutter und Tochter Treitel nach Theresienstadt deportiert. Wer war nun Hauptmieter der Wohnung?

Am 28. Juli 1942 starb Ida Wenik in der Wohnung am Savignyplatz. Sie hatte an Asthma gelitten. Ihr Grab ist auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Wenige Wochen nach dem Tod der Ehefrau und Mutter begann die Deportation der Familienmitglieder: Siegbert Wenik wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort sofort ermordet. Julius Wenik und die Tochter Hanna Renate wurden am 9. Dezember 1942 gemeinsam nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die Deportation seines jüngsten Kindes musste Julius Wenik nicht mehr erleben. Lieselotte wohnte noch immer in derselben Wohnung am Savignyplatz 4, nun bei der Familie Gumpel, die Ende Januar 1943 deportiert wurde. Am 12. März 1943 wurde Lieselotte Wenik nach Auschwitz verschleppt. Auch sie kehrte nicht zurück.
Für Martha Treitel, die in Theresienstadt umgekommen war, und für Erna Jacobi (1891–1941 Suizid), die ehemalige Mitbesitzerin des Hauses, wurden am 11. Dezember 2007 Stolpersteine verlegt. Tochter Margarethe Treitel hatte Theresienstadt überlebt und starb 1969 in Berlin. Die Nachfahren der Ehefrau von Julius Wenik, die sich alle „Zelas“ genannt haben und nennen, kamen 2011 zur Verlegung der Stolpersteine nach Berlin. Ihre Heimat ist heute in Neuseeland, Australien, den USA und Israel.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25;
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939;
Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934;
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003;
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf;
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895;
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit;
https://www.geni.com/people/;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.statistik-des-holocaust...
https://www.juedische-gemeinden.de/;
https://docplayer.org/36995336-Zeit...
https://archiv.preussische-allgemei...
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer.