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Jenny Salzmann (geb. Posner)

Stolperstein für Jenny Salzmann. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Lehndorffstraße 29

BEZIRK/ORTSTEIL
Lichtenberg – Karlshorst
VERLEGEDATUM
14.09.2007

GEBOREN
25.10.1870 in Berlin-Karlshorst
DEPORTATION
am 13.07.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 19.09.1942 nach Treblinka
TOT
in Minsk

Jenny Posner wurde am 25. Oktober 1870 in Berlin als Tochter des jüdischen Ehepaares Elise (geb. Linde) und Gustav Posner geboren. Ihr Vater war Inhaber einer Fabrik, die in der Nähe des Alexanderplatzes Kranzschleifen und Seidenbänder herstellte und Gärtnereien in ganz Deutschland belieferte. Im April 1894 heiratete die damals 23-Jährige den Kaufmann Simon Salzmann, der aus Deutsch Eylau in Westpreußen (heute: Iława / Polen) stammte. 1896 und 1900 wurden – jeweils im März – ihre Töchter Erna und Edith geboren. Um 1904 übernahm ihr Mann zusammen mit ihren Brüdern Georg und Martin den väterlichen Betrieb. Nachdem Martin Posner im Ersten Weltkrieg in Russland verschollen war, führten Simon Salzmann und Georg Posner die Firma zu zweit weiter. Mit ihrer Familie lebte Jenny Salzmann in Berlin-Mitte, bis sie etwa 1915 nach Karlshorst zogen.
Dort kaufte Simon Salzmann im Jahr 1917 ein Haus in der Kaiser-Wilhelm-Straße 16 (seit 1934 Lehndorffstraße 29), das er seiner Frau zu Ehren „Villa Jenny“ nannte. Als die Wohnung im Obergeschoss frei wurde, zog Tochter Edith mit ihrem Mann Walter Rosenthal und der 1925 geborenen Enkelin Beate dort ein. Auch Jenny Salzmanns Mutter wohnte mit der Familie zusammen, bis sie Mitte der 1930er Jahre 91-jährig starb. Somit lebten vier Generationen unter einem Dach. Religion spielte in der Familie keine große Rolle, zum gemeinsamen Essen kam man am Sonntag, nicht am Sabbat zusammen und es wurde nicht koscher gekocht. Nur an hohen Feiertagen besuchte Jenny Salzmann mit ihrem Mann und ihrem Schwiegersohn den Gottesdienst, der in der von der Israelitischen Vereinigung angemieteten Aula des Karlshorster Gymnasiums stattfand.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten gingen die Umsätze des Familienbetriebs merklich zurück. Jenny Salzmanns Schwiegersohn Walter, der als Vertreter für die Firma tätig war, bekam von Kunden immer häufiger zu hören, dass sie Schwierigkeiten fürchteten, wenn sie bei einer jüdischen Firma bestellten. Auch in der Karlshorster Wohngegend wurde die antisemitische Hetze zunehmend spürbar. Spätestens als über der Tür des S-Bahnhofs ein Spruchband mit der Aufschrift „Der Jude lebt mit der Lüge und stirbt mit der Wahrheit“ zu lesen war, wurde Jenny Salzmanns Tochter Edith und deren Mann Walter klar, dass es für sie in Deutschland keine Zukunft geben würde. Im März 1936 bestiegen sie mit ihrer elfjährigen Tochter ein Schiff nach Palästina und ließen sich als Bauern in der damals noch jungen Ortschaft Naharija am Mittelmeer nieder. Noch im Herbst desselben Jahres besuchten Jenny und Simon Salzmann ihre Tochter dort. Entsetzt von der Wohnsituation – Familie Rosenthal lebte anfangs in einer Blechhütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand – ließen sie sich nicht zum Bleiben überreden.
Auch Jenny Salzmanns Bruder Georg Posner verließ das nationalsozialistische Deutschland. Er emigrierte 1939 mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter Ruth nach England. Sein Sohn Gustav, der Medizin studiert hatte, hat sich im Juli 1933 das Leben genommen, nachdem er seine Arbeit in der Rostocker Kinderklinik auf Druck des nationalsozialistischen Studentenbundes aufgeben musste.
Im Februar 1938 traf die Familie Salzmann ein letztes Mal zusammen, um Simon Salzmanns 75. Geburtstag zu feiern. Auch Tochter Edith kam aus diesem Anlass mit ihrer Familie aus Palästina zu Besuch. Nur wenige Wochen später wurde der Familienbetrieb verkauft – zu einem weit unter dem tatsächlichen Wert liegenden Preis. Im Jahr darauf waren die Eheleute Salzmann gezwungen, auch die Karlshorster Villa zu verkaufen. Knapp zwei Jahre wohnten sie zur Untermiete in der Wullenweberstraße 9 in Berlin-Tiergarten. Da Jenny Salzmann herzkrank und nicht mehr in der Lage war, den Haushalt zu führen, kauften sie sich Ende 1941 im Altersheim in der Iranischen Straße ein. Im Juli 1942 schrieb Simon Salzmann eine Karte, die seine Tochter Edith über das Rote Kreuz erreichte. Sie enthielt nur den einen Satz: „Wir müssen demnächst verreisen.“
Am 13. Juli 1942 wurden Jenny und Simon Salzmann nach Theresienstadt deportiert. Zwei Monate später, am 19. September 1942, wurden sie auf einem weiteren Transport nach Treblinka verschleppt und ermordet. Dem Erbschein zufolge wurde Jenny Salzmanns Todestag auf den 22. September 1942 festgelegt.
Ihre ältere Tochter Erna (verheiratete Grindel) wurde von ihrer Wohnung in der Lessingstraße 13 am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und kehrte nach der Befreiung nach Berlin zurück.


Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

Kauperts, Straßenführer durch Berlin
Museum Lichtenberg im Stadthaus | Initiative Stolpersteine Karlshorst
Thea Koberstein/Norbert Stein, Juden in Lichtenberg mit den früheren Ortsteilen in Friedrichshain, Hellersdorf und Marzahn, hg. vom Kulturbund e.V., Berlin 1995, S. 251 und 283–287