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Paula Lindberg-Salomon (geb. Lindberg)

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
VERLEGEORT
Wielandstr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
21.04.2012

GEBOREN
21.12.1897 in Frankenthal bei Mannheim
DEPORTATION
im Mai 1943 nach Westerbork
ÜBERLEBT

Paula Lindberg wurde am 21. Dezember 1897 in Frankenthal bei Mannheim als einzige Tochter des Rabbiners Lazarus Levi und seiner Frau Sophie, geb. Meyer geboren. Auf Wunsch des Vaters studierte sie unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges zunächst Mathematik für das Lehrfach in Heidelberg. Erst nach seinem Tod wechselte sie an die Musikhochschule in Mannheim und erhielt Unterricht bei dem Gesangspädagogen August Perron. Auf Empfehlung von Wilhelm Furtwängler ging sie 1926 zum Studium bei Julius von Raatz-Brockman an die Musikhochschule in Berlin.

Um ihr Leben zu finanzieren, arbeitete sie als Kindermädchen bei dem Architekten Erich Mendelsohn und seiner musikbegeisterten Frau Luise, die häufig Hauskonzerte mit zeitgenössischen Kompositionen veranstalteten. So trat neben ihre große Liebe zur Musik Johann Sebastian Bachs die Begeisterung für die musikalische Moderne, die Ernst Toch und Paul Hindemith an der Berliner Musikhochschule repräsentierten. Den größten Einfluss auf ihre Ausbildung hatte Siegfried Ochs, der Gründer und Leiter des Philharmonischen Chores und Lehrer für Oratoriengesang an der Berliner Hochschule. Unter ihm sang sie 1926 in der Berliner Philharmonie erstmals die Alt-Partie in Bachs „Matthäus-Passion“.

Siegfried Ochs riet der jungen Sängerin, ihren Namen in Paula Lindberg zu ändern, um sich vor antisemitischen Anfeindungen zu schützen. 1930 heiratete sie den verwitweten Berliner Chirurgen Albert Salomon und zog zu ihm und seiner Tochter Charlotte in die Wielandstraße 15 in Berlin-Charlottenburg, die rasch zu einem beliebten Treffpunkt des Berliner Kulturlebens wurde.

Zwischen 1930 und 1933 sang Paula Salomon-Lindberg häufig die Alt-Partie bei der Aufführung sämtlicher Bach-Kantaten in der Thomanerkirche in Leipzig. Im März 1933 durfte sie dort zum letzten Mal öffentlich auftreten. Durch ihre Freundschaft mit Kurt Singer, der 1933 mit Genehmigung der Nationalsozialisten den „Kulturbund deutscher Juden“ gründete, war dieser auch für sie das einzige Podium, das ihr noch offenstand. Vor einem ausschließlich jüdischen Publikum durften dort jedoch nur Werke jüdischer Künstler aufgeführt werden. Neben ihren Konzertverpflichtungen unterrichtete Paula Salomon-Lindberg ab 1936 an der „Jüdischen Privaten Musikschule Hollaender“ in der Sybelstraße in Berlin-Charlottenburg.

Erst nach der Haft Albert Salomons im November 1938 in Sachsenhausen entschloss sich die Familie zur Emigration. Charlotte fuhr im Januar 1939 zu den bereits emigrierten Großeltern Grunwald nach Villefranche in Südfrankreich. Am Tag eines bereits angekündigten Abschiedskonzerts in Berlin flohen Albert und Paula Salomon mit falschen Papieren nach Amsterdam. Die geplante gemeinsame Emigration mit Charlotte in die USA scheiterte am Vormarsch deutscher Truppen auf dem europäischen Kontinent. Ihre Tochter sollten sie nie wiedersehen. Paula Salomon-Lindberg wurde zusammen mit ihrem Mann 1943 in Amsterdam verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork deportiert. Von dort gelang ihnen unter dem Vorwand, medizinische Geräte aus Amsterdam zu besorgen, die Flucht. Bis zur Befreiung überlebten sie in einem Versteck in Südholland.

Bei der Rückkehr nach Amsterdam erfuhren sie von Charlottes Tod in Auschwitz. 1947 reisten sie nach Villefranche und brachten das dort gerettete Werk „Leben? Oder Theater?“ von Charlotte Salomon nach Amsterdam. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für die Salomons nicht infrage. 1950 nahmen sie die holländische Staatsbürgerschaft an. Paula Salomon-Lindberg unterrichtete am Musiklyzeum in Amsterdam und gab private Gesangsstunden. Ab 1950 lehrte sie im Rahmen der Sommerkurse am Mozarteum in Salzburg. Ihr Spezialgebiet war die Sprecherziehung für Sänger und die deutliche Artikulation im Gesang. Die Lehrtätigkeit in Salzburg betrachtete sie als ihre „Wiedergutmachung“.

1986 kam sie zur Eröffnung einer Ausstellung von „Leben? Oder Theater?“ zum ersten Mal wieder nach Berlin. 1989 richtete die Hochschule der Künste Berlin einen internationalen „Paula Lindberg-Salomon-Wettbewerb“ für Liedgesang ein, der seither alle zwei Jahre durchgeführt wird. Bis zu ihrem Tod nahm Paula Salomon-Lindberg daran aktiv Anteil und war viele Jahre Mitglied der Jury. 1992 erschien ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Mein C’est-la-vie-Leben in einer bewegten Zeit. Der Lebensweg der jüdischen Künstlerin Paula Salomon Lindberg“ in Berlin. 1995 folgte der einstündige Dokumentarfilm „Paula Paulinka“ von Christine Fischer-Defoy, Daniela Schmidt und Caroline Goldie. Paula Salomon-Lindberg starb am 17. April 2000 im Alter von 102 Jahren in Amsterdam. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hoofddorp bei Amsterdam.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Christine Fischer-Defoy - Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.v.