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Josua Falk Friedländer

Stolpersteine für Josua Falk und Else Friedländer © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Familienbild der Friedländers © Vad Vashem
VERLEGEORT
Siegmunds Hof 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Hansaviertel
VERLEGEDATUM
Oktober 2012

GEBOREN
13.06.1871 in Stade (Hannover)
DEPORTATION
am 03.10.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
22.10.1942 in Theresienstadt

Josua Falk Friedlaender kam am 11. Juni 1871 in Stade als Sohn von Joel Friedlaender und dessen Frau Sophie, geb. Lesser zur Welt. Joel Friedlaender wurde am 29. Juli 1831 geboren und starb am 2. August 1906 in Stade. Sophie Friedlaender wurde am 1. August 1848 in Bücken geboren und starb am 25. Mai 1895 in Stade. Josua war das älteste von insgesamt fünf Kindern. Seine vier Geschwister hießen Henriette Jaffe, Eliazer Gotthelf Friedlaender, Leah Philips und Raphael Mordechai Friedlaender. Mit Ausnahme von Leah kamen alle zwischen 1873 und 1881 in Stade zur Welt. Leahs Geburtsort war Halberstadt. Die Angaben zu Leah Phlipps sind allerdings fragwürdig, da sie im Jahr 1899 geboren sein soll und Sophie Friedlaender, die bereits 1895 verstarb, auch als ihre Mutter angegeben ist. Während Henriette bereits im Jahr 1912 in Hamburg starb, überlebten alle drei anderen die NS-Zeit. Leah starb 1957 in Greater London, Eliazer 1959 im englischen Beckenham und Raphael starb 1962. Hier ist der Ort nicht bekannt.
Im Jahr 1890 legte Josua am Gymnasium in Stade das Abitur ab und studierte zwischen 1890 und 1896 neuere Philologie und Hebräisch an den Universitäten Berlin und Göttingen und legte im selben Jahr das Staatsexamen ab. Zwischenzeitlich hatte er sich von 1892 bis 1893 ein Jahr in England aufgehalten. Dort besuchte er das Jews‘ College, dessen Direktor, Dr. Michael Friedlaender, sein Onkel war. Bei diesem lebte er auch in der Zeit. Später übersetzte er ein Buch seines Onkels, „The Jewish Religion“, ins Deutsche. Im Zuge seiner Lehrerausbildung absolvierte er sein Seminarjahr zwischen 1896 und 1897 am Realgymnasium in Goslar, sein zweites Probejahr zwischen 1897 bis 1898 am Kaiserin-Auguste-Gymnasium in Linden bei Hannover.
Josua war von Haus aus streng orthodox erzogen worden, wandte sich dann aber während seiner Studienzeit dem liberalen Judentum zu, gab aber auch die tiefe Verbundenheit mit der religiös-jüdischen Tradition nicht auf. „Man kann nicht wirklich liberal sein, wenn man nicht orthodox gewesen ist.“, pflegte er dazu zu sagen.
Josuas Frau Else wurde am 11. Mai 1875 in Posen als Tochter von Avraham Neumark und seiner Frau Henrietta (oder Henriette) geb. Neufeld geboren. Zu den Lebensdaten ihrer Eltern und dem Zeitpunkt ihrer Hochzeit mit Josua ist nichts bekannt. Else, die von Beruf Lehrerin war, pflegte aber den Kontakt zu ihrer Familie und schickte nahezu jede Woche Briefe nach Posen, wie sich ihre Tochter Sophie erinnerte. 1898 kamen die Friedlaenders nach Hamburg, wo am 7. Dezember 1900 Sohn Walter und am 16. Juni 1902 Sohn Johanan Priel, auch Hans genannt, geboren wurden.
Seit 1898 hatte Josua eine Stellung an der Talmud Tora Schule und unterrichtete hier die Fächer Französisch und Englisch. C. Z. Klötzel, einer von Josuas damaligen Schülern, veröffentlichte später seine Erinnerungen an die Schulzeit. „Fridl“, wie die Schüler ihren Lehrer nannten, benahm sich nach Klötzels Aussage im Gegensatz zu den meisten anderen Lehrern nicht unauffällig und fiel vor Allem durch seine Eleganz auf. Er soll in seiner Erscheinung und seinem Auftreten ein Aristokrat gewesen sein, der zwar den Schülern nicht übermäßig imponierte, aber als Persönlichkeit einen großen Eindruck auf sie machte. Wie Klötzel beschrieb, für ihn „war er der erste Mensch, von dem eine bewusst ästhetische Wirkung ausging. Man konnte nicht mit ruhigerer Eleganz gekleidet sein als Fridl, nicht besser nach guter Seife duften, Wäsche konnte nicht blütenweißer sein als die seine, und von den Händen lernten wir den Begriff der Maniküre kennen, noch ehe wir das Wort je gehört hatten. Dazu war er ein gutaussehender Mann mit wundervoll gepflegtem rötlichen Backenbart, einer kühnen Hakennase und feinem Teint, den man in England „Schoolgirl complexion“ nennt.
Fridl konnte nicht gut Disziplin halten; dieselben Eigenschaften, die wir im tiefsten Herzen an ihm bewunderten, reizten begreiflicherweise Jungen an der Grenze der Pubertät. Wie konnten wir auch einen Mann ungeschoren lassen, der „foin“ war (wie man „fein“ in Hamburg ausspricht), daß er nicht einmal das Wort Faulheit in den Mund nahm, sondern nur „Tadel wegen Unfleißes“ ins Klassenbuch schrieb! Dennoch, wie viel oder wie wenig Französisch wir auch bei Fridl gelernt haben mögen, seine Erscheinung allein war wie der Abglanz einer fremden, beunruhigenden und gleichzeitig anlockenden Welt, die wir rings um uns vergeblich suchten.“ Josuas Unterricht beschrieb Klötzel im Unterschied zu anderen Lehrern als „zierlich, wohlgeordnet und leise“.
Ab 1900 war Josua auch in den Hamburger Adressbüchern aufgeführt. Demnach wohnte die Familie eine lange Zeit im Grindelberg 41. Zwischen 1905 und 1906 zogen sie dann aber nochmal um, in die Bogenstraße 23.
1906 gab Josua die Stelle in Hamburg auf und ging mit seiner Familie nach Berlin. Die Friedlaenders lebten zuerst in der Eberswalder Str. 35/IV, zwischen 1917 und 1918 zogen sie um in die Schönhauser Allee 81/I und schließlich zwischen 1934 und 1935 in den Siegmunds Hof 15, wo sie bis zur Deportation lebten. Diese Wohnung im Siegmunds Hof lag im Hochparterre, verfügte über drei Zimmer, Warmwasser, Heizung und Balkon. Der Hausbesitzer E. Steiner war ebenfalls Jude. In ihrer Wohnung hatten die Friedlaenders zusätzlich noch Untermieter.
In Berlin wurde am 2. Juli 1907 der Sohn Ernst Friedlaender geboren. Geburtsort und –jahr der Tochter Sophie sind nicht bekannt. Josua versuchte auch seinen Kindern eine jüdische Identität zu geben und gestaltete zahlreiche dazugehörige Feste und Abende. Laut Sophie pflegte die Familie alle jüdischen Feste zu feiern.
Auch in Berlin war Josua im Schuldienst tätig. Er unterrichtete neuere Sprachen, Latein und jüdische Religion u. A. in der Königsstädtischen Oberrealschule. In Berlin erhielt er auch seinen Professorentitel und seinen Status als Studienrat. Sein Verhältnis zu Schülern und Kollegen soll auch hier, wie in Hamburg, freundschaftlich gewesen sein. Josua war lange Zeit der einzige Jude im Kollegium und machte seine jüdische Identität auch nach außen hin sichtbar. Lange Zeit wirkte Josua auch als stellvertretender Direktor. 1933 wurde er pensioniert.
Seine Tochter Sophie erinnerte sich später, dass ihr Vater für die damalige Zeit ein sehr fortschrittlicher Lehrer gewesen sei. Er habe naturwissenschaftliche englische Texte für andere Lehrer bearbeitet. Lange Zeit war ihr Vater für die Erarbeitung des Stundenplanes zuständig, was ihn immer große Teile der Osterferien gekostet habe. Das „Überspringen“ in der Schule lehnte er aus psychologischen Gründen ab, da dieses nur aufgrund der Lernfähigkeit passieren würde und die organische Entwicklung nicht berücksichtige. Wenn er einen Abiturienten durchfallen lassen musste, machte er sich große Sorgen. Sophie erinnerte sich auch, dass ihr Vater immer die ganze Familie zu Veranstaltungen in die Schule mitnahm, wo sie vom Direktor herzlich begrüßt wurden. Ihr Vater wurde von den Kollegen geschätzt, mit einigen war er sogar befreundet, allerdings erinnerte sie sich nicht daran, dass jemals einer bei ihnen zu Hause zu Besuch war. Der Alltag der Familie sei weitgehend schulorientiert gewesen. Außerdem habe Josua auch privat noch Nachhilfestunden gegeben.
Die beiden ältesten Söhne der Friedlaenders, Walter und Hans, gingen in Berlin auf das humanistische Sophien-Gymnasium. Der jüngste Sohn Ernst besuchte das Sophien-Realgymnasium. In den Ferien war der Familienurlaub ein nicht wegzudenkendes Erlebnis für Tochter Sophie. Obwohl die Familie an einer ganzen Reihe von Orten Urlaub gemacht hatte, stachen doch zwei Ziele besonders hervor, Waren an der Müritz und Kolberg an der Ostsee.
Schon während seiner Berufszeit hatte sich Josua lange Zeit sowohl religiös, wie auch sozial engagiert. Er war Mitglied des Schulvorstands der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Außerdem war er Mitglied im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Lange Jahre war Josua der Vorsteher der Synagoge in der Berliner Rykestraße. Hier gestaltete er Gottesdienste und schaffte es, sie in einer jüdisch-liberalen Form zu gestalten, so dass das Wesentliche bewahrt wurde, aber auch den modernen Menschen etwas mitgegeben wurde. Er beteiligte Erwachsene wie Jugendliche am Geschehen und kürzte seine Predigten bewusst, um die Aufmerksamkeit der Andächtigen wachzuhalten. Er wirkte zusätzlich an hohen Feiertagen in den Betsälen der Gemeinde als Laienprediger.
Im Auerbachschein Waisenhaus in Berlin übernahm Josua zeitweise den Direktorenposten und versuchte auch hier die Gottesdienste nach seinen Ideen zu gestalten.
Das bereits angesprochene soziale Engagement verrichtete oftmals er zusammen mit seiner Frau Else. Bereits während des Ersten Weltkriegs übernahm Josua seelsorgerische Aufgaben in den Lazaretten für jüdische Soldaten. Außerdem beteiligten er und seine Frau sich an der Bahnhofsfürsorge für ostjüdische Arbeiter auf dem Weg ins Ruhrgebiet und betreute als freiwilliger Mitarbeiter der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden jüdische Menschen im Bezirk Prenzlauer Berg. Weiteres soziales Engagement folgte.
Im Ersten Weltkrieg kränkte es Josua, der auch Mitglied in der Reserve war, dass seine englischen Verwandten zwangsläufig auf der Feindesseite standen. Um eine entsprechende Stellungnahme veröffentlichen zu können, übersetzte er den „Essay of Nationalism“ von C. G. Hayes ins Deutsche. Solange es möglich war, engagierte er sich entsprechend seiner politischen Überzeugungen weiterhin im liberal-bürgerlichen Zentralverein und setzte sich für eine Gleichstellung der Juden in der Gesellschaft ein. Erst mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wendete er sich einer möglichen Zukunft im Heiligen Land zu. Diese Träume wurden jedoch vom Kriegsausbruch 1939 jäh zerstört.
Nach 1933 soll es um seine Gesundheit zunehmend schlechter gestanden haben. Er plante noch ein hebräisches Lexikon herauszubringen und hatte hierfür auch umfangreiche Vorarbeiten ausgeführt. 1941 erhielt er von seinen Freunden eine Festschrift zu seinem 70. Geburtstag. Anlass war seine Ernennung zum „Melamed“, also Lehrenden innerhalb des Judentums.
Am 3. Oktober 1942 wurde Josua von Berlin in das Getto Theresienstadt deportiert. Es handelte sich um eine der insgesamt 123 Deportationen, die aus der deutschen Hauptstadt in das Getto gingen. Die Deportation am 3. Oktober 1942 war aber mit insgesamt 1021 Deportierten eine der größeren Transporte.
Else Friedlaender war bereits vor ihrem Mann deportiert worden. Sie hielt sich zum Zeitpunkt der Deportation allerdings nicht mehr in Berlin auf, sondern in einer Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn, einer Stadt nahe Koblenz. Josuas Angaben nach wollte sie dort zur Erholung hin. Evtl. ist sie allerdings auch aus politischen Gründen dort hingebracht worden. Am 14. Juni 1942 wurden insgesamt 250 Patienten und 80 Bedienstete in Bendorf auf 9 Güterwagen verteilt, die in Koblenz an einen weiteren Zug angekoppelt wurden, der dann über Essen und Lublin zum Vernichtungslager Sobibor fuhr. Auch Else gehörte dazu. Laut dem Gedenkblatt bei Yad Vashem ist Else allerdings nicht in Sobibor umgekommen, sondern im gleichen Jahr 1942 in Auschwitz. Kurz nach ihrer Deportation gab Josua an, keine Informationen über den Aufenthaltsort seiner Frau zu haben.
Josua verstarb am 22. Oktober 1942 um 5:40 Uhr, also nur etwa 2½ Wochen nach seiner Ankunft. In der Todesfallanzeige ist als direkte Todesursache eine Adynamia cordis, also eine Herzschwäche eingetragen. Es wurde allerdings auch vermerkt, dass Josua an einem Carcinoma recti, an Mastdarmkrebs litt. Schon in Berlin hatte Josua aufgrund von Darmkrebs eine Operation über sich ergehen lassen müssen.
Alle vier Kinder Josuas haben die NS-Zeit überlebt. Das lag vor allem daran, dass alle vier Deutschland bereits vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen hatten. Die drei Söhne waren in den 30er-Jahren zuerst in Russland berufstätig geworden und kamen schließlich hinterher alle drei nach Palästina. Walter Friedlaender war von Beruf Arzt, Hans hatte in Berlin bei einer Baufirma gearbeitet und Ernst war Elektroingenieur. Laut ihrer Schwester Sophie waren alle drei später verheiratet und hatten je zwei Kinder.
Sophie Friedlaender, die nach ihrer Schulzeit erst einige Zeit in England war und dann in Berlin studiert hatte, arbeitete in der beginnenden NS-Zeit für private und jüdische Schulen als Lehrerin. Sie profitierte von ihren guten Englischkenntnissen und verließ Deutschland 1938 noch rechtzeitig und ging erneut nach England. Dort kam sie viel herum und übte unterschiedliche Berufe aus. U. a. half sie in Flüchtlingslagern für Kinder, die aus Deutschland geholt wurden, arbeitete auch an britischen Schulen und in Heimen, in denen Flüchtlingskinder untergebracht wurden. Während dieser Arbeit lernte sie Hilde Jarecki kennen, mit der sie sich anfreundete, zusammen arbeitete und dann auch jahrzehntelang zusammenwohnte. Hilde hatte ein ähnliches Schicksal wie Sophie und verlor Teile ihrer Familie im Holocaust. 1949 reiste Sophie ins neugegründete Israel und besuchte erstmals nach Kriegsende ihre Brüder. Diese Besuche fanden von da an regelmäßig statt. Ab den 50ern fühlte sich Sophie in England zunehmend heimisch. Sie arbeitete wieder als Lehrerin und tat dies bis zu ihrer Pensionierung 1970. In diesen Jahren machte Sophie auch mehrfach Reisen nach Deutschland. 1996 brachte sie in Buchform ihre Erinnerungen heraus.


Biografische Zusammenstellung

Fabian Boehlke