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Luise Kautsky

Luise Kautsky © IISG Amsterdam (Aus: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert Hamburg, 1993)
Stolperstein für Luise Kautsky © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Windscheidstr. 31

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
April 2009

GEBOREN
11.08.1864 in Wien
DEPORTATION
im August 1944 nach Auschwitz
TOT
18.01.1945 in Auschwitz

Sie war in einem sehr ramponierten Zustande, Aufregung, Transport, und der nur wenige Tage währende Aufenthalt im Lager in einem überfüllten Block [...] waren für die Achtzigjährige eine zu starke Belastung. [...] Wir konnten zwar den Strohsack durch nichts besseres ersetzen, aber es wurden zahlreiche Decken [...] für sie organisiert, dazu ein kleines Kopfkissen. [...] Schwierig war die Essensfrage. Frau Kautsky bekam Diät, d.h. 1/2 Liter Grieß- oder Haferflockensuppe und ein Drittel Weißbrot mit dreimal wöchentlich 20 g Marmelade. [...] So glücklich sie auf der einen Seite war, mit dem Sohn in Buna [...] in Verbindung zu kommen, so tief bedrückte es sie um seinetwillen, dass er sie in Auschwitz wissen musste. [...] Am 28. Oktober 1944 wurde der Krankenbau [...] verlegt. Die damit verbundenen Unruhen haben Luise Kautsky den letzten Schock beigebracht.

Dr. Marie Adelsberger, Ärztin im Krankenbau in Birkenau, 1946

Luise Ronsperger, Tochter eines jüdischen Konditors in Wien, arbeitete bis zum Tode ihres Vaters in der elterlichen Konditorei. Sie wurde Sozialistin und wandte sich vom Judentum ab. 1890 heiratete sie Karl Kautsky, den bekannten Theoretiker des Sozialismus, und zog mit ihm nach Stuttgart. Dort wurden ihre drei Söhne geboren. 1897 zogen sie nach Berlin. Während ihr Mann Redakteur der sozialdemokratischen Zeitschrift Neue Zeit war, übersetzte sie sozialistische Schriften aus dem Englischen, Französischen und Russischen. Besonders eng war ihre Freundschaft mit Rosa Luxemburg. Allerdings war sie mit deren Befürwortung der Räteherrschaft nicht einverstanden. 1917 trat sie in die USPD ein, setzte aber auf eine Verständigung mit der SPD und eine verfassungsgebende Nationalversammlung. Diese „muß und wird mit vielem aufräumen, was jetzt in erster Hast geschah und getan wurde“, schrieb sie am 18. November 1918. Nach dem Mord an Rosa Luxemburg gab sie deren Briefe aus dem Gefängnis und die an sie selbst und an Karl Kautsky gerichteten Schreiben heraus und stellte ein Gedenkbuch zusammen. Sie sammelte auch die Briefe Rosa Luxemburgs an andere Adressaten. 1924 zog die Familie Kautsky wieder nach Wien. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 flohen die Kautskys nach Prag und weiter nach Amsterdam, wo Karl Kautsky im Oktober starb. Ihr ältester Sohn Felix emigrierte 1938 in die USA. Karl, der zweitälteste, war sechs Monate in Haft und konnte dann über Schweden ebenfalls in die USA gelangen. Luise Kautsky blieb mit der Frau und den Kindern ihres jüngsten Sohnes Benedikt in Amsterdam. Benedikt Kautsky war im Mai 1938 aus Wien ins KZ Dachau gekommen. Weil sie den Kontakt mit ihm halten wollte, blieb sie auch nach der Besetzung der Niederlande durch das Großdeutsche Reich 1940 in Amsterdam. Im August 1944 wurde sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie bald darauf starb. Benedikt Kautsky, der zu dieser Zeit Häftling in einem Außenlager von Auschwitz war, überlebte und kehrte nach Wien zurück. Er veröffentlichte 1950 die von seiner Mutter gesammelten Briefe Rosa Luxemburgs an ihre Freunde. Im Bezirk Wilmersdorf-Charlottenburg ist ein S-Bahn-Bogen zwischen Kantstraße und Fasanenstraße nach Luise Kautsky benannt. Die BVV Charlottenburg beschloss im September 1999, am Haus Wielandstraße 26 eine Gedenktafel für sie anzubringen.

Luise Kautsky war Stadtverordnete 1920–1921; Stadtwahlvorschlag (USPD)


Biografische Zusammenstellung

Verein Aktives Museum e. V.