Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Feodora Mendheim (geb. Weisshaus)

Stolperstein für die Bewohner der Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
Stolperstein zum Schicksal der Bewohner Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
VERLEGEORT
Solinger Straße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
September 2003

GEBOREN
08.11.1891 in Berlin
DEPORTATION
am 06.03.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Feodora Mendheim kam als Feodora Weishaus am 8. November 1891 in Berlin zur Welt. Ihr Geburtsname wird in späteren Quellen meist mit Weisshaus angegeben, der Name ihrer Eltern schrieb sich aber mit einfachem ‚s‘. Ihre Eltern wurden beide im östlichen Teil Galiziens geboren, der heute zur Ukraine gehört. Ihre Mutter Laura Lea, geborene Halpern, stammte aus Bolechau (Bolechiw), ihr Vater Moritz Moses aus Stanislau (Iwano-Frankiwsk). Sie wuchs mit ihrem älteren Bruder Siegfried Maximilian im Prenzlauer Berg auf, wo ihr Vater eine Fischbeinfabrik betrieb. Bis zur Obersekunda, das heißt bis zur 11. Klasse, besuchte sie das Lyzeum und machte anschließend eine Ausbildung zur Kontoristin. In diesem Beruf arbeitete sie bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1918.

Sie heiratete den 14 Jahre älteren Textilkaufmann Sally Mendheim, der gebürtig aus Kolmar (Chodzież) in Posen stammte. Er war Inhaber eines Geschäfts für Damenkonfektion in der Turmstraße 66 in Moabit, in dem auch Feodora Mendheim mitarbeitete. Ihre Wohnung befand sich nicht sehr weit entfernt in der Jagowstraße 5. Am 14. März 1920 kam ihre Tochter Doris Elisabeth zur Welt, ihr Sohn Hans Moritz am 24. Mai 1924. Die Familie zog ans Bundesratufer 12 und Anfang der 1930er Jahre in die Solinger Straße 10, Ecke Agricolastraße. Dort bezogen sie eine 7-Zimmer-Wohnung mit Dachgarten, die sich über die vierte und fünfte Etage erstreckte. Etwa zur gleichen Zeit wurde Sally Mendheim Hauptteilhaber des Engrosgeschäfts für Damenkonfektion Robert Kuesell & Co. Feodora Mendheim übernahm die kaufmännische Leitung des Betriebs, dessen Büro- und Verkaufsräume sich in der Markgrafenstraße 37 befanden. Die Geschäfte liefen sehr gut, was Familie Mendheim einen hohen Lebensstandard ermöglichte. Sie beschäftigten mehrere Hausangestellte und konnten sich regelmäßige Urlaubsreisen leisten, ihren Winterurlaub verbrachten sie in St. Moritz. Am 13. September 1937 brachte die Tochter Doris ihren Sohn Ernst Eduard zur Welt. Dessen Vater Ludwig Lesser hatte die damals erst 17-Jährige zuvor geheiratet.

Während des Novemberpogroms 1938, am Tag nach Feodora Mendheims 47. Geburtstag, wurde das Geschäft in der Turmstraße verwüstet und geplündert. Aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung war das Ehepaar Mendheim kurze Zeit später zum Verkauf des Geschäfts gezwungen. Der Käufer zahlte ihnen nur einen Bruchteil des tatsächlichen Werts. Auch die Firma Robert Kuesell & Co. wurde „arisiert“. Zwei Mietshäuser, die Sally Mendheim gehörten, mussten die Eheleute ebenfalls verkaufen. Ab diesem Zeitpunkt waren sie ohne jegliches Einkommen. Zumindest ihren Kindern sollte ein Leben in Freiheit ermöglicht werden und es gelang, die nötigen Papiere für deren Flucht nach Amerika zu besorgen. Im April 1939 reisten die gerade 19-jährige Doris und ihr knapp 15-jähriger Bruder Hans mit dem Zug nach Hamburg und bestiegen dort die S.S. Manhattan nach New York. Doris’ Sohn Ernst blieb bei den Großeltern in Berlin. In den USA besuchte Hans, der seinen Namen zu John änderte, ab September 1939 in Chicago die Highschool und studierte dort später an der Universität. Doris ließ sich in New York nieder und heiratete nach ihrer Scheidung ihren zweiten Ehemann Fred Schott, mit dem sie in den 1940er Jahren zwei Kinder bekam.

Wenige Monate nach der Flucht von Doris und Hans zog Feodora Mendheims Mutter mit in die Wohnung in der Solinger Straße. Die seit 1915 verwitwete Laura Lea Weishaus hatte zuvor in Charlottenburg bei ihrem Sohn Siegfried gewohnt, der nach Brüssel emigriert war. Durch die Flucht nach Belgien konnte sich Siegfried Weishaus nicht retten. Er war einer von mehreren tausend vor der nationalsozialistischen Verfolgung Geflüchteten, die Belgien ab Mai 1940 an Frankreich auslieferte. Das Vichy-Regime internierte ihn zunächst in Saint Cyprien. Im Oktober wurde er ins Lager Gurs deportiert, wo er am 5. Dezember 1940 starb.

Das Ehepaar Mendheim unternahm mit Unterstützung von Tochter Doris aus den USA mehrere Versuche, eine Flucht nach Süd- oder Mittelamerika vorzubereiten. Doch sämtliche Bemühungen scheiterten. Im August 1942 mussten Feodora und Sally Mendheim ihre Wohnung zugunsten des NSDAP-Mitglieds Dr. Manstein räumen. Ihnen wurde eine 2-Zimmer-Wohnung in der Tile-Wardenberg-Straße 19 zugewiesen, in die sie mit ihrem Enkel und Feodora Mendheims Mutter zogen. Ein Großteil ihrer Wohnungseinrichtung wurde beschlagnahmt. Kurze Zeit später, am 3. Oktober 1942, wurde Laura Lea Weishaus nach Theresienstadt deportiert. Sie starb am Silvestertag des gleichen Jahres, angeblich an Herzschwäche. Am 1. Februar 1943 verfügten die NS-Behörden über die Einziehung sämtlichen Vermögens des Ehepaars Mendheim. Diese hatten in den Jahren zuvor bereits Zwangsabgaben („Judenvermögensabgabe“ und „Reichsfluchtsteuer“) in Höhe von etwa 30.000 Reichsmark zahlen müssen. Am 6. März 1943 wurde Feodora Mendheim gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrem fünfjährigen Enkel nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Todesdatum wurde durch Beschluss des Amtsgerichts Tiergarten auf den 31. März 1943 festgelegt.


Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

Kauperts, Straßenführer durch Berlin