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Dr. Reinhold Strassmann

Stolperstein für Reinhold Strassmann Fotorechte: Projekt Stolpersteine Teltow-Zehlendorf
Reinhold Strassmann 1916 im 1. Weltkrieg, zu dem er sich freiwillig gemeldet hat. Fotorechte: Privatbesitz.
Dr. Richard Lewy-Lingen, die Haushälterin Frau Esch, Marie Lewy-Lingen, Dr. Reinhold Strassmann ca 1940/41. Fotorechte: Privatbesitz.
Letztes Foto von Dr. Reinhold Strassmann, 46 Jahre alt. Fotorechte: Privatbesitz.
Reinhold Strassmann
VERLEGEORT
Ahrenshooper Zeile 35

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Zehlendorf
VERLEGEDATUM
23.10.2011

GEBOREN
24.01.1893 in Berlin
DEPORTATION
am 09.02.1944 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 23.10.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
25.10.1944 in Auschwitz

Reinhold Strassmann wurde am 24. Januar 1893 als dritter Sohn von Prof. Dr. Dr. Fritz Strassmann und seiner Frau Rose, geb. Borchardt, geboren und 1897 evangelisch getauft. Fritz Strassmann gilt noch heute als der Vater der Rechtsmedizin in Deutschland und als der bedeutendste Gerichtsmediziner seiner Zeit. Reinhold promovierte 1923 mit Auszeichnung in Mathematik, obwohl er im Ersten Weltkrieg nicht nur durch Granatsplitter schwer verletzt wurde, sondern aus glühendem Patriotismus danach erneut für sein Vaterland kämpfte und dann sein Leben lang mit schweren gesundheitlichen Folgen zu kämpfen hatte.

Schon beim ersten Lazarettaufenthalt hatte er sich aus tiefstem Herzen in eine Krankenschwester verliebt, die aber zögerte. Als er sie bei einer erneuten Einlieferung wieder traf, war sie bereit, ihn zu heiraten. Im siebten Ehejahr allerdings trennten sich ihre Wege, jedoch ohne dass sie sich scheiden ließen. Reinhold zog zurück zu seinen Eltern, zumal er immer wieder zu Sanatoriumsaufenthalten in die Schweiz musste, da er kriegsfolgenbedingt eine TBC entwickelt hatte.

1936 verlor er infolge der Nürnberger Gesetze seinen Beruf bei der Allianz als statistischer Versicherungsmathematiker, kümmerte sich rührend um alle Belange des durch einen Schlaganfall gelähmten Vaters und lebte nun mit von dessen Pension in Schlachtensee, in der Ahrenshooperzeile 35. Den Antrag auf Ausreise mochte er zu Lebzeiten des Vaters aus Liebe zu ihm und aus Pflichtbewusstsein nicht stellen. Aber er bereitete sich intensiv auf die Auswanderung vor, nachdem im Oktober 1938 sein Bruder Georg mit seiner Familie in die USA emigriert war. Reinhold nahm 1939 Verwandte mit in das Haus des Vaters auf. Da sie sich sehr gut verstanden, war ihm das eine große Hilfe. Als auch ihnen die Emigration gelang, nahm er weitere Verwandte auf, dieses Mal das Ehepaar Marie und Richard Lewy-Lingen.

Der Vater starb im Januar 1940. 1941 musste Reinhold das Haus zwangsweise verkaufen. Langfristig kamen alle drei, so wie der Großteil der verbliebenen Menschen, die nach Nazidefinition Juden waren, in das als Ghetto definierte Bayerische Viertel, wo sie zusammengepfercht in z.T. ausgebombten Unterkünften lebten, nur noch sehr beschränkt wenige Grundnahrungsmittel kaufen durften, aber schwere Bombenräumungsarbeiten ausführen mussten.

Zweimal stand Reinhold auf Deportationslisten. Obwohl seine Frau in Freiburg lebte, reiste sie vermutlich beide Male an, um als Ehefrau, die damals als „arisch“ galt, energisch dagegen zu protestieren – mit Erfolg. Reinhold hielt unter diesen unsäglichen Bedingungen mehr als zwei Jahre durch – vermutlich aufgrund seines tiefen christlichen Glaubens. Der war ihm schon all die Jahre Trost und Stärkung zugleich gewesen. Er hatte nicht nur viel in der Bibel gelesen und viele Gespräche mit Pastor Schade gehabt, der mutig die Johannesgemeinde Schlachtensee mit betreute, sondern las auch viele religiöse Bücher und wollte seinem Leben einen Sinn geben auf dem Platz, auf dem er gerade stand. Im Februar 1944 jedoch wurde er nach Theresienstadt deportiert. Trotz langem Krankenhausaufenthalt dort lebte er noch bis zur neuerlichen Deportation am 23. Oktober 1944 nach Auschwitz – nicht ohne vorher seinen Mantel und andere Winterkleidung verschenkt zu haben. Sein Bemühen, seinen Glauben bis zuletzt zu leben und aus ihm Kraft, Mitmenschlichkeit und Würde zu ziehen, scheint ihm selbst in Theresienstadt noch gelungen zu sein. Reinhold: mehr als ein stiller Held! Dazu befragte Katholiken benennen ihn als: einen Heiligen.


Biografische Zusammenstellung

Jutta Lange-Quassowski