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Else Elisabeth Freund (geb. Mosler)

Stolperstein für Else Elisabeth Freund. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Fregestr. 58

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
05.09.2012

GEBOREN
24.06.1875 in Hirschberg (Schlesien) / Jelenia Góra
FLUCHT
Flucht nach Norditalien
DEPORTATION
im Juni 1944 von KZ Triest nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Else Elisabeth Mosler wurde als ältere Tochter des Tuchhändlers Eduard Mosler und seiner Frau am 24. Juni 1875 in Hirschberg im Riesengebirge (heute: Jelenia Góra / Polen) geboren. Die wohlhabende Familie lebte dort im Hause Am Markt 38. Die jüngere Tochter Helene kam 1884 zur Welt. 1894 heiratete Else Mosler ihren Cousin Siegfried Freund, dem ihr Vater das Medizinstudium in Leipzig und Breslau finanziert hatte und der inzwischen praktischer Arzt und Geburtshelfer war. In Schöneberg bei Berlin hatte er in der Mühlenstraße 19 (heute: Dominicusstraße) eine Praxis eröffnet und eine Wohnung gemietet. Die Kinder Werner und Stephanie wurden 1895 und 1897 geboren; 1897 verließ das Ehepaar die Jüdische Gemeinde und ließ sich mit den Kindern evangelisch taufen. Sohn Werner fiel 1915 an der Front und wurde auf dem Friedhof Alt-Schöneberg in einer Erbbegräbnisstätte beigesetzt. 1916–1919 lebte die Familie in Eisenach: Siegfried Freund, inzwischen Sanitätsrat und Polizeiarzt, war dort Lazarettarzt im Wartburg-Sanatorium. 1919 kehrte die Familie zurück nach Berlin; Wohnung und Praxis befanden sich zunächst in der Stierstraße 16 (heute: Haus Nr. 2). Die Tochter Stephanie heiratete einen Zahnarzt aus Glogau; ihr Sohn Gerhard wurde 1921 in der Praxis des Vaters entbunden. 1926 erwarb das Ehepaar Freund ein Einfamilienhaus in der Fregestraße 58, das in den folgenden Jahren um einen Anbau mit drei Räumen für die Arztpraxis erweitert wurde.

1936 war die Tochter mit ihrem – nach Definition der Nationalsozialisten „arischen“ – Ehemann in die Vereinigten Staaten gereist, letzterer kehrte nach wenigen Wochen zurück und reichte die Scheidung ein. Siegfried Freund bereitete heimlich die Flucht vor, denn er dachte, von den Erträgen eines Schweizer Bankkontos mit seiner Frau leben und seine in Amerika in Armut lebende Tochter unterstützen zu können. Die unverheiratete Schwägerin Helene Mosler zog 1938 ins Haus und hatte mit der seit 1901 in der Familie angestellten Köchin Agnes Schröder und deren Ehemann Vollmachten über Konto und Grundstück. Else und Siegfried Freund fuhren im Frühsommer 1938 – offiziell in den Urlaub – nach Abbazio an der italienischen Adria (heute: Opatija / Kroatien). Siegfried Freund praktizierte hier, während in der Fregestraße ein Vertreter eingesetzt wurde, der jedoch mit dem Entzug der Kassenzulassung von Freund im Dezember 1938 seine Arbeit einstellen musste. Mit der Kriegserklärung Italiens an Frankreich und Großbritannien am 10. Juni 1940 stellte die Schweizer Bank jeden Geldtransfer nach Italien ein. Freunds waren nun auf die Unterstützung der Jüdischen Gemeinde angewiesen. Am 27. November 1941 wurde das Ehepaar offiziell ausgebürgert. Bereits seit November 1943 machte die faschistische oberitalienische Regierung Jagd auf Juden und lieferte sie an die deutschen Behörden aus. Nach dem deutschen Einmarsch am 1. August 1944 wurden alle Juden aus Abbazio abgeholt und über das Sammellager Triest nach Auschwitz deportiert. Ob Freunds noch in Abbazio oder in Triest Suizid begingen oder in Auschwitz in den Gaskammern ermordet wurden, ist aus den Quellen nicht zu belegen. Nach der Registrierung der ankommenden Transporte erreichten am 6. August 1944 300, am 16. August 66 und am 18. August 139 Menschen aus Triest die Selektionsrampe in Auschwitz-Birkenau, wo 100 beim 1. Transport, 8 beim 2. und 27 beim letzten Transport zum Arbeitseinsatz geschickt wurden. Falls sie in einem dieser Transporte die Rampe in Birkenau erreichten, gehörten Else Freund und ihr Mann mit dem Alter von 69 und 77 Jahren ganz sicher zu denjenigen, die sofort in den Gaskammern ermordet wurden.

Else Freunds Schwester Helene Mosler hatte das Haus ihrer Verwandten nach der Beschlagnahme am 29. April 1942 und der darauf folgenden Enteignung am 29. Juni 1942 verlassen müssen und am 4. März 1943 Suizid begangen. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Die Köchin musste mit ihrem Ehemann ebenfalls das Haus verlassen und zog in die Hauptstraße 72. Der „halbjüdische“ Enkel Gerhard durfte nach den Nürnberger Gesetzen nicht studieren, wurde zur Organisation Todt eingezogen und im Bergbau im besetzten Teil Frankreichs eingesetzt. Befreit wurde er mit der Invasion in der Normandie im Juni 1944, 1947 wanderte er in die Vereinigten Staaten aus.

Auf Antrag erhielt die Tochter Stephanie in den 1950er Jahren Grundstück und Haus zurück und verkaufte es, da sie für den Unterhalt nicht aufkommen konnte. 1955 veranlasste die Jüdische Gemeinde der nunmehr jugoslawischen Stadt Opatija die Errichtung eines Denkmals für die aus dem Ort von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Material wurde aus den Trümmern der zerstörten Synagoge gewonnen. Unter den auf einer Platte eingravierten Namen der Opfer befinden sich auch die des Ehepaares Freund. 1959 gab die Schwester der ehemaligen Haushälterin Agnes Schröder das Erbbegräbnis auf dem Schöneberger Friedhof auf, das Grab von Werner Freund wurde eingeebnet. Der Enkel Gerhard hatte vier Kinder, er verstarb 2012. Am 5. September 2012 wurden von einer Anwohnerin vor dem Haus Fregestraße 58 Stolpersteine für Else Elisabeth Freund, ihre Schwester Helene Mosler und ihren Mann Siegfried Freund verlegt.


Biografische Zusammenstellung

Christl Wickert/Hannelore Emmerich