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Marianne Ziegler (geb. Baruch)

Stolperstein für Marianne Ziegler. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Lessingstr. 8

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Hansaviertel
VERLEGEDATUM
30.03.2013

GEBOREN
03.02.1896 in Wollstein (Posen) / Wolsztyn
DEPORTATION
am 14.11.1941 nach Minsk
ERMORDET
in Minsk

Im Alter von 72 Jahren – rund 30 Jahre nach seiner Emigration in die USA – schreibt Richard Baruch die Erinnerungen an seine Familie und sein Leben in Deutschland auf. Er blickt auf ein »erfülltes und interessantes Leben« zurück, doch aus seinen Aufzeichnungen spricht auch Trauer, wurden doch seine Schwestern Marianne Ziegler und Thekla Ehrmann, um deren Ausreise aus Deutschland er bis zuletzt gekämpft hatte, deportiert und in Minsk ermordet. »Sie war eine intelligente, attraktive und gewissenhafte Frau« – so erinnert sich Richard Baruch noch viele Jahre später an seine Schwester Marianne, deren Gesellschaft immer sehr erheiternd gewesen sei. Thekla Ehrmann hingegen, die Älteste der drei Geschwister, beschreibt er als eher zurückhaltend und ruhig. Richard Baruchs Erinnerungen schildern die Geschichte einer Familie, die über Generationen immer wieder vertrieben wurde, bevor sie 29 ihrer Mitglieder in der Shoah verlor.

Seine Erzählungen reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Besonders lebhaft sind die Anekdoten über den Großvater Salomon Baruch. Dieser sei 1846, im Alter von 20 Jahren, einer der ersten jüdischen Soldaten nach der Emanzipation der Juden in Preußen gewesen. Seinen militärischen Papieren zufolge war er muskulös, 1,95 m groß, mit vielen Medaillen ausgezeichnet und bis in den Rang des Korporals aufgestiegen.

Nach dem Armeedienst erwarb Salomon Baruch in der Nähe von Kriewen (Krzywiń) in Posen große Flächen Land. Das war damals für Jüdinnen und Juden ungewöhnlich, und der dort lebende polnische Adel versuchte, der Familie Baruch das Leben schwer zu machen. Doch laut Erzählungen seiner Kinder wusste Salomon Baruch sich zu wehren: Er habe ein Hufeisen mit bloßen Händen zerbrechen können! Bald sei er in der Dorfgemeinschaft ein respektierter Mann gewesen.

In Wollstein (Wolsztyn), unweit von Kriewen, wuchsen später seine Enkel Richard, Marianne und Thekla Baruch auf. Um die Jahrhundertwende lebten rund 4500 Menschen in der von Flüssen und Wäldern umgebenen Kleinstadt. Die Eltern Ferdinand, Sohn von Salomon, und Paula Baruch, geb. Greiffenhagen, hatten nach ihrer Hochzeit ein kleines Geschäft von Paulas Eltern übernommen, das sich zu einem erfolgreichen Kaufhaus entwickelte.

Die wahre Leidenschaft des gelernten Landwirts Ferdinand Baruch aber galt dem Ackerbau und den Tieren. Wenn er sich nicht gerade um den Gemüsegarten oder die Hühner kümmerte, verbrachte er die Zeit mit Angeln, Jagen, Billard, Bowling oder Kartenspielen. Der Erfolg des gemeinsamen Geschäfts ist vermutlich eher der Mutter Paula Baruch zuzuschreiben, denn Richard charakterisiert sie als »ernsthafte und hervorragende Geschäftsfrau«. Als Tochter eines Rabbiners war sie religiös und führte den Haushalt koscher – sehr zum Leidwesen ihres Sohnes, der sich durch die Regeln, die die Religion vorschrieb, eingeschränkt fühlte.

Rückblickend beschreibt Richard Baruch seine Jugend im Kaiserreich als eine sehr glückliche. Jüdinnen und Juden seien respektiert und gleichberechtigt behandelt worden.

Erst mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges seien die »ersten dunklen Wolken« in seinem Leben aufgezogen. Als deutscher Soldat war er in Russland, Frankreich und Belgien stationiert. Auch über 50 Jahre später ist Richard Baruch stolz darauf, sagen zu können, dass er in dieser Zeit nicht einen einzigen Menschen getötet habe. Nach dem Krieg begann er in Berlin, Medizin zu studieren.

Als im November 1918 Teile der Provinz Posen, Wollstein eingeschlossen, Polen zugesprochen wurden, beschloss auch der Rest der Familie Baruch, nach Berlin zu ziehen. Zunächst gelang es ihnen, Geld nach Berlin zu schmuggeln, sodass Richard dort ein kleines Haus kaufen konnte. 1920 flüchteten schließlich die Eltern Ferdinand und Paula Baruch mit ihrer Tochter Marianne von Wollstein nach Berlin.

Hier heiratete Marianne Baruch, die von ihrer Familie auch Jane genannt wurde, den 23 Jahre älteren Kaufmann Erich Ziegler. Sie lebten zusammen in der Lessingstraße 33 in Berlin-Tiergarten. Doch nur wenige Jahre später, im April 1928, verstarb ihr Mann. Die Ehe war kinderlos geblieben. Richards ältere Schwester Thekla Baruch hatte im Jahr 1914 Max Ehrmann geheiratet, und noch im selben Jahr wurde ihre Tochter Gerda geboren.

Das Ehepaar betrieb ein Geschäft in Forst in der Lausitz. Nachdem Max 1915 zum Kriegsdienst eingezogen worden war, führte Thekla Ehrmann das Geschäft allein weiter. Im März 1918 fiel Max Ehrmann in Frankreich. Thekla zog zusammen mit ihrer Tochter ebenfalls nach Berlin.

Die Schwestern Marianne Ziegler und Thekla Ehrmann, beide gelernte Kauffrauen, eröffneten 1922 in Berlin gemeinsam ein Textilwarengeschäft in der Oldenburger Straße 6.

»Es hielt die ganze Familie beschäftigt«, erinnert sich ihr Bruder Richard Baruch. Er selbst betrieb ab 1925 eine eigene Augenarztpraxis. Wenig später heiratete er Ilse Oppenheimer, mit der er sich ein Landhaus am Lehnitzsee bei Oranienburg kaufte. 1930 wurde ihr erster Sohn Peter geboren, Tom folgte acht Jahre später.

Das Leben im Berlin der späten 1920er-Jahre beschreibt Richard als überaus interessant und anregend und nennt die Stadt eine »kosmopolitische Kulturmetropole«. Dabei schwärmt er von der Musik Wilhelm Furtwänglers und Alban Bergs, den Stücken Bertolt Brechts und Kurt Weills, den Schauspielerinnen Greta Garbo und Marlene Dietrich, den Malern Paul Klee und Wassily Kandinsky, den Wissenschaftlern Albert Einstein und Max Planck.

Gleichzeitig hätten jedoch die Folgen des Versailler Vertrags ihre Schatten geworfen. Die Wirtschaftskrise tat ihr Übriges, und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen die »traurigsten, dunkelsten und schrecklichsten Jahre« in Richard Baruchs Leben.

Aufgrund der nationalsozialistischen Repressionen wanderte er mit

Frau, Kind und Schwiegermutter im Jahr 1936 in die USA aus. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Eltern Ferdinand und Paula Baruch bereits verstorben.

Als die »Samaria« am 4. Juli 1936 in den Bostoner Hafen einfuhr, gab es ein Spektakel aus Feuerwerk und Musik. Rückblickend meint Richard Baruch jedoch, dass diese Feier nicht für die ankommenden Flüchtlinge bestimmt gewesen sein kann. Schnell mussten die Baruchs lernen, dass sie in diesem Land hart arbeiten mussten, um Erfolg und Anerkennung zu bekommen.

Sie arrangierten sich, und bald wurde Richard Baruch auch in seiner neuen Heimat ein angesehener Augenarzt. Für Marianne Ziegler und Thekla Ehrmann konnten von dort aus ebenfalls Visa ausgestellt werden. Doch die Schwestern weigerten sich zunächst nachzukommen, aus Sorge, ihrem Bruder im Exil zur Last zu fallen.

Die verwitweten Schwestern, die sich in der Lessingstraße 26 in Berlin-Tiergarten einen Haushalt teilten, betrieben weiterhin das Geschäft in der Oldenburger Straße. Dort war mittlerweile auch Thekla Ehrmanns Tochter Gerda beschäftigt. Marianne Ziegler kümmerte sich um den Einkauf, Thekla Ehrmann war für den Verkauf zuständig. Die guten Einnahmen erlaubten ihnen einen gewissen Lebensstandard. Vor allem Marianne Ziegler besaß viele Pelze und Schmuck.

Ihr Bruder vermutet rückblickend, dass dies wohl ein materieller Ausgleich für ihr Schicksal gewesen sei, das ihr eine eigene Familie verwehrt hatte.

Ab 1933 jedoch lief das Geschäft infolge des Boykotts jüdischer Geschäfte schlechter. Beim Novemberpogrom 1938 wurde es beschmiert und zerstört und musste kurz darauf zwangsverkauft werden. Über Marianne Ziegler ist bekannt, dass sie danach als Arbeiterin bei der Berliner Berufsbekleidungswäscherei und chemischen Reinigung »Wullf und Pottien« in der Späthstraße 50 in Britz tätig war. Thekla Ehrmann musste Zwangsarbeit bei einer Munitionsfirma verrichten.

Ihr Bruder Richard Baruch setzte sich von Übersee aus erneut für die Ausreise seiner Schwestern ein – diesmal mit deren Zustimmung.

Mithilfe eines Mitarbeiters der US-Botschaft in Berlin konnten Visa für Kuba arrangiert werden. Im Briefkontakt zwischen Marianne Ziegler und ihrem Bruder Richard taucht dieser Mitarbeiter, um ihn zu schützen, unter dem Pseudonym »Tante Trude« auf. Er besuchte die Schwestern in der letzten Zeit öfter in der Lessingstraße und unterstützte sie moralisch und materiell. Wie hoffnungsvoll und zuversichtlich Marianne Ziegler bis zum Schluss geblieben war, belegen zwei ihrer Postkarten an den Bruder. Diese sind auf den 7. beziehungsweise 9. November 1941 datiert, sie hatte sie also nur wenige Tage vor ihrer Deportation nach Minsk verfasst. So schrieb sie zum Beispiel: »Also meine Lieben, seid nicht ängstlich, wenn Ihr von uns keine Post bekommt, wir werden schon durchhalten.« Und: »Wir wollen hoffen, dass wir in zwölfter Stunde noch Glück haben.«

Auch hoffte Marianne Ziegler, ihre Nichte Gerda und deren Ehemann Fritz Hammerstein eines Tages wiederzusehen. Diese waren aufgebrochen, um in das britische Mandatsgebiet Palästina auszuwandern. Marianne Ziegler hat nie erfahren, dass diese dort niemals ankamen. Gerda und Fritz Hammerstein hatten sich bereits im November 1939 einem illegalen Fluchttransport in Wien angeschlossen. Das Schiff sollte über die Donau zum Schwarzen Meer und schließlich nach Palästina gelangen. Dieser Fluchtversuch, von dem sich rund 1200 Jüdinnen und Juden die Möglichkeit auf ein besseres Leben erhofften, sollte als »Kladovo-Transport« in die Geschichte eingehen. Nachdem die Passagiere in Bratislava auf mehrere kleine Schiffe verteilt worden waren, waren sie im Dezember gezwungen, im Donauhafen Kladovo die Eisschmelze abzuwarten. Doch wegen Problemen mit den Behörden mussten sie dort bis zum September 1940 ausharren, anschließend wurden sie in die entgegengesetzte Richtung nach Šabac in der Nähe von Belgrad gebracht.

Dort mussten sie erneut warten. Im März 1941 konnten sich rund 200 Jugendliche über Griechenland und Istanbul tatsächlich nach Palästina retten. Alle anderen Flüchtlinge saßen mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Jugoslawien im April 1941 in der Falle. Unter dem Vorwand der »Partisanenbekämpfung« wurden alle Männer des Kladovo-Transports und somit auch Fritz Hammerstein im Oktober 1941 im Dorf Zasavica bei Šabac in einer »Sühneaktion« erschossen.

Die Frauen und Kinder wurden später in das nahe gelegene Konzentrationslager Sajmište in einem Vorort von Belgrad verschleppt und dort im Frühjahr 1942 in Lastwagen mit Motorabgasen vergiftet, so vermutlich auch Gerda Hammerstein. All dies aber konnte Marianne nicht wissen, als sie ihre hoffnungsvolle Postkarte an ihren Bruder Richard verfasste.

Der nächste Brief aus Deutschland erreichte Richard Baruch nur eine Woche nach Mariannes Postkarten. Er war von »Tante Trude«, dem Mitarbeiter der US-Botschaft, und enthielt die Nachricht, dass Marianne Ziegler und Thekla Ehrmann am 14. November 1941 in Richtung Polen deportiert worden seien. Die schreckliche Gewissheit über den Tod seiner Schwestern erhielt Richard Baruch erst zehn Jahre später mit den Sterbeurkunden aus Berlin. Es folgten Jahre frustrierender Auseinandersetzungen mit den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsämtern in Deutschland.

Marianne Zieglers und Thekla Ehrmanns Neffen und Nichten sowie andere Verwandte leben heute mit ihren Familien in Brasilien, den USA und Australien. Richard Baruch und seine Frau Ilse sind nie nach Deutschland zurückgekehrt.


Anja Reuss, Kristin Schneider (Hrsg.): Berlin - Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten. Ein Gedenkbuch für die nach Minsk deportierten Berlin Jüdinnen und Jude, Berlin 2013.

Biografische Zusammenstellung

Myriam Raboldt